Blankenese

Erinnerungen an den gruseligen Gustav Frenssen

Der zeitweise sehr erfolgreiche Gustav Frenssen galt als schwierig und streitsüchtig.

Der zeitweise sehr erfolgreiche Gustav Frenssen galt als schwierig und streitsüchtig.

Foto: picture alliance

Vor 100 Jahren verließ der Schriftsteller Blankenese frustriert. Als glühender Nazi-Anhänger ruinierte er später seine Reputation.

Hamburg. Der Schriftsteller Gustav Frenssen (1863 bis 1945) gehörte sicherlich zu den unsympathischsten Einwohnern in der Geschichte Blankeneses. Im neuen Band der „Hamburgischen Biografie“ werden Frenssens Hamburger Jahre lückenlos dargestellt. Dabei wird deutlich: Frenssen hätte ein Autor von Weltrang werden können, doch durch ein problematisches Wesen und seine zunehmende politische Radikalisierung desavouierte er sich völlig.

Frenssen, Sohn eines Tischlers aus Barlt in Dithmarschen, war ursprünglich Pastor. Nebenbei versuchter er sich auch als Schriftsteller – mit zunächst mäßigem Erfolg. Auf sein erstes größeres Buch „Die Sandgräfin“ (1896) folgte fünf Jahre später der Entwicklungsroman „Jörn Uhl“, der ein Bestseller wurde. Frenssen hing seinen Pastorenjob an den Nagel und beschloss, freier Schriftsteller zu werden. Nach dem Überraschungserfolg zu Geld gekommen, entschied er sich auf der Suche nach einem standesgemäßen Wohnsitz für Blankenese (damals Teil Altonas). Im Jahr 1902 kaufte Frenssen das alte „Tweehus“ des Blankeneser Fischers Johann Kröger am Baurs Weg 8. Er ließ es abreißen und an derselben Stelle ein großes Klinkerhaus errichten, in dem er von 1906 an lebte. Die Villa ist heute im Kern noch erhalten, allerdings sieht sie inzwischen völlig anders aus, als zu Frenssens Lebzeiten.

Hamburg erobern

„Ich wollte für meine Arbeiten, meinen Beruf, Hamburg erobern“, schrieb er in seinem ,Lebensbericht‘ (1941). „In diesem tausendsträßigen und tausendschiffigen Hamburg wohnend, wollte ich dies Ungetüm selbst und alle Straßen, Bahnen und Wasser, die zu ihm führten, in großen Bildern darstellen.“ Der Schriftsteller präsentierte sich in seinen Erinnerungen als leutseligen Typ, indem er behauptete: „Ich fuhr von Blankenese also oft nach Hamburg, trieb mich auf den Straßen umher, befuhr wohl hundertmal den Hafen, suchte Landsleute auf, erweiterte durch ihre Vermittlung meine Bekanntschaften und kannte bald in allen Ständen neue Menschen.“

In den Romanen „Klaus Hinrich Baas“ (1909) und „Der Untergang der Anna Hollmann“ (1911) verarbeitete er Schauplätze und gesellschaftliche Zusammenhänge Hamburgs literarisch, wandte sich danach aber innerlich immer mehr von der Großstadt ab. Letztlich misslang dem grobschlächtigen, streitlustigen Frenssen der angestrebte Einstieg in die gehobenen gesellschaftlichen Hamburger Kreise, und auch der Kontakt zu anderen Dichtern wie Gustav Falke und Richard Dehmel blieb distanziert. Frenssen und seine Frau Anna fühlten sich in Blankenese zunehmend deplatziert und verbrachten die Sommer von 1914 an wieder im heimischen Barlt.

Gesamtauflage von drei Millionen Exemplaren

Vor hundert Jahren – kurz nach dem Jahreswechsel 1919/20 – zogen sie schließlich ganz nach Dithmarschen zurück. „Der Hauptgrund war, dass mir die Eroberung von Hamburg, die ich wohl gewollt hatte, nicht gelungen war“, schrieb Frenssen rückblickend. „Nein, sie war mir durchaus nicht gelungen! So wie Dickens – aber von Kind an – das große London sich erobert hatte, so hätte ich wohl der Darsteller des großen, lebensvollen Hamburgs werden wollen und mögen. Aber ich war ein Vierzigjähriger, als ich hinzog, und ich war auch zu scheu, um mich mit Freiheit und Mut, ja Frechheit hineinzustürzen.“

Erfolgreich blieb Frenssen dagegen als Schriftsteller. Seine Bücher erreichten eine Gesamtauflage von drei Millionen Exemplaren, wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, zweimal war er sogar für den Literaturnobelpreis im Gespräch. Der Name Jörn-Uhl-Weg in Blankenese erinnert an eines seiner Hauptwerke – genau wie die Babendiekstraße. Sie ist nach Frenssens 1300 Seiten Monumentalwerk „Otto Babendiek“ benannt, das 1926 erstmals als Fortsetzungsroman im „Hamburger Fremdenblatt“ erschienen war und in Teilen im (heutigen) Hamburger Westen spielt.

Er stellte seine Arbeit in den Dienst der Nationalsozialisten

Gustav Frenssen – ein Wahl-Blankeneser, den es vor Ort zwar nicht hielt, der aber jahrelang angesehen und geehrt war. So hätte die Geschichte enden können. Tat sie aber nicht. Denn so hemmungslos wie nur wenige Berufskollegen stellte Frenssen seine Arbeit nach 1933 in den Dienst der Nationalsozialisten. Sein Spätwerk ist durchsetzt mit völkisch-rassistischem und antisemitischem Gedankengut, zudem war er ein entschiedener Befürworter der Euthanasie. Seine nach 1933 erschienenen Bücher sind fast ausnahmslos mit NS-Propaganda durchsetzt. In „Recht oder Unrecht – mein Land!“ (1940) verteidigt er die deutsche Aggression, die zum Zweiten Weltkrieg geführt hatte und die Verfolgung der Juden, in „Lebenskunde“ (1942) beschäftigte er sich im NS-Sinne mit „Menschenzucht nach biologischen Gesetzen“. Bis zuletzt produzierte er Durchhalteparolen für den Rundfunk und für die Reichspressestelle der NSDAP.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, dessen Ende Gustav Frenssen nicht mehr erlebte, geriet er zunächst rasch in Vergessenheit, später setzte eine kritische Auseinandersetzung mit seinem Oeuvre ein, die bis heute anhält. Als Folge wurde die nach ihm benannte Blankeneser Frenssenstraße 1986 in Anne-Frank-Straße umbenannt. Und am denkmalgeschützten Frenssen-Haus an der Ferdinandstraße 6 in der City wurden 2018 an der Außenfassade und im Innenbereich ergänzende Tafeln angebracht. Sie erläutern Frenssens unheilvolles Wirken während der NS-Zeit. Wenn sich heute noch jemand an Gustav Frenssen erinnert, dann mit Schaudern.