Krebserregender Baustoff

Asbest-Streit bei der Feuerwehr Osdorf: Gutachten liegt vor

Die Wache der Berufsfeuerwehr in Hamburg-Osdorf ist wegen Asbestbelastung geschlossen worden.

Die Wache der Berufsfeuerwehr in Hamburg-Osdorf ist wegen Asbestbelastung geschlossen worden.

Foto: picture alliance

Die Feuerwache musste geräumt werden. Umzug der Mitarbeiter in benachbarte Kaserne. Bedienstete sind in Sorge.

Hamburg. Mitten in die für auch die Hamburger Feuerwehr herausfordernde Coronakrise platzte diese Nachricht: In den Räumen der Feuer- und Rettungs­wache Osdorf am Harderweg 10 sei während einer Sanierung der krebserregende Baustoff Asbest nachgewiesen worden. Die Feuerwehr ließ deshalb die Wache (insgesamt rund 100 Mitarbeiter) vor zwei Wochen räumen und in die Reichspräsident-Ebert-Kaserne verlegen. Weil eine Asbest-Exposition verheerende Spätfolgen haben kann, sorgten sich nicht wenige Osdorfer Feuerwehrleute um ihre Gesundheit. Dem Abendblatt liegt jetzt das Testergebnis vor.

Als sich am 28. Februar die Hinweise auf Asbest in Osdorf verdichteten, versammelte sich am späten Abend fast die gesamte Leitungsspitze an der Wache im Hamburger Westen. Feuerwehrchef Christian Schwarz ordnete vor Ort an: Alle und alles raus, und zwar schnell. Die ganze Wache zog aus und in die nicht weit entfernte Reichspräsident-Ebert-Kaserne ein. Die Bundeswehr soll den Feuerwehrleuten jetzt so lange ein Obdach bieten, wie die Reinigung der Wache Osdorf vom Asbest dauert. Für die Betroffenen lautete die alles entscheidende Frage aber, wie viel sie von dem Zeug eigentlich einatmen mussten.

Gerüchte über Asbest in der Luft

Im besten Fall: nicht allzu viele Asbestfasern. Gerüchte, dass diese in der Luft herumwirbeln, hielten sich in der Wache, seit dort die Sanierungsarbeiten vor anderthalb Jahren begonnen hatten. „Von offizieller Seite hieß es immer wieder: Da ist nichts“, sagt ein Feuerwehrmann, der anonym bleiben möchte. Und offiziell war da ja auch nichts. Zwar muss man bei Objekten aus den 1960- und 1970er-Jahren wie dem schmucklosen Bau am Harderweg 10 immer mit einem gewissen Anteil an Asbest rechnen. Jedoch stellte ein Gutachten bereits in den 1990er-Jahren die Asbestfreiheit der Wache fest, wie die Gesundheitsbehörde auf Anfrage mitteilte. Insofern: kein Grund zur Panik, oder doch?

Während eine Firma unter anderem die Elektronik in den alten Räumen erneuerte, lief der Betrieb in der Wache in der Sanierungsphase normal weiter. Dann, Ende Februar, legten Mitarbeiter der Baufirma in der Einsatzküche eine verdächtige Stelle frei. Ein alter Fliesenkleber war nicht wie vermutet im „Dickbett“, sondern in einer doppellagigen Schicht aus „Dünnbett“ verarbeitet worden, sagt Lars Vieten, Sprecher der Sprinkenhof GmbH. Sprinkenhof vermietet die Immobilie an die Feuerwehr.

Arbeitsmedizinischer Dienst sieht kein erhöhtes Erkrankungsrisiko

Die Fachleute hätten deshalb umgehend eine „Beprobung“ veranlasst, und die fiel positiv auf Asbest aus. In den Ruheräumen und Fluren seien Werte von 100 bis 1400 Fasern pro Kubikmeter Luft ermittelt worden, so Feuerwehrsprecher Martin Schneider auf Abendblatt-Anfrage. Damit liegt der Maximalwert zwar deutlich über dem bei Sanierungsarbeiten verpflichtenden Grenzwert von 500 Fasern pro Kubikmeter.

Nach Asbestfund: Feuerwehr Hamburg muss Wache räumen

Nach Ansicht des Arbeitsmedizinischen Dienstes (AMD) bestehe für die Osdorfer Feuerwehrleute trotzdem „kein erhöhtes Erkrankungsrisiko“. Statistisch verdoppele sich die Sterberate für Arbeitnehmer erst, wenn sie an 240 Tagen über die Dauer von 25 Jahren einer Asbestkonzentration von einer Million Fasern pro Kubikmeter Luft ausgesetzt seien. Schon die normale innerstädtische Umgebungsluft sei mit 50 bis 100 Asbestfasern pro Kubikmeter belastet.

Innenstadtwache 11 half Kollegen in Osdorf aus

Bis die Resultate vorlagen, vergingen ein paar Tage – Tage, in denen die Verunsicherung weiter gewachsen sei, sagt Daniel Dahlke, Landeschef der Deutschen Feuerwehrgewerkschaft. Dass die Amtsleitung nicht sofort Wischproben von den möglicherweise ja ebenfalls kontaminierten und mit zur Kaserne umgezogenen Fahrzeugen angeordnet hatte, sei seinen Osdorfer Kameraden aufgestoßen. Schließlich verfahre die Feuerwehr auch bei allen anderen Einsätzen, etwa bei Gefahrgut-Unfällen, nach einem genauestens festgelegten Prozedere.

Zudem erhielten nicht alle Mitarbeiter der Wache sofort neue Dienst- und Schutzkleidung. Am Montag vergangener Woche standen dann die Räder still: Weil die Ergebnisse noch nicht vorlagen und sich kein Osdorfer Feuerwehrmann in ein Fahrzeug setzen wollte, dem möglicherweise noch Asbestfasern anhafteten. Die Innenstadtwache 11 musste deshalb mit einem Löschzug in Osdorf aushelfen. „Da ist kein konsequentes Handeln in der chronologischen Aufarbeitung erkennbar“, kritisierte Dahlke in einem Brief an die Feuerwehrspitze.

Fuhrpark der Wache offenbar komplett asbestfrei

Die betont hingegen, dass der Austausch der Dienst- und Schutzkleidung schon in der Nacht zum 29. Februar begonnen habe, räumt aber ein, dass dieser Prozess auch zwei Tage später noch nicht habe abgeschlossen werden können, bedingt „durch den Schichtrhythmus, unterschiedliche Konfektionsgrößen der Mitarbeiter und Transportlogistik“.

Immerhin ist es der Feuerwehr gelungen, ihren Mitarbeitern einen Teil der Sorgen zu nehmen. Während einer Infoveranstaltung am 4. März, zu der rund 50 Mitarbeiter der Wache kamen, hieß es, die gemessenen Asbest-Werte lägen nicht im Risikobereich. Der Fuhrpark der Wache sei sogar komplett asbestfrei.

Asbest ist ein leiser Killer

Asbest ist ein leiser Killer. Die winzigen, spitzen Fasern können tief in die Lunge eindringen und verheerende Gewebeschäden anrichten. Wer einer Asbest-Exposition über einen längeren Zeitraum und in hohen Dosen ausgesetzt war, kann Jahrzehnte beschwerdefrei leben – und am Ende doch Lungenkrebs entwickeln. Bei der Berufsgenossenschaft BG Bau in Hamburg zählen asbestbedingte Erkrankungen noch immer zu den am häufigsten gemeldeten Berufskrankheiten.

Erst 1993 in Deutschland verboten, wurde der Baustoff zuvor in Abertausenden Gebäuden und besonders in den 60er- und 70er-Jahren als Dämmmaterial eingesetzt. In gebundener Form, etwa im Wand- oder Deckenputz, gilt Asbest als ungefährlich. Experten schätzen, dass es noch immer in Zehntausenden Hamburger Gebäuden steckt. Wo und wie viel, steht nicht fest – ein Kataster existiert ebenso wenig wie die Pflicht, ältere Materialien zu untersuchen, bevor sie bearbeitet werden.

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Die Mitarbeiter der Osdorfer Wache werden nun – auch zur Wahrung späterer Ansprüche – in die Expositionsdatenbank aufgenommen. Bis auf Weiteres sollen die Feuerwehrleute in der Kaserne bleiben, die Einsatzbereitschaft sei gewährleistet, so Sprecher Martin Schneider. Die Wache Osdorf, so Sprinkenhof-Sprecher Vieten, werde jetzt fachgerecht gereinigt und bei dann unauffälligem Probenergebnis wieder der Feuerwehr übergeben. Die Sanierung werde noch bis Mitte des Jahres dauern. Ob weitere Feuerwachen ebenfalls mit Asbest belastet sind, steht nicht fest.

Wahrscheinlich ist es allemal.