Hamburger Polizistin

Ein Schuss aus der Dienstpistole – mit schweren Folgen

| Lesedauer: 12 Minuten
Christoph Heinemann und Michael Arning
Gegen Romina W. wurde 35 Monate lang ermittelt, bis das Verfahren schließlich eingestellt wurde.

Gegen Romina W. wurde 35 Monate lang ermittelt, bis das Verfahren schließlich eingestellt wurde.

Foto: Michael Arning

Die Polizeigewerkschafterin Romina W. musste im Einsatz auf einen bewaffneten Mann feuern. Sie leidet bis heute unter der Belastung.

Hamburg. Die Bilder sind noch da, das Adrenalin hat sie eingebrannt. Der halb nackte Verwirrte und das Geschrei. Der Mann mit dem Messer in ihrem Augenwinkel. Der hallende Knall ihrer Dienstwaffe, einer Walther P99. Die Blicke ihrer Kollegin und der Blick hinunter auf den Verletzten, eine blutende Wunde am Bauch. Ihre beiden Hände noch immer an der Pistole und die Frage, was nun passiert. „Natürlich würde man gern einfach vergessen“, sagt Romina W. „Aber das ist nicht so einfach.“

Sie sitzt am schweren Esstisch in ihrem Reihenhaus in Norderstedt, ihre Stimme und Züge sind sanft. Es war eher Zufall, dass Romina W. von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) überhaupt Polizistin wurde. Mit 15 Jahren bewarb sie sich, gemeinsam mit ihrem damaligen Freund. Aber die Arbeit packte sie schnell. Am Polizeikommissariat 11 in St. Georg, zwischen Steindamm und Hansaplatz, fand sie ihre Stärke. „Ich habe gemerkt, dass es mir liegt, auch mit Obdachlosen und Junkies menschlich umzugehen. Dass ich es unbedingt wollte, so zu arbeiten.“ Bis sie tun musste, was auch zu ihrem Beruf gehört.

Hamburger Polizistin benutzte Dienstwaffe

Romina W. hat auf einen jungen Mann geschossen. So wie mindestens 13 andere Polizisten, die nach der Senatsantwort auf eine aktuelle Kleine Anfrage des CDU-Abgeordneten Dennis Gladiator in den vergangenen vier Jahren ihre Dienstwaffe einsetzten. Fast jeder solcher Fall sorgt kurz für Aufsehen. Auch für Diskussionen, ob es neue Mittel für Polizisten wie Taser braucht. Aber welche Folgen die Vorfälle für die Beamten selbst hat, wird fast nie bekannt. Was es mit ihnen und auch ihrer Karriere macht.

Sie dachte, sie werde das schon wegstecken, sagt Romina W. Und weil sie nach Lehrbuch gehandelt habe, werde auch das interne Verfahren bald abgeschlossen sein. Beides war falsch. „Egal, wie toll die Hilfe und die Kollegen sind, man findet kaum einen Schlusspunkt“, sagt die Frau, ihren vollen Nachnamen möchte sie nicht in der Zeitung lesen.

Schuss fiel bei einem alltäglichen Einsatz

Der 9. September 2017 ist ein trüber Sonnabend. Als Romina W. mit ihrer Kollegin den Einsatz bekommt, erhält sie nur wenige Worte: „Streit zwischen mehreren Personen.“ Sie fahren mit einem weiteren Kollegen zu einer neu gebauten Wohneinrichtung für junge Menschen am Kirchenweg nahe dem Hansaplatz. Eine Betreuerin empfängt sie, erklärt ihnen die Lage. Durch das Fenster zum Innenhof können sie es selbst sehen: Ein junger Mann steht nur in Unterhose da, daneben eine junge Frau. Beide schreien aufeinander ein.

Die Polizistinnen teilen sich auf. Romina W. versucht, mit dem Mann zu reden. Worum es bei dem Streit überhaupt ging, wird sie auch später nie erfahren. „Das ist so eine alltägliche Geschichte, da stellt man gar nicht erst viele Fragen. Man beruhigt die Lage, nimmt die Personalien auf, und das war’s.“

Mann lief mit Messer auf Polizistin zu

Aber der Mann beruhigt sich nicht. Er versucht, sich loszureißen und über eine Feuertreppe davonzulaufen. Romina W. hält ihn fest, hinter ihr ist ein weiterer Eingang zu dem Innenhof. Sie dreht sich wie automatisch um, vielleicht war es ein Geräusch, vielleicht Instinkt.

Ein weiterer Mann kommt mit einem Messer aus der Tür gestürmt, direkt auf sie zu. Er ist kaum zwei Meter entfernt. Romina W. greift zur Waffe und schießt. Die Kugel trifft ihn im Bauch, er sackt zusammen, sie sichert ihn. An den Fenstern zum Innenhof drücken sich Gesichter gegen die Scheiben. Eine weitere Frau kommt heraus, auch sie schreit.

Verfahren wegen Schusswaffengebrauch

Romina W. fühlt wenig, sie funktioniert noch. Rettungswagen und Notarzt treffen ein. Der Wachhabende aus dem Revier kommt und holt Romina W. ab. Sie wird in einem Raum isoliert. Man sagt ihr, dass sie nicht mit den Kollegen sprechen solle. Sie ist Beschuldigte in einem Verfahren des Dezernats Interne Ermittlungen (DIE), das bei jedem Schusswaffengebrauch eingeleitet wird.

„Es war unwirklich – wie in einer Blase“, sagt die Gewerkschafterin, wenn man sie heute fragt, wie es ihr damals ging. Der Revierführer kommt und eine sogenannte „Peer“, eine Seelsorgerin der Polizei. Ihr Vorgesetzter sagt ihr „jede Hilfe zu, die du brauchst“. Aber sie braucht nichts, denkt sie. „Ich war nicht aufgeregt. Am liebsten wollte ich einfach den Ausbildern damals auf dem Schießstand danken. Dass sie einen auf diese Situation vorbereitet haben.“

24-Jähriger stand unter Drogen- und Alkoholeinfluss

Der Mann, den sie niedergeschossen hat, ist 24 Jahre alt. Er stand unter massivem Drogen- und Alkoholeinfluss. Die Ärzte im Krankenhaus operieren ihn und halten ihn zunächst im künstlichen Koma. Aber er überlebt.

Am Montag danach geht Romina W. zum Dienst, als wäre nichts gewesen. Sie fühlt sich gut. Am folgenden Wochenende ist sie wieder auf Streife. Am Bahnhof Berliner Tor macht ein Mann Ärger, die Beamten geraten in einen Kampf mit ihm, sie müssen ihn zu Boden drücken. Eine Gruppe von 20 Männern wird darauf aufmerksam. „Was macht ihr da?“, ruft einer, sie gehen auf die Beamten zu und bepöbeln sie. Ein dunkles Gefühl steigt in Romina W. auf, ihre Gedanken rasen. Wird einer von ihnen angreifen?

„Ich brauche eine Pause von der Straße“

Als die Situation und die Schicht glimpflich zu Ende gegangen sind, geht sie zu ihrem Vorgesetzten: „Ich brauche eine Pause von der Straße.“ Vorerst arbeitet sie nur noch in der Wache. Krankmelden möchte sie sich noch immer nicht. Aber sie geht zum psychiatrischen Dienst der Polizei. „Es ist ein Segen, dass es das in Hamburg gibt.“ Er erklärt ihr die Phasen der Verarbeitung, die jetzt in ihrem Kopf ablaufen werden. Gibt ihr den Tipp, selbst ein „Stopp-schild“ im Kopf aufzustellen, wenn die Gedanken zu viel werden.

Romina W. ist ständig müde in den kommenden Monaten. Sie zweifelt keine Sekunde daran, dass sie keine Wahl hatte, als zu schießen. Der Psychiater hat gesagt, mit der Zeit würden die Bilder abebben. Romina W. wechselt im November 2017 in das Kommissariat 34, im ruhigeren Langenhorn. Sie kann wieder im Straßendienst arbeiten. Sie spricht mit ihrem Anwalt, es gibt ein Handyvideo des Vorfalls, „praktisch der Idealfall“.

DIE-Verfahren dauert an

Der Jurist schreibt mehrere Briefe an die Staatsanwaltschaft. Fragt nach dem Stand des DIE-Verfahrens. Irgendwann sei die Antwort gekommen, dass die Ermittlungen wegen mutmaßlicher Übergriffe beim G-20-Gipfel eindeutig Vorrang hätten. Es könne noch dauern. Solange das Verfahren aber läuft, kann Romina W. nicht befördert werden. „Und nicht abschließen“, wie sie sagt.

Im Sommer 2019 kommt es zum Prozess gegen Menghalis A., der Mann, auf den Romina W. schoss. Sie verweigert wegen der Ermittlungen gegen sie die Aussage, dass hat der Anwalt ihr geraten. Die Verteidigung stellt wiederholt infrage, warum die Polizistin den Schuss abgab, betont die Folgen des Vorfalls für Menghalis A. – er könne keinen Alkohol mehr trinken und erschrecke, wenn er Silvesterknaller höre. Bei dem Vorfall habe er sich selbst bedroht gefühlt und sei deshalb hinausgestürmt.

Romina W. bekommt Hilfe von Traumatherapeutin

Romina W. verfolgt den Rest des Prozesses von der Zuschauerbank im Gerichtssaal aus. Es ist ein Fehler. Als sie das Handyvideo abspielen, kommen alle Gefühle auf einmal hoch. Für eine Verurteilung wegen des Angriffs auf die Beamtin reicht es auch der Staatsanwaltschaft nicht.

Dafür sei nicht eindeutig genug, dass er sie mit dem Messer angreifen wollte. Menghalis A. wird lediglich wegen Bedrohung des anderen Mannes am Tatort bestraft. Romina W. kann oft nicht mehr einschlafen. Der Polizeipsychiater sagt, seine Hilfe reiche nicht mehr aus. Er überweist sie zu einer spezialisierten Traumatherapeutin.

Drei Jahre nach Vorfall wird Verfahren eingestellt

Romina W. hat immer häufiger Flashbacks, sie muss weitere Techniken lernen, um sie in Schach zu halten. Ihr Anwalt erhöht langsam den Druck auf die Ermittler. Wann wird das Verfahren gegen Romina W. abgeschlossen sein? Die Signale und die Faktenlage sei doch klar, sagen alle Kollegen der Gewerkschafterin. Aber es passiert nichts.

Erst am 11. August, fast drei Jahre nach dem Vorfall, erreicht sie der Brief der Staatsanwaltschaft. Das Verfahren ist eingestellt worden. Ein Schusswaffengebrauch sei „besonders heikel“ und werde auch juristisch einer „besonders gründlichen Prüfung unterzogen“, sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Nana Frombach, auf Abendblatt-Nachfrage zur langen Dauer des Verfahrens. In diesem Fall hätte zudem insbesondere der Prozess gegen den Niedergeschossenen abgewartet werden müssen.

Polizistin: „Was geschehen ist, beschäftigt mich immer noch“

Frombach betonte, dass die Staatsanwaltschaft selbst in dem Heranstürmen mit einem Messer einen versuchten Angriff auf die Polizistin gesehen habe. „Das zeigt, dass die Beweiswürdigung nicht völlig unproblematisch war, auch wenn es zunächst diesen Anschein hatte“, sagte Frombach. Die zuständige Staatsanwältin habe sich dafür eingesetzt, dass der Beförderungsstopp so früh wie möglich aufgehoben wurde.

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In ihrem Reihenhaus sagt Romina W., die Unterstützung der Kollegen von der Polizei hätte besser kaum sein können. „Es ist nur diese Machtlosigkeit, die mich getroffen hat.“ Wie weit sie es bis heute geschafft hat, die Flashbacks zurückzudrängen, will sie nicht öffentlich sagen. Nur so viel: „Was geschehen ist, beschäftigt mich immer noch.“

Bodycam am Körper von Streifenpolizisten

Die GdP will sich dafür einsetzen, künftig von vornherein die technischen Möglichkeiten im Sinne der Betroffenen zu nutzen: So könne es etwa sinnvoll sein, wenn sich die Bodycam am Körper von Streifenpolizisten sofort einschaltet, sobald auch die Waffe gezogen wird. „Das Wichtigste ist aber, dass die Verfahren vernünftig, aber eben auch zeitnah abgeschlossen werden – und man sieht, wie belastend es für die Betroffenen ist.“

Nach der Senatsantwort auf die Anfrage des CDU-Abgeordneten Gladiator mussten nach den Fällen von Schusswaffengebrauch insgesamt 70 Beamte seelsorgerisch betreut werden, bleibende Folgen werden nicht systematisch erfasst. Im Durchschnitt dauerte es knapp anderthalb Jahre, bis die Verfahren gegen die Schützen in Uniform abgeschlossen waren – fünf der 13 Verfahren seit 2016 sind weiterhin offen. Zu einer Anklage kam es in einem keinen einzigen Fall. „Die Verfahren müssen mit Priorität bearbeitet werden. Lange Verfahrensdauer sind eine nicht hinnehmbare Zumutung“, so der CDU-Politiker Gladiator.

Zeitnahe Aufarbeitung für traumatisierte Polizisten

Auch der Polizeipräsident Ralf Martin Meyer sprach von „außergewöhnlich belastenden Situationen“ für die Betroffenen. „Wir investieren nicht nur viel in die Ausbildung, sondern leisten auch eine intensive gesundheitliche Begleitung und versuchen die Betroffenen an verschiedenen Stellen zu unterstützen“, so Meyer. „Ich wünsche mir für jeden Betroffenen eine gründliche, aber auch zeitnahe Aufarbeitung solcher Fälle.“