Abendblatt-Serie Teil 6

Die Reise der Hamburg-Gang von der Ritze nach Costa Rica

| Lesedauer: 8 Minuten
Jens Meyer-Odewald

Hamburgs bekannteste Kiezkneipe – eine Fundgrube für unglaubliche Geschichten. Chefreporter Jens Meyer-Odewald hat sie aufgeschrieben.

Diese Herrschaften waren so etwas wie die drei Musketiere der Ritze: kampferprobt, furchtlos, siegreich. Gemeint sind Friedrich W. Schwarz, alias „Wiener Blacky“, der erdverwachsene Bayer Oskar Sporrer sowie der „Bonner Erwin“ Tillert. Einen wie den anderen verband eine innige Freundschaft mit der Ritze im Allgemeinen und deren Macher Hanne Kleine im Besonderen. Die Jungs machten alles, aber sie ließen nichts anbrennen.

Manche Schlacht wurde Seite an Seite geschlagen. Doch siegreich sind diese Haudegen in erster Linie, weil sie beizeiten den Sprung aus dem Rotlicht ins bürgerliche Dasein geschafft haben. Dem Trio geht’s aktuell hervorragend. Als wesentlichen Zeitzeugen ist jedem von ihnen im Buch „Zur Ritze“ ein eigenes Kapitel gewidmet. Darin enthalten sind Geschichten aus der Unterwelt und abenteuerliche Erlebnisse.

Ein Beispiel: Als Hanne Kleine und sein Freund Erwin Tillert für drei Wochen nach Zentralamerika jetteten, um in Costa Rica – nicht nur – Sonne zu tanken, kam so richtig Freude auf. Grund war ein Besuch beim Kumpel Günter Stumm alias „Stummi“, einem ehemaligen Tausendsassa aus St. Pauli, der sich nach Übersee abgeseilt hatte – mit Sack, Pack und einer Menge Geld. „War besser so“, hieß es, „wegen der Steuer.“ Stumm war Gründervater der Ritze und einer der cleversten Strategen und Geschäftsleute auf dem Kiez überhaupt.

Krönung der Reise dieser Hamburg-Gang, praktisch ein Ritze-Betriebsausflug, war eine Sause in einem Saunaclub, die drei Tage dauerte. Zur Untermalung des wilden Treibens und zur Erbauung der Gäste spielte eine Kapelle mit zwei Trompetern furios auf. Hanne und Erwin waren mittenmang dabei – und in ihrem Element.

Kennengelernt hatten sich der „Frankfurter Hanne“ und der „Bonner Erwin“ irgendwann Ende der 1960er-Jahre bei einem der vielen Feste der Rotlichtszene. Regelmäßig trafen sich die ehrenwerten Herren in Hamburg, Frankfurt, Köln, Düsseldorf oder anderswo, um Erfahrungen auszutauschen, über Geschäfte zu sprechen, Boxkämpfe zu besuchen und nebenbei dem Dolce Vita zu frönen. Hoch her ging es dann. Hanne Kleine und Erwin Tillert waren konditionsstark dabei. Man verstand sich. Daraus wurde im Laufe der Jahre mehr, viel mehr: eine handfeste, dicke Freundschaft, die bis zu Hannes Tod anhielt.

Erwin Tillert, Baujahr 1942, stammt ursprünglich aus Ostpreußen und gelangte mit seiner Mutter als Zwölfjähriger in den Westen. Die beiden kamen bei Verwandten in Bonn unter. 1957 begann er in der damaligen Hauptstadt der Bundesrepublik eine Lehre zum Bau- und Kunstschlosser, die er als Geselle abschloss. Über die Arbeit als Kellner in einer Bierbar kam er in Kontakt zum stadtbekannten Großgastronomen Fritze. Dieser entwickelte in der Kneipenszene, aber auch im Rotlicht des Rheinlands sowie im Ruhrpott enorme Aktivitäten. 1968 hatte er die Idee für ein Pilotprojekt: ein Bordell mit 49 Damen an der Immenburgstraße in Bonn. Erwin Tillert, seinerzeit 26 Jahre alt, wurde als Geschäftsführer engagiert.

Es erwies sich als trefflich, dass Tillert ein erstklassiger Boxer war. Das Ergebnis des kräftigen Treibens in wilden Jahren: drei Messerstiche, ein Bauchschuss in Wuppertal und rund 170 Anzeigen wegen Körperverletzung. So musste er Anfang der 1970er-Jahre eine dreimonatige „Pause“ einlegen. Auszeit.

Anschließend liefen die Geschäfte wie gewohnt. Erwin investierte sein Geld schlau, wurde stiller Teilhaber in Nachtlokalen, Gaststätten und einem Bonner Spielclub. Business wie Festivitäten der Rotlichtszene führten ihn regelmäßig auch nach Hamburg. Der „Bonner Erwin“, dessen Faust immer öfter schwieg, wohnte dann im Domino-Hotel an der Reeperbahn. Dort war Geschäftsmann Tillert zu einem Drittel beteiligt. Praktisch, dass es zur Ritze nur ein paar Meter waren.

Gemeinsam mit Hanne Kleine und anderen Kiezgrößen wurde dort die Nacht zum Tage gemacht. Ein weiterer, allgemein in „guten Kreisen“ auf dem Kiez beherzigter Grundsatz: 15 Tage wurde konsequent gearbeitet, dann folgten 15 Tage Remmidemmi und Fete auf Dauer. Und so weiter. Wenn sich die Großkopferten aus St. Pauli nachts im Hinterraum der Ritze versammelten, ging es deftig-fröhlich rund. Die Party erreichte ihren Höhepunkt, wenn Hanne Kleine zum Akkordeon griff und stimmgewaltig loslegte.

Manchmal, erinnert sich Erwin Tillert, sei die Polizei zu einem Kon­trollbesuch aufmarschiert. Die Koryphäen vom Kiez und die Beamten der Davidwache hätten zwar an unterschiedlichen Seiten des Tisches gesessen, um im Bild zu bleiben, seien sich jedoch mit Respekt begegnet. Einige Polizisten waren in der Sache durchsetzungsstark, indes menschlich fair gewesen. Teilweise nannte man die Ordnungshüter mit Spitznamen, „der Rote“, „der Schnelle“ oder „Tarzan“ zum Beispiel.

„Wenn Ausländer ins Kiezgeschäft einsteigen wollten, mussten sie sich bei Hanne in der Ritze vorstellen“, weiß der „Bonner Erwin“, wenn sie schlau waren.“ „Papa“ nannten die ausländischen Schützlinge Kleine. Sie durften kostenlos im Boxkeller der Ritze trainieren – bisweilen auch die Schuldner. Zwei Jahre lebten Hanne Kleine und Erwin Tillert in einem Haus auf der Reeperbahn, direkt gegenüber der Ritze: Hanne in einer Wohnung im ersten, Erwin in einer im zweiten Stock.

Der „Bonner Erwin“ hatte allen Grund, die Tassen hochzuheben: Da er sein Geld clever angelegt hatte, konnte er es sich Ende der 1970er-Jahre leisten, auf Arbeit weitgehend zu verzichten. Hanne bot Erwin eine Teilhaberschaft an der Ritze an, der jedoch lehnte dankend ab: „Gearbeitet habe ich genug.“ Schön, wer das mit noch nicht einmal 40 Jahren von sich sagen kann. Kleine verstand’s; denn auch er führte ein Leben quasi für sechs. Die Lunte brannte konstant. So wie bei Oskar Sporrer – in vergangenen Jahren als bekannte Größe auf St. Pauli, seit 1991 als renommierter Gastwirt direkt am Elbufer. Bis heute ist er der Ritze herzhaft verbunden. Früher zählte Sporrer zu den dicksten Freunden des verstorbenen Hanne Kleine.

Für den Club 88, damals eine angesagte Diskothek, gab es keine Schlüssel

Erste Hamburg-Station des lebenshungrigen Bajuwaren und ehemaligen Seemanns war der Club 88 mitten auf St. Pauli, Reeperbahn 88, nur ein paar Schritte von der Ritze entfernt. Die seinerzeit sehr angesagte Diskothek wies eine Besonderheit auf: Es gab keinen Schlüssel. Weil im eigentlichen Sinne keine Tür existierte. Geöffnet war an 365 Tagen im Jahr – rund um die Uhr. Sporrer war als Barkeeper, Kellner und Mann für alle Fälle im Einsatz. Regelmäßige Besuche in der Ritze gehörten zum Alltag.

Verschwendung war angesagt. Und letztlich fragte niemand, auf welche Art das Geld verdient wurde. „Teilweise ging es dermaßen rund, dass kaum einer mehr aufblickte, wenn eine Frau auf dem Tisch Walzer tanzte und alle Hüllen fallen ließ“, schilderte Oskar Sporrer eine Ära, von der normale Menschen nur träumen können – wenn sie denn wollen.

Und heute? Da besucht Oskar Sporrer die Ritze immer noch. Regelmäßig, alle 14 Tage montags. Dann trifft sich dort der Sparclub. Komisch; denn in den turbulenten Tagen von damals haben die Jungs an alles gedacht, nur nicht ans Sparen.

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