Die Stadtteilserie

Neustadt: Ein Viertel, das Geschichte schrieb

| Lesedauer: 7 Minuten
Thomas Andre

Die Neustadt ist Hamburgs bekanntester und zugleich unbekanntester Stadtteil. An der Historie kommt man in der Neustadt nicht vorbei.

Städte sind Gesamtkunstwerke, und sie lassen sich nur für die Kollegen von der Vereinfachungs-Fraktion auf einen Nenner bringen. Es ist doch klar, dass eine Stadt gerade interessant ist, wenn sie in bunten Farben schillert: Sie setzt sich wie ein Mosaik zusammen. Bricht man ein Stück heraus, klafft da eine Lücke. Hamburg ohne St. Georg, Harburg, Ottensen oder Wandsbek? Schwer vorstellbar. Und doch gibt es Stadtteile, die prominenter sind als andere oder wichtiger, natürlich nur gefühlt. Oder wie soll man das formulieren, wenn zu einem Stadtteil der Michel, die Binnenalster, der Gänsemarkt und Planten un Blomen gehören?

In der Sprache des Tourismus nennt man Orte mit herausragender geschichtlicher oder optischer Bedeutung Sehenswürdigkeiten: Den Michel und den Jungfernstieg kennt jeder. Es soll aber selbst in Hamburg Menschen geben, die nicht wissen, wie der Stadtteil heißt, in dem sich die genannten Hotspots befinden. Innenstadt? City? Altstadt? Nicht ganz: Hamburgs bekanntester-unbekanntester Stadtteil ist die Neustadt. Sie liegt im Herzen Hamburgs: zwischen Stephansplatz und Landungsbrücken, den Wallanlagen und dem Neuen Wall. Sagen wir mal so: Ohne die Neustadt wäre Hamburg arm dran. Zwar gingen der Stadt mit knapp 12.000 Einwohnern verhältnismäßig wenige Einwohner verloren - und auch die 2,233 Quadratkilometer Fläche wären zu verschmerzen. Was würde der Hansestadt aber nicht alles fehlen: das Gängeviertel, der Großneumarkt, die Laeiszhalle, das Portugiesenviertel, die Hamburgische Staatsoper und das Museum für Hamburgische Geschichte.

Hamburgs Herz unter Bismarcks Blick

An der Historie kommt man in der Neustadt nicht vorbei. Das Gängeviertel ist ein Überbleibsel der alten, engen Wohnquartiere und heute fest in Künstler-Hand, der Michel, 1648 erstmals erbaut, ist Hamburgs bekannteste Kirche. Heute ist die Gemeinde verhältnismäßig klein. Früher war das anders: In der Neustadt lebten im Jahr 1885 noch fast 100.000 Menschen. Die "große" Geschichte ist hier übrigens im Alten Elbpark zu besichtigen, das Bismarck-Denkmal zu Ehren des Reichsgründers ist weithin sichtbar. Über 33 Meter hoch, gebaut auf einem Hügel: ein steinernes Monument. Der olle Bismarck kann zwar nicht bis in seinen Sachsenwald schauen, aber das Herz von Hamburg sieht er genau vor sich.

Überhaupt ist die Neustadt die Heimat eindrucksvoller Erscheinungen. Der Neue Wall erinnert insbesondere mit dem Görtz-Palais, einem riesigen Stadthaus, an die Anfänge des mondänen Hamburgs. Anfang des 18. Jahrhunderts lebte in den Protzvillen der Geldadel. Vielleicht sollte man hier seinen Rundgang durch den Stadtteil beginnen. Heute befinden sich am Neuen Wall Geschäfte und Kontore. Gleiches gilt für die Großen Bleichen, Hamburg Shopping-City. Jenseits der Fuhlentwiete, in der charmanten Wexstraße, kann man auch einkaufen - freilich verändert sich der Charakter der Neustadt, je weiter man in den Südwesten geht, grundsätzlich.

Im Nordteil, zu dem Stephansplatz, Esplanade und Jungfernstieg gehören, wird (außer im Vier Jahreszeiten) eher nicht gewohnt, sondern Handel getrieben, in Büros gearbeitet, flaniert und konsumiert. Gelebt wird vornehmlich weiter Richtung Elbe - obwohl auch der Großneumarkt und das Hafenviertel zu ausgedehnten Spaziergängen einladen. Ganz früher, bis um die vorletzte Jahrhundertwende, befand sich in der Neustadt das Judenviertel, in der Poolstraße stand einst der reformjüdische Tempel. Später wanderte die Gemeinde ins Grindelviertel ab, heute erinnert nichts mehr an die jüdische Vergangenheit der Neustadt.

Von wegen Charlottenburg!

In jüngerer Zeit war der Großneumarkt, das heimliche Zentrum des Stadtteils, mal so etwas wie der kleine Kiez. Er wurde von den Nachtschwärmern gerne angesteuert. Bis in die Morgenstunden war hier Remmidemmi, und manch einer hätte wahrscheinlich irgendwann ein Königreich für eine Currywurst gegeben - Feiern macht hungrig. Leider hat schon lange niemand mehr eine Currywurst zwischen Altem und Neuem Steinweg, Thielbek, Wexstraße, Markusstraße und Erster Brunnenstraße gegessen. Woher nehmen? Es gibt am Großneumarkt derzeit keine Fressbude, dabei ist die Currywurst doch hier erfunden worden.

Seit 2003 erinnert eine Gedenktafel an Uwe Timms literarische Figur Lena Brücker, die angeblich "Die Entdeckung der Currywurst" (so der Titel der Novelle des gebürtigen Hamburgers) gemacht hat. Auch wenn die Berliner hartnäckig behaupten, in Charlottenburg sei einst, also so um 1950, jemand auf die fabelhafte Idee gekommen, ein Würstchen mit einem pikanten Sößchen zu servieren: glauben wir nicht. Hamburger essen nicht nur Fisch, und wenn sie Fleisch essen, dann unbedingt als Pioniere. Den Hamburger haben wir ja auch erfunden!

"Hummelbummel" auf dem Strich

Über den Großneumarkt verläuft eine rote Linie. Und nicht nur da; es lohnt sich in der Neustadt, ab und an die Nase auf den Boden zu richten. Entlang des roten Fadens kann hier jeder den "Hummelbummel" machen und von einem Relikt des alten, historischen Hamburgs zum andern wandern. Und dabei sehen, wie sich das Gesicht des Quartiers verändert hat: Wo früher der Jüdische Friedhof war, sind jetzt Gebäude. Das Geburtshaus Carl von Ossietzkys in der Michaelisstraße steht noch. Und wenn man schon dabei ist, kann man auch das Geburtshaus Felix Mendelssohn Bartholdys anschauen. Es liegt quasi direkt nebenan. Aber nicht nur die Söhne der Stadt, zu denen auch Johannes Brahms gehörte, machen die Neustädter selbstbewusst. "Die Menschen hier sind lokalpatriotisch", sagt Quartiersmanager Sascha Bartz. Sein Revier befindet sich rund um den Großneumarkt, und hier, weiß der Stadtteilentwickler, "kennt jeder jeden, insofern hat die Neustadt auch durchaus dörflichen Charakter".

Die größte Restaurantdichte der Stadt

Um auf das Kulinarische zurückzukommen: Die wahrscheinlich größte Restaurant- und Cafédichte hat Hamburg im Portugiesenviertel: Bei 40 hört man dann mal auf zu zählen. Das Portugiesenviertel heißt so, weil sich hier einst portugiesische Zuwanderer ansiedelten - und spanische. Ein paar der früheren maritimen Läden sind immer noch da, dort kann man Modellschiffe kaufen und andere Hamburgensien. Interessant ist das Portugiesenviertel mittlerweile aber vor allem für die Latte-macchiato-Fraktion, die hier gerne ihren Kaffee trinkt. In Klein-Portugal heißt der übrigens Galao.

Wer mal einen Tag in der Neustadt verbringt, der sollte diesen auf jeden Fall im Portugiesenviertel ausklingen lassen: Hier strömen alle Hafenbesucher hinein, und weil Touristen nicht immer nur nerven, fühlt man sich selbst so, als hätte man Urlaub. Hier kann man es aushalten. Man kann auch weg, natürlich, gerade hier: Die Landungsbrücken sind nicht weit entfernt, da fährt ja schon wieder ein großer Kreuzer dem Meer entgegen. Und der Michel blickt ihm verlässlich nach.

In der nächsten Folge am 15.10.: Ohlsdorf

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