Harburg

"Der Schnarcher selbst beklagt sich auch nie"

Gunther Wiest ist Chefarzt und leitet ein Schlaflabor. Für erholsamen Schlaf rät er zu einer guten Matratze und einem verlässlichen, entspannenden Ritual

Harburg. Wer schlecht einschläft, braucht vielleicht nur ein gutes Ritual - Interview mit Gunther Wiest, Chefarzt der Lungenabteilung mit Schlaflabor in der Asklepios-Klinik.

Hamburger Abendblatt:

Haben Schlafstörungen zugenommen?

Gunther Wiest:

Ja, heute leiden mehr Menschen unter Schlafstörungen. Und sie werden zunehmend als Belastung empfunden.

Woher kommt der Anstieg?

Wiest:

Dafür gibt es eine Reihe an Gründen. Einer ist, dass wir immer älter werden. Je älter man wird, desto schwieriger wird das Schlafen. Insgesamt nimmt die Schlafzeit im Alter ab. Häufig hat schlechter Schlaf im Alter organische Ursachen. Manche Menschen leiden zum Beispiel unter Beinzuckungen, einem neurologischen Syndrom. Bei anderen kommt es zu Atempausen im Schlaf, so dass sie tagsüber sehr müde sind, obwohl sie eigentlich gut schlafen. Besonders häufig aber ist die Insomnie.

Was ist das?

Wiest:

Wer unter einer Insomnie leidet, hat Probleme, einzuschlafen oder die ganze Nacht durchzuschlafen. Doch es gibt verschiedene Maßnahmen, die helfen können, so dass ein Arztbesuch gar nicht nötig wird.

Welche sind das?

Wiest:

Zunächst sollte man die Prinzipien der Schlafhygiene einhalten. Das heißt: Vor dem Schlafen gehen keine großen Mengen Alkohol trinken, nichts mehr machen, was körperlich oder seelisch belastet, also nicht noch etwas für die Arbeit ausarbeiten und danach direkt ins Bett gehen. Auch nach dem Sport sollte man erst den Tag ausklingen lassen und nicht gleich im Anschluss schlafen gehen. Eine angenehme Raumtemperatur und jeden Abend zur gleichen Zeit schlafen zu gehen, helfen auch.

Und wenn dennoch am Ende alles nicht hilft?

Wiest:

In dem Fall geht man davon aus, dass sich der Patient ein Fehlverhalten angewöhnt hat. Meistens geschieht das in einer Phase, in der der Patient zum Beispiel wegen Stress oder nach einem einschneidenden Erlebnis nicht einschlafen kann. Er gerät in einen Teufelskreis. Sobald der Patient ins Bett geht, befürchtet er, nicht einschlafen zu können, gerät so noch mehr unter Druck und kann erst recht nicht einschlafen.

Wie kommt man da wieder raus?

Wiest:

Auf keinen Fall sollte man länger im Bett bleiben und grübeln. Das ist ganz schlecht. Sollte man nach zehn bis 15 Minuten nicht in den Schlaf gefunden haben, empfiehlt es sich, wieder aufzustehen und zum Beispiel etwas zu lesen.

Welche Rolle spielt die richtige Matratze, sollte sie eher hart oder weich sein?

Wiest:

Sie spielt schon eine wesentliche Rolle. Die Matratze, auf der man am besten schläft, ist auch die Richtige. Viele richten sich zu sehr nach den Vorschriften der Gesundheitsbranche und kaufen sich eine harte Matratze, weil sie gut für die Wirbelsäule sein soll, bevorzugen aber eigentlich weiche Unterlagen. Das ist hanebüchen. Man sollte auch nicht zu sehr an der Matratze sparen, wenn es geht. Viele Leute geben viel Geld für ihr Auto aus, investieren aber lediglich 100 Euro in ihre Matratze, die sie dann 30 Jahre lang nutzen. Dabei verbringen wir einen Drittel unseres Lebens auf der Matratze. Da können wir ruhig ein bisschen mehr Geld ausgeben.

Sie sind ja auch Leiter eines Schlaflabors. Welche Patienten sind da richtig?

Wiest:

Nicht alle Menschen, die unter Schlafstörungen leiden, sollten ein Schlaflabor aufsuchen. Es handelt sich um eine teure und auch aufwendige Diagnostik, die nur vorgenommen werden sollte, wenn sie nötig ist. Der richtige Weg ist, zunächst den Hausarzt aufzusuchen, der die Erstbehandlung vornimmt.

Schnarcher haben also auch nichts im Schlaflabor zu suchen?

Wiest:

Reines Schnarchen ist ja nicht ungesund. Das kann nur belastend in einer Beziehung sein. Der Schnarcher selbst beklagt sich auch nie.