City-Touren

Mit dem Tretroller quer durch Hamburg

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Melanie Wassink
Christian Breudel schafft mit seinem Tretroller durchschnittlich mehr als Tempo 20

Christian Breudel schafft mit seinem Tretroller durchschnittlich mehr als Tempo 20

Foto: Roland Magunia

Anders als Fahrräder dürfen sie auch auf dem Bürgersteig und in Fußgängerzonen gefahren werden. Erstes Geschäft im Karolinenviertel.

Hamburg.  Wenn Christian Breudel abends sein Geschäft im Karoviertel zuschließt, hat er noch einiges vor sich: Er nimmt seinen Tretroller, lässt Planten un Blomen links liegen, saust den Abhang der Helgoländer Allee hinunter und taucht in den Alten Elbtunnel ein. Dann geht es vorbei an den Hallen und Containern im Hafen, Breudel gibt noch einmal alles, um schnell durchs Gewerbegebiet mit seinen holprigen Bürgersteigen zu kommen, dann lässt er Harburg hinter sich und sieht die ersten Felder. Jetzt noch eine hügelige Strecke über Landstraßen, und Breudel ist zu Hause, in Munster. Die mehr als drei Stunden dauernde 70-Kilometer-Tour aus der City in die Heide macht Breudel regelmäßig.

Jetzt will der 51-Jährige auch die Hamburger von seiner Leidenschaft überzeugen. Vor wenigen Wochen hat er den Laden Coastroller eröffnet. Das Geschäft, einen Steinwurf von den Messehallen entfernt, ist bundesweit der einzige professionelle Shop für Tretroller. Und da die meisten Erwachsenen schon länger kein solches Gefährt unter den Füßen gehabt haben dürften, betreibt Breudel hier auch einen Verleih und bietet Touren an. „Roller fahren wird unterschätzt“, ist der Sportler überzeugt. Das Fortbewegungsmittel biete in der Stadt mehr Möglichkeiten als das Fahrrad. Es gilt als Sportgerät, nicht als Verkehrsmittel, und darf auf dem Bürgersteig und in Fußgängerzonen gefahren werden.

In Tschechien gehören die Zweiräder längst zum Straßenbild, auch in Ländern wie Spanien, Frankreich und Finnland bewegt sich Groß und Klein per Tretroller. Bei den Breudels ist die gesamte Familie infiziert mit dem Rollervirus. „Ich suchte für Touren mit unserem Hund eine Alternative zum Fahrrad“, sagt Gattin Carola Breudel. Heute wundert sich in der Nachbarschaft der Familie keiner mehr, wenn die 48-Jährige ihre Schlittenhündin Koby vor den Roller spannt und durch die Heide flitzt. Der Hundesport (engl. Mushing) sei mit jedem bewegungsfreudigen Tier ab 15 Kilo ein Riesenvergnügen, sagt Carola Breudel.

Christian Breudel nimmt rollernd an den Vattenfall-Cyclassics teil

Und auch auf diesen Trend haben sich die Hersteller eingestellt: Bei Coastroller können die Kunden Zughunderoller mit einer Befestigung für die Leine kaufen. Aber ebenso Renngeräte mit dünnen Reifen. Christian Breudel selbst nimmt rollernd an den Vattenfall-Cyclassics teil. Seine bisherige Bestzeit von zweieinhalb Stunden für die 55 Kilometer will er in diesem Jahr unterbieten. Neben den Sportprodukten bietet das Geschäft Exemplare zum Klappen für Caravanbesitzer an, robuste Teile mit einer möglichen Zuladung von 200 Kilo für Übergewichtige, und kleine Roller für Kinder. Die Geräte kosten zwischen 200 und 1500 Euro, kommen von spezialisierten Tretroller-Herstellern und werden vornehmlich in der EU produziert.

Wer nur mal hereinschnuppern möchte in das Rollerfahren, kann bei den Breudels nach Voranmeldung Touren buchen, etwa durch den Hafen. Im Verleih kosten die kleinen Renner 12 Euro am Tag.

Mit seinem Miet- und Touren-Angebot stößt Coastroller in einen Markt, der in Hamburg in den vergangenen Monaten stark gewachsen ist. Jahr für Jahr zählt die Stadt mittlerweile mehr als 90 Millionen Tages- und Übernachtungsgäste. „Diese Zielgruppe sprechen wir an, auch durch unsere Nähe zur Messe, die regelmäßig Tausende Besucher anzieht“, sagt Christian Breudel über sein Freizeitangebot fernab von traditionellen Busbesichtigungen.

Auch die Zweiradbranche ist in der Zukunft angekommen

Er konkurriert mit Anbietern, die Schnellboot-Touren durch den Hafen organisieren oder mit Segway-Firmen. Aber auch die Zweiradbranche ist in der Zukunft angekommen. So verleiht die Firma „Erfahre Hamburg“ Pedelecs und Lastenbikes, mit denen ganze Familien auf große Fahrt gehen können. Bei Jaano können bis zu 50 Kilometer pro Stunde schnelle Vespas gemietet werden. Und wer es rasanter mag, der wendet sich an die B&K Motorcycle GmbH. Die Firma an der Davidstraße verleiht Motorräder wie Chopper und Trikes.

Die Breudels kennen zwar die Bandbreite der Branche, beschränken sich aber bewusst auf die Tretroller. „Wir haben keine Elektroroller oder Mofas, weil die Leute bei uns den Spaß an der Bewegung erfahren sollen“, sagt Carola Breudel. Die gebürtige Hamburgerin spricht aus eigener Erfahrung, denn auch bei ihrer zweitliebsten Freizeitbeschäftigung neben dem Rollern geht es um sportliche Bewegung: Wann immer sie Zeit dazu findet, geht es mit ihrem Pferd raus in die Natur.