Hamburg

„Weniger Autoverkehr auf dem Ohlsdorfer Friedhof!“

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Jan Haarmeyer
Friedhof Chef Carsten Helberg; lok, Jan Haarmeyer

Friedhof Chef Carsten Helberg; lok, Jan Haarmeyer

Foto: Andreas Laible

Nach 100 Tagen im Amt will Chef Carsten Helberg die Anlage behutsam umwandeln – und das Verkehrsaufkommen drastisch reduzieren.

Hamburg.  Vor 100 Tagen hat Carsten Helberg seinen Posten als Hamburgs oberster Friedhofsmanager angetreten. Der 50-Jährige war Werksleiter der Stadtbetriebe Ahrensburg und zuletzt selbstständiger Berater im öffentlichen Bereich. „Mit Carsten Helberg konnten wir einen Geschäftsführer gewinnen, der die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen kennt“, sagt Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne). Das Abendblatt hat mit Helberg über seine Pläne gesprochen.

Wie sieht Ihre Bilanz nach den ersten 100 Tagen als Geschäftsführer des Friedhofs Ohlsdorf aus?

Carsten Helberg: In diesen Tagen habe ich öfters bemerkt, dass das, was auf dem Friedhof passiert, keineswegs nur aus Beisetzung, Trauer und Grabpflege und den dazugehörenden administrativen Pflichten besteht. Mein Aufgabenspektrum ist vielfältiger und breiter als ich angenommen habe. Nicht nur der Ohlsdorfer Friedhof zeigt sich als sehr besonderer und reizvoller Ort. Ich fühle mich auch auf den anderen Friedhöfen in meinem Verantwortungsbereich – Öjendorf, Volksdorf und Wohldorf – sehr wohl. Und auch die Menschen, mit denen ich in den ersten 100 Tagen zu tun gehabt habe, sind besonders – und alles andere als traurig und bedrückt.

Der Trend ist seit Jahrzehnten eindeutig: Es finden immer weniger Bestattungen statt, immer mehr Flächen müssen neu genutzt werden. Was können Sie gegen das langsame Sterben des Friedhofs tun?

Der Friedhof stirbt nicht. Aber es ist wahr: Die Nutzungsarten auf den Friedhöfen verändern sich im Laufe der Zeit. Wir sind dabei, attraktive Angebote zu schaffen, um dem primären Zweck des Friedhofs noch besser zu genügen. Also: Die Schaffung kostengünstiger Beisetzungsstätten aber auch attraktiver Grün- und Erholungsräume. Und auch Räume für exklusive Grabstätten, die es heute wieder gibt.

Wie ist die wirtschaftliche Situation?

Der Friedhof wird durch Gebühreneinnahmen und aus allgemeinen öffentlichen Mitteln finanziert. Die Finanzierung ist im Wesentlichen für den ordentlichen Betrieb auskömmlich. Zur- ­zeit hat der Friedhof allerdings – wie viele andere Betriebe – zusätzliche Rückstellungen zu bilden, um die Pensionslasten zu tragen.

Gelingt das?

Diese ausgeglichene wirtschaftliche Lage gelang in der Vergangenheit durch stetige Effizienzsteigerungen und Sparsamkeit. Mit diesen beiden Grundpfeilern soliden Wirtschaftens wird sie auch in der Zukunft gelingen.

Müssen die rund 350 Mitarbeiter auf den vier Friedhöfen in der Zukunft um ihre Jobs fürchten?

Nein. In der Vergangenheit gab es zu keiner Zeit betriebliche Kündigungen. Es wird sie auch in Zukunft nicht geben.

Viele Friedhofsbesucher kritisieren seit Jahren, dass immer mehr Autofahrer den Friedhof mit seinen breiten Straßen als Abkürzung und Stau-Umgehung benutzen. Wie viele Autofahrer benutzen den Friedhof täglich?

Rund 5000. In einer Studie über das Verkehrsaufkommen auf dem Friedhof Ohlsdorf aus dem Oktober 2015 wurden etwa 10.000 Ein- und Ausfahrten pro Tag an den vier Zufahrten Fuhlsbüttler Straße, Kornweg, Bramfelder Chaussee und Seehofstraße gezählt. Die meisten, nämlich rund 4000 Fahrzeuge, benutzen die Ein- und Ausfahrt an der Fuhlsbüttler Straße. Die niedrigste Belastung wurde mit rund 1200 Fahrzeugen am Kornweg gezählt. Und: Bei bis zu 67 Prozent der Fahrten handelt es sich um reinen Durchgangsverkehr, also gar nicht um Friedhofsbesucher.

Das heißt, dass zwei von drei Autofahrern den Friedhof nur benutzen, um staufrei voranzukommen?

In der Tat wird der Friedhof leider gerade morgens zur Rush-Hour, aber auch abends zur Durchfahrt genutzt. Und die stärkste Verbindung dieses Durchgangsverkehrs ist die Strecke von der Fuhlsbüttler Straße zur Bramfelder Chaussee mit rund 1100 Fahrzeugen pro Tag. Hauptverkehrsströme sind morgens von Ost nach West und nachmittags von West nach Ost.

Wie lässt sich das Aufkommen reduzieren?

Wir werden noch in diesem Herbst die Einfahrt zeitlich beschränken. Aber so, dass Friedhofsbesucher und Trauergäste hierunter kaum zu leiden haben.

Was heißt das konkret?

Bisher ist der Friedhof bis auf die Einfahrt Kornweg ab acht Uhr morgens geöffnet. Wir werden ihn für den öffentlichen Verkehr in Zukunft überall erst um neun Uhr öffnen. In dieser ersten Stunde ist das Verkehrsaufkommen am höchsten. Experten schätzen, dass sich alleine durch diese Maßnahme der Autoverkehr auf dem Friedhof um 70 Prozent reduzieren lässt. Um aber genauere Zahlen zu bekommen, werden wir auf jeden Fall noch in diesem Jahr eine weitere Verkehrszählung auf dem Friedhof durchführen.

In den Workshops zur zukünftigen Gestaltung des Friedhofs gab es von Bürgern und Experten zum Thema Wege und Mobilität zahlreiche weitere Ideen wie zum Beispiel die Einführung von Tempo 20, bessere Radwege oder weitere Stadtrad-Stationen. Was halten Sie davon?

Entscheidender ist es aus meiner Sicht, dafür zu sorgen, dass das vorhandene Tempo-30-Gebot auch wirklich eingehalten wird. Wir sind mit dem zuständigen Polizeikommissariat im Gespräch, um so den störenden Verkehr zu reduzieren, die Zugänge zu den Gräbern und zu Kapellen für Trauergäste und Grabbesucher jedoch nicht zu beschränken.

Welche Ideen haben Sie, den Friedhof weiter für Menschen zu öffnen?

Der Friedhof erfüllt für die Menschen in dieser Zeit viele Bedürfnisse. Primär dient er dazu, dass hier um die Angehörigen getrauert werden kann. Zukünftig soll der Friedhof auch verstärkt als Naturerlebnisraum, als Freizeitfläche, als kulturelle Erlebnisfläche wahrgenommen werden. Hierzu gibt es aus dem aktuellen Projekt Ohlsdorf 2050 eine Menge geniale Ideen.

An was denken Sie?

Zum Beispiel an Präsentationen moderner Kunstprojekte in besonderen Parkbereichen oder Kapellenräumen. Oder an die Erhaltung historischer Obstsorten etwa als Birnen- oder Apfelalleen. Der Friedhof also als eine Art Arche Noah für Obstsorten, die zu verschwinden drohen – und die hier dann auch angeboten und verkauft werden können. Solche Projekte wollen wir möglichst schnell umsetzen.

Welche werden als erstes umgesetzt?

Wir werden auf jeden Fall den Eingangsbereich am Ohlsdorfer Bahnhof umfassend neu gestalten. Wir wollen dort einladender werden. Außerdem soll die Vernetzung mit Anbietern von touristischen und kulturellen Dienstleistungen erheblich intensiviert werden. Diese Angebote sollen dafür sorgen, dass noch mehr Menschen den grünen und kulturellen Reichtum in Ohlsdorf erfahren können.