Harburg

Grundstein für ein Wohnprojekt

Deutsche und türkische Senioren können in Wilhelmsburg unter einem Dach leben

Wilhelmsburg. Die Kartusche aus Messing wurde reichhaltig gefüllt: mit einer Ausgabe der Zeitschrift Hinz & Kunzt, mit Bauplänen, einer Figur des "Auge der Fatima", mit einem deutsch-türkischen Wörterbuch, mit Blumensamen, Weizen, einer Zeitschrift der Internationalen Bauausstellung (IBA) und mit Münzen. "Wir verschließen diese Kartusche mit guten Wünschen", sagte Investor Hauke Stichling-Pehlke und vergrub sie in der Erde.

Ein in Deutschland einmaliges Projekt startet im Reiherstiegviertel: Im "Veringeck" können ab Herbst 2011 Senioren aus unterschiedlichen Kulturen ihren Ruhestand verbringen. Zusammen mit der Behörde für Soziales, Familie Gesundheit und Verbraucherschutz (BSG), dem Investor GbR Veringeck, dem Pflegedienst Multi-Kulti sowie der Koordinierungsstelle für Wohn-Pflege-Gemeinschaften hat die IBA dieses "Modellprojekt für interkulturelles Wohnen im Alter" entwickelt.

In dieser Woche ist Baubeginn, der Kampfmittelräumdienst untersucht noch das Baugelände an der Veringstraße/Veringweg. Am Montagabend hat Bezirksamtsleiter Markus Schreiber (SPD) mit IBA-Geschäftsführer Uli Hellweg bereits eine Informationsstele in drei Sprachen enthüllt: in Deutsch, Türkisch und Englisch.

Hellweg: "Das Veringeck wird nicht nur über Wohnungen für türkische und deutsche Senioren verfügen, sondern im Erdgeschoss einen Bereich bieten, der für die Bevölkerung zugänglich ist."

In zwei der vier Geschosse sind Wohngemeinschaften für deutsche und türkische Senioren aus dem Stadtteil geplant. Die Bewohner können hier in eigenen Wohnungen leben und bei Bedarf Pflegeangebote in Anspruch nehmen. Daneben entsteht nach Angaben der IBA die deutschlandweit erste Wohngemeinschaft für demenzkranke Senioren türkischer Herkunft. Die Angehörigen sollen aktiv in den Alltag der Bewohner einbezogen werden.

Leyla Yagbasan, Inhaberin des Pflegedienstes Multi-Kulti: "Wir haben im Veringeck die Möglichkeit, neue Angebote für ältere Migranten zu schaffen." Im Erdgeschoss des Hauses entstehen eine Tagesstätte, ein Hamam - ein türkisches Dampfbad - sowie ein Café. Diese Einrichtungen werden auch für die Nachbarschaft geöffnet sein.

Die GbR Veringeck investiert rund 3,5 Millionen Euro. Die IBA hatte bereits 2009 ein Gutachterverfahren für das "Veringeck" durchgeführt. Realisiert wird der Entwurf der Architekten Gutzeit + Ostermann aus Hamburg. Die Wohnungsgrundrisse sind aus der Struktur klassischer türkischer Häuser entwickelt worden.

Die vielen offenen Bereiche vor den Wohnungen sollen Platz für Begegnungen schaffen. "Alt zu werden in einem Land, in dem man nicht geboren ist, ist ein Thema, das mich schon immer interessiert hat", sagte der Investor Hauke Stichling-Pehlke. "Ich freue mich, dass ich das interkulturelle Wohnhaus realisieren kann, weil es in Deutschland kein vergleichbares Projekt gibt."

Tenor aller Beteiligten: "Auch die älteren Migranten wollen hier bleiben und sollen hier bleiben." In Hamburg leben rund 43 000 pflegebedürftige Menschen, davon 3000 mit Migrationshintergrund.