Die Stadtteilserie

Altenwerder

| Lesedauer: 8 Minuten
Berndt Röttger

Drei Einwohner, Millionen Stahlkisten und Hamburgs einzige Kirche, die einer Behörde gehört.

Die Kirche kennt wohl jeder Hamburger. Zumindest, wenn er schon einmal auf der Autobahn 7 aus Süden kommend auf den Elbtunnel zugefahren ist. Rechts der Autobahn ragt der rote Backsteinturm über den grünen Bäumen empor. Kein Haus steht weit und breit daneben. Wenn man sie sieht, weiß man: Gleich bin ich zu Hause.

Das ist ein wenig grotesk, denn die Kirche erinnert gleichzeitig an mehr als 2000 Hamburger, die ihr Zuhause verloren haben. Sie ist das Überbleibsel des historischen Fischerdorfes Altenwerder, dessen letztes Haus 1998 dem Hafen weichen musste. Auch wenn die Kirche viele Hamburger vom Vorbeifahren (oder vom Blick aus dem Stau) kennen - besucht haben sie wohl die wenigsten. Dabei ist die 1830 erbaute St. Gertrud in vielfacher Hinsicht einen Besuch wert: Sie ist nicht nur Kirche, sie ist Museum, Mahnmal, Konzertsaal, Treffpunkt einer Exilgemeinde, Café und die einzige Kirche Hamburgs, die nicht der Kirche gehört, sondern - der Finanzbehörde. Jeweils für zehn Jahre erhält die Gemeinde ein Nutzungsrecht. Der Vertrag wurde jetzt schon zum dritten Mal verlängert.

Die 151 Mitglieder des Fördervereins der Kalten Dorfkirche St. Gertrud veranstalten Führungen, Konzerte und haben ein Heimatmuseum in der Kirche eingerichtet. An jedem zweiten Sonntag wird hier ein Gottesdienst gefeiert - und anschließend mitten in der Kirche ins improvisierte Kirchen-Café eingeladen. Mindestens 25 frühere Altenwerder sind immer da - häufig auch einige "Touristen".

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Name & Geschichte +++

+++ Töchter & Söhne +++

Deutlich voller ist es bei Konfirmationen, Taufen oder Hochzeiten. Viele wählen die Kirche, selbst wenn sie nur eine entfernte Beziehung zu ihr haben, weil sie etwas ganz Besonderes ist. Heiligabend wird St. Gertrud zum Treffpunkt der in alle Himmelsrichtungen verteilten früheren Bewohner des Dorfes Altenwerder. Dann kommen bis zu 600 Menschen in den Gottesdienst.

"Vorher ist nicht Weihnachten", sagt Klaus Lippmann, dessen Familie seit 1850 auf Altenwerder lebte. Sein Urgroßvater hatte "ein Mädel auf der Insel kennengelernt" und war hier hängen geblieben. Er gründete die Seilerei Lippmann, die 1983 nach Hausbruch umgezogen ist.

Nur Trauerfeiern gibt es in der Kirche nicht mehr: Die Friedhofsnutzung läuft aus. Beerdigungen darf es keine mehr geben. Mit Ausnahmen: "Wir warten noch auf zwei Damen, die neben ihren Männern beerdigt werden", sagt Pastor Dirk Outzen, der die Kirche von der Thomas-Gemeinde in Hausbruch aus betreut. "Die Kirche lebt", sagt Anneliese Schauberg. Die Vorsitzende des Kirchen-Fördervereins wuchs auf, wo sich heute Container stapeln. Schon in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde Altenwerder als Hafenerweiterungsgebiet ausgewiesen. Doch erst die Einführung des Containers nach dem Zweiten Weltkrieg war der Todesstoß für Altenwerder.

Ein Job in 54 Meter Höhe

Als Thomas Koch nach Altenwerder kam, war das Dorf Geschichte. Die Abrissbagger hatten es dem Erdboden gleich gemacht. Koch ist einer der Väter des neuen Altenwerder: Er hat den Container-Terminal Altenwerder (CTA) von 1999 an mit zehn weiteren Mitarbeitern der HHLA entwickelt. "Wir haben uns damals die unterschiedlichen Varianten angeschaut und uns entschieden, einen vollautomatischen, computergesteuerten Terminal zu bauen. So etwas gab es damals auf der ganzen Welt noch nicht", erinnert sich Koch. Viele technische Details wurden von den HHLA-Mitarbeitern selbst entwickelt - und später an andere Häfen verkauft.

Die führerlosen Containertransporter (sogenannte AGV) auf dem Gelände fahren über ein Raster von Bodenmarken. Der Computer im Fahrzeug berechnet mit zwei Marken, wo er sich gerade befindet - und wie er weiterfahren muss. Ein Zentralrechner weiß immer genau, wo sich welches Fahrzeug gerade befindet. Ein wahres Abenteuer war der Start des neuen Terminals: Eigentlich sollte der Betrieb über sechs Monate hochgefahren werden. "Am Ende haben wir nur drei Monate gehabt und dann später lauter kleine Fehler im laufenden Betrieb ausgemerzt. Es gab ja damals keine Erfahrung mit der Technologie", erinnert sich Thomas Koch. "Das Projekt hat mich bestimmt drei bis vier Jahre meines Lebens gekostet - aber ich würde es sofort wieder machen", sagt er. Am 25. Juni 2002 wurde der CTA als modernster Containerterminal der Welt eröffnet.

Heute sitzt Michael Söhl 54 Meter über der Elbe und sagt: "Ich habe den schönsten Job im Hafen." Der Stader ist Containerbrückenfahrer und seit Mai 2002 in Altenwerder dabei. Angefangen hat er in der Lkw-Beladung, doch nach anderthalb Jahren hat er sein Brückenpatent gemacht und steuert eine der 15 riesigen Containerbrücken in Altenwerder. Das hat viel mit Fingerspitzengefühl zu tun, sagt er. Durch die Glasscheibe unter seinem Sitz kann er nach unten auf das Containerschiff schauen und die Stahlboxen exakt greifen oder absetzen.

Viel Rauch um eine Tankstelle

Direkt an der Autobahn 7 befindet sich der Autohof Altenwerder von Bärbel Uliczka. Die Tankstelle ist die einzige Einkaufsmöglichkeit in Altenwerder - und der dazugehörige Trucker-Treff das einzige Restaurant. Die Tankstellenpächterin sorgte im Februar 2012 dafür, dass das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe das Nichtraucherschutzgesetz in Hamburg kippte.

Das Gesetz hatte in Gaststätten, die Speisen anboten, auch abgetrennte Raucherräume untersagt. Die Wirtin Uliczka ging für ihre Trucker vor Gericht - obwohl sie seit 20 Jahren Nichtraucherin ist. Die gebürtige Elmshornerin war mit ihrem Mann Bernd vor 30 Jahren nach Altenwerder gezogen, als viele Einwohner den Stadtteil bereits verlassen hatten.

Sportler halten die Dorfgeschichte hoch

Auch im Sport lebt Altenwerder weiter: Der Freie Turn- und Sportverein Altenwerder von 1918 (kurz FTSV Altenwerder) hat mehr als 600 Mitglieder und bietet neben Fußball auch Turnen, Volleyball und vieles mehr. Seit Ende der 70er-Jahre ist der FTSV zwar in Neugraben zu Hause, doch die Geschichte Altenwerders wird hier weiter hochgehalten.

Geschichte und Moderne, Natur und Technik, Wind und Wasser: Wer die unterschiedlichen Welten Altenwerders erleben möchte, kann alles auf einem kurzen Spaziergang vereinen. Von der Kirche gibt es einen grünen Weg in Richtung Süden. Nach ein paar Hundert Metern geht es hinauf auf den 21,9 Meter hohen Moorburger Berg. Auch wenn man sich hier schon im Nachbarstadtteil befindet - an sich gehört der Berg zu Altenwerder. Denn er wurde beim Bau des CTA aufgeschüttet. Von hier aus hat man einen faszinierenden Blick auf den Terminal.

+++ Der Stadtteil-Pate: Berndt Röttger +++

Wenn man am anderen Ende des Berges hinabgeht, kann man vom Drewer Hauptdeich aus die Kaimauer erreichen. Die riesigen Containerfrachter scheinen zum Greifen nahe. Auf dem Rückweg bietet Altenwerder noch zwei andere Riesen: Die Sechs-Megawatt-Windkrafträder zählen seit 2009 zu den höchsten Bauwerken Hamburgs. Mit 198,5 Metern sind sie fast doppelt so hoch wie die Elbphilharmonie.

Die Serie bald als Buch: jetzt bestellen unter www.abendblatt.de/shop oder Telefon 040 / 347 265 66

In der nächsten Folge am 22.8.: Billbrook

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