Wiedervorlage

Schimmelwohnungen: "Gagfah? Die machen gar nichts"

Der Konzern lässt Schimmelwohnungen im Stadtteil Wilhelmsburg verfallen und verlangt Betriebskosten für Spielplatz, den es nicht gibt.

Wilhelmsburg. In der Wohnung von Bayram Ali Koca, 36, im Wilhelmsburger Korallusviertel sind die Wände voller Schimmel: im Schlafzimmer, im Kinderzimmer, im Bad. Immer wieder hat der Maschinenführer bei seinem Vermieter, der Gagfah, in Wandsbek angerufen und sein Problem geschildert. Vergebens. Entweder strandete er in der Warteschleife, oder er bekam zu hören: "Sie müssen besser lüften, der Schimmel ist Ihr Problem!"

634 Euro Warmmiete überweist Bayram Ali Koca monatlich für seine Wohnung an die Gagfah - ein börsennotiertes Unternehmen, das in Deutschland mehr als 150.000 Wohnungen besitzt, in Hamburg 9375. Die Gagfah war einmal eine staatliche Wohnungsgesellschaft, 2004 wurde sie vom amerikanischen Hedgefonds Fortress Investment Group LLC mit Sitz in New York City gekauft.

+++ Gagfah will offenbar 38.000 Wohnungen verkaufen +++

Bayram Ali Koca wohnt mit seiner Frau Ayse, 34, und drei Kindern in drei Zimmern auf 79 Quadratmetern in einem Hochhaus im neunten Stock, Baujahr 1974 - zehn Fußminuten vom S-Bahnhof Wilhelmsburg und von den schicken Bauten der Internationalen Bauausstellung (IBA) entfernt.

Die IBA-Macher werten Wilhelmsburg auf, aber nicht im Korallus- und im Bahnhofsviertel. Die Probleme der Familie Koca sind hier kein Einzelfall. Überall verschimmeln Wohnungen. Haustüren schließen nicht. Aufzüge sind häufig defekt. Kinder spielen im Dreck. Die AG Wohnen Wilhelmsburg hat eine Dokumentation über die Gagfah-Misere auf der Elbinsel veröffentlicht: "Immer Ärger mit der Gagfah". Die Arbeitsgruppe fordert, dass Politik und Verwaltung endlich einschreiten sollen. Denn der Frust unter den Wilhelmsburger Gagfah-Mietern wächst. Rund 120 Mieter versammelten sich jetzt im Bürgerhaus Wilhelmsburg. "Mieten - Mängel - Wohnungsnot! Kann die Gagfah machen, was sie will?" war das Motto. Die Mieter berichteten von Schimmel, undichten Fenstern, Wänden und Dächern, demolierten Klingelschildern, von Treppenhäusern, die verrotten, von kaputten Fahrstühlen und Außenanlagen, um die sich niemand kümmert. Ein Mieter ist nach Abendblatt-Informationen Anfang des Jahres in einem Fahrstuhl ungebremst fünf Stockwerke tief gesaust. Wie durch ein Wunder brach er sich nur einen Arm. Laut Auskunft der Ärzte habe er großes Glück gehabt. "Der Fahrstuhl wurde nicht gewartet", sagen Mieter. "Der Fahrstuhl war gewartet", sagt Gagfah-Sprecherin Bettina Benner.

Immer mehr Gagfah-Mieter kommen mit ihren Problemen in die Beratungsstelle Verikom. "Seit Langem werden im Wilhelmsburger Bahnhofs- und Korallusviertel Mängel nicht oder nur sehr notdürftig behoben", sagt Sozialberaterin Tülay Beyoglu, 34. "Inzwischen sind die Häuser in einem sehr schlechten Zustand. Ungeachtet der vielfältigen Proteste hat sich an der Politik des Wohnungskonzerns nicht viel verändert. Gagfah? Die machen hier gar nichts." Nur 300 der 1300 Gagfah-Wohnungen in Wilhelmsburg seien in einem passablen Zustand, sagt Tülay Beyoglu.

Wie dreist der Konzern mit Mietern umgeht, zeigen die Gagfah-Betriebskostenabrechnungen, die Selim Yilmaz aus der Korallusstraße 6 dem Hamburger Abendblatt vorlegte: 2009 berechnete der Konzern 3673,53 Euro für "Spielplatzüberwachung" durch die Dekra, ein Jahr später 2186,63 Euro. Der Betrag geht zulasten der Mieter Korallusstraße 4 bis 18. Doch sie zahlen für etwas, was sie gar nicht haben: Der Spielplatz an der Korallusstraße wurde vor neun Jahren abgebaut.

Auch eine andere Gagfah-Position befremdet Selim Yilmaz: Er zahlt jährlich 34,47 Euro "Verwaltungskosten für eine Garage oder einen Einstellplatz" - eine Unverschämtheit, da Selim Yilmaz weder eine Garage noch einen Parkplatz hat. "Die Politik muss Verantwortung auch für uns in diesem Teil von Wilhelmsburg übernehmen, wir wollen bewohnbare Wohnungen und Spielplätze", sagt Selim Yilmaz.

Das Ergebnis aus 144 Gesprächen der AG Wohnen mit Gagfah-Mietern ist erschreckend: 61 Prozent der Befragten berichten über Probleme mit Schimmel, 37,5 Prozent über feuchte Wohnungen. Und in 16,7 Prozent der Wohnungen funktionieren die Heizungen schlecht oder fallen regelmäßig aus.

Jetzt hat auch die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) die Gagfah-Wohnungen im Visier: "Die Wohnverhältnisse sind schrecklich, und gemeinsam mit dem Bezirk Mitte muss eine Lösung für die Mieter gefunden werden", sagte Behördensprecherin Kerstin Graupner dem Abendblatt.

"Es gibt immer mal Missstände, auch in Wilhelmsburg", sagt Gagfah-Sprecherin Bettina Benner auf Anfrage. "Wir nehmen in Wilhelmsburg eine Mängelliste auf und werden sie schnellstmöglich abarbeiten." Bewerten wolle sie den Zustand der Wohnungen nicht. Es gebe keinen Leerstand, der Großteil der Wohnungen sei in einem "ordentlichen Zustand". "Solange der Senat nicht erheblich mehr Sozialwohnungen mit einer Einstiegsmiete 5,90 Euro pro Quadratmeter baut und versucht, auslaufende Bindungen von Sozialwohnungen zu verlängern, haben Gruselvermieter wie die Gagfah ein leichtes Spiel", sagt die Bürgerschaftsabgeordnete Heike Sudmann (Linke).

"Wer keine bezahlbare Alternative auf dem Wohnungsmarkt findet, landet dann bei solchen Unternehmen." Sudmann fordert eine Stabsstelle für Gagfah-Wohnungen in der BSU. "Wir brauchen eine konzertierte Aktion gegen einen Vermieter, der sich nicht um den Zustand der Wohnungen kümmert und nur den Profit im Visier hat." Die Stadt müsse das Hamburgische Wohnraumschutzgesetz konsequent anwenden.

Gagfah-Mieter Bayram Ali Koca indes hat seine Wohnung gerade aufgehübscht. Er hat auf eigene Kosten tapeziert. "Aber der Schimmel", sagt der Wilhelmsburger, "kommt langsam schon wieder durch."

Das Abendblatt legt regelmäßig Geschichten auf Wiedervorlage und hakt nach, was aus großen Ankündigungen und wichtigen Themen wurde.