Münzviertel

Das „Kollektive Zentrum“ löst sich selbst auf

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Christoph Heinemann
Das alternative Kulturzentrum "KoZe" im Münzviertel zwischen Schultzstrasse, Norderstrasse und Münzstrasse (Archiv)

Das alternative Kulturzentrum "KoZe" im Münzviertel zwischen Schultzstrasse, Norderstrasse und Münzstrasse (Archiv)

Foto: Michael Rauhe

Autonome kündigen Auszug aus besetzter Kita an. Die drohende Räumung und interne Fehler ließen das linke Projekt scheitern.

Hamburg.  Sie sind immer noch stolz auf ihre "Revolution", das konnte man auf den beschmierten Fluren sehen. "Droht eine zweite Rote Flora?", stand da auf gerahmten Zeitungsseiten, "Anarcho-Zentrum oder Kuschel-Club?", "Konflikt mit Kita-Besetzern spitzt sich zu". Mit dem "Kollektiven Zentrum" (KoZe) wollten die Besetzer einer Kita zeigen, dass eine autonome Kommune mitten in Hamburg funktionieren kann. Ihre Kapitulation verkündeten sie am Dienstag in einer einfachen Botschaft auf der Internetplattform "Indymedia". Erster Satz: "Wir gehen."

Die Autonomen wollen offenbar einer erzwungenen Räumung durch die Stadt zuvorkommen. Ein Gericht hatte einer entsprechenden Klage vor drei Wochen stattgegeben (Abendblatt berichtete). Projektentwickler wollen bis 2018 rund 400 Wohnungen auf dem Grundstück einer ehemaligen Gehörlosenschule bauen, 60 Prozent davon öffentlich gefördert. Die Stadt machte deutlich, dass sie auch einen Polizeieinsatz nicht scheut, wenn das Urteil im November rechtskräftig wird.

"Wir warten ab, ob diesen Worten jetzt auch Taten folgen", sagt Daniel Stricker, Sprecher der Finanzbehörde. Neben den Besetzern müsse auch der Verein "KuNaGe e.V.", der 70 Quadratmeter der Kita gemietet hatte, reagieren. Der Künstler Günter Westphal, der für den gemieteten Teil des Gebäudes die juristische Verantwortung übernahm, bestätigt dem Abendblatt die Aufgabe. "Wir versuchen, eine geordnete Schlüsselübergabe zu schaffen", sagt Westphal. Er spricht müde. Im "Kollektiven Zentrum" gehen schon seit Tagen nur noch einzelne Aktivisten ein und aus. Der Müll häuft sich drinnen wie draußen. Es werde hoffentlich noch aufgeräumt, heißt es im Münzviertel.

Den Autonomen wurde ihre Offenheit zum Verhängnis

Die Besetzer schreiben, am Ende hätte die fehlende "hamburgweite Unterstützung" den Ausschlag gegeben, auszuziehen. Inzwischen gebe es zu wenige Aktive, die sich dem Druck noch entgegenstellen wollten. Der Auszug ist eine "strategische Entscheidung", schreiben die Besetzer. Tatsächlich ist es eine Mischung aus eigenen Fehlern und einer kühlen Strategie der Stadt, die das Ende der linken Utopie besiegelt. Man merke jetzt deutlich, dass "ein selbstverwaltetes Zentrum sehr kompliziert sein kann", sagt Günter Westphal. Als die Autonomen vor rund zwei Jahren in das Gebäude einziehen, haben sie nur einen absolut offenen Raum im Sinn. Oben sollen Normalbürger ihre Fahrräder reparieren lassen, ein Stock tiefer linke politische Gruppen tagen, im Erdgeschoss beide beim Bier am Tresen zusammenfinden. Das "KoZe" verlangt nicht einmal Raummiete. "Das Geniale ist, dass hier einfach jeder er selbst sein kann", sagt ein Besetzer im vergangenen Jahr bei einem Besuch des Abendblattes.

Die Stadt bot den Autonomen bewusst keine Gespräche an

Die Zahl der Aktivisten schießt in dieser Zeit in die Höhe, zeitweise auf bis zu 500 Menschen. Erst kommen viele gemäßigte Gruppen und Neugierige, dann vereinzelt auch Linksradikale. Schließlich Punks. Straßenkinder vom nahen Hauptbahnhof, denen sonst niemand Gastfreundschaft anbietet. "Man hat dann schnell ein sehr buntes Plenum", sagt Günter Westphal. "Und diese Menschen ziehen dann wiederum weitere Menschen an". Der Verfassungsschutz nimmt das "KoZe" vor einem Jahr verstärkt ins Blickfeld, da dort auch extremistische Gruppen tagen. Die Besetzer müssten aufpassen, "mit wem sie sich ins Bett legen", heißt es. Die Stadt bietet den Autonomen von Anfang an bewusst keine Gespräche an. Der Behördensprecher Stricker tritt demonstrativ scharf auf, spricht von den Besetzern als "dem Rest". Was das "KoZe" "für Märchen" erzähle, interessiere "einen feuchten Kehricht", sagt Stricker der "taz". Die Asbestsanierung der angrenzenden Gebäude vor dem geplanten Abriss wird im Spätsommer 2015 mit Polizeikräften abgesichert, die Tag und Nacht vor einem Bauzaun Wache halten. Flutlichtmasten stehen im Hof. Die Solidarität mit den KoZe-Besetzern ist in der gesamten linken Szene groß, aber bröckelt schnell. "Die Stadt hat einfach auf Zermürbung gesetzt", sagt ein ehemaliger KoZe-Aktivist.

Bis zum Sommer dieses Jahres zieht eine Gruppe von Flüchtlingen aus dem "KoZe" in Wohnungen. Auch viele erfahrene Autonome verlassen das Zentrum. Über die Gründe wollen sie nicht sprechen. Es heißt, da sei Frust gewesen über zu unterschiedliche Meinungen im Plenum, quälend lange Gespräche, keine Entscheidung. Auch über die mangelnde Gesprächsbereitschaft der Politik.

Die Politik spricht nur mit dem Künstler Westphal, nimmt ihn rechtlich in die Pflicht. "Er erinnert an den Zauberlehrling. Die Besetzer sind die Geister, die er rief", heißt es aus dem Senatsumfeld. Die Finanzbehörde berufe sich nur auf geltendes Recht. Nach der Ansicht der Stadt wurden dem Verein genügend Angebote gemacht. Günter Westphal sagt: "Es hat immer nur vage Andeutungen gegeben, aber nichts konkretes".

Dass die Besetzer nun ausziehen, geschieht auch, um Westphal vor weiteren Schäden zu schützen. Ihre wichtigsten Sachen haben die Autonomen herausgetragen. Eine hohe Stromrechnung für den Verbrauch von Flüchtlingen und Besetzern seit Sommer 2015 ist noch offen. Viel mehr ist von den Träumen im "KoZe" nicht geblieben.