Blankenese

Der Pfahl-Ewer und seine verrückte Geschichte

Kurs Hamburg: Die „Oderik von Oederquart“ vor Blankenese, wo ihre Vorgänger einst über Jahrhunderte im Einsatz waren.

Kurs Hamburg: Die „Oderik von Oederquart“ vor Blankenese, wo ihre Vorgänger einst über Jahrhunderte im Einsatz waren.

Foto: Marcelo Hernandez

Die „Oderik von Oederquart“ aus Niedersachsen machte für ein paar Stunden am Blankeneser Bulln fest. Ein Besuch der besonderen Art.

Hamburg.  Am Bulln machen ständig irgendwelche Boote und Schiffe fest – logisch, dass die Blankeneser das irgendwann nur noch flüchtig zur Kenntnis nehmen. Am vergangenen Sonnabend gab es eine Ausnahme, weil sich ein ganz besonderer Besucher angemeldet hatte. Die „Oderik von Oederquart“ war beim Hafenfest in Wedel dabei und stattete Blankenese eine Visite ab. Das ist seit ein paar Jahren Tradition – und immer gehört ein großer Bahnhof dazu. Denn das Boot mit dem kuriosen Namen ist der originalgetreue Nachbau eines Pfahlewers – und damit so etwas wie die schwimmende Visitenkarte des schmucken Elbvororts.

„Es ist immer etwas Besonderes, nach Blankenese zu kommen“, sagt Erika Hatecke. Die Gemeindedirektorin von Oederquart, das zur Samtgemeinde Nordkehdingen gehört, ist bei jeder Fahrt Richtung Hamburg mit dabei. Oederquart hat die Trägerschaft für das gute Stück und hütet es wie einen Schatz. Pfahlewer waren einst die prägnantesten Boote der Blankeneser Fischer. Bis zu 140 von ihnen fuhren zwischen 1640 und 1866 unter dänischer Flagge.

Wunderschönes Boot

Sie sind auf unzähligen Gemälden, in Büchern und Berichten verewigt, und wer Blankeneses Geschichte erzählt, darf sie keinesfalls aussparen. Die meisten wurden in Finkenwerder gebaut, bevor die aufkommenden Fischkutter ihnen den Rang abliefen. Noch heute finden sich die Ewer symbolisch an vielen Ecken Blankeneses, unter anderem auf Homepage und Infoschreiben des Bürgervereins und zu Weihnachten als Modell in Fenstern und an öffentlichen Plätzen.

Warum das wunderschöne Boot mit einem niedersächsischen Ort verbandelt ist, der nicht mal über einen Hafen verfügt, ist eine kuriose Story, die wie aus Seemannsgarn gesponnen wirkt. Auf der gut gemachten Homepage zur „Oderik von Oederquart“ heißt es dazu selbstbewusst: „Als im Jahr 1884 der letzte Pfahlewer in Finkenwerder zu Wasser gelassen wurde, endete eine Ära. Andere Zeiten, andere Aufgaben, andere Ansprüche verlangten auch nach anderen Schiffen. Hätte man den Elbfischern und Frachtschiffkapitänen zu jener Zeit erzählt, dass 130 Jahre später wieder ein Original Pfahlewer vom Stapel läuft – sie hätten in ihre grauen Bärte gelacht. Wir sind jedoch sicher: Würden die Pfahlewer-Crews von einst heute ,Oderik von Oederquart‘ betrachten, wären sie bass erstaunt.“

Ungewöhnliche Geschichte

Der ungewöhnliche Name erklärt sich übrigens so: Ein Oderik soll der erste bekannte Siedler in Oederquart gewesen sein. Der Ortsname geht zurück auf die Bezeichnung Oderikswurth – eine Landerhebung also, auf der ein Oderik lebte.

Die Geschichte des Ewers ist höchst ungewöhnlich, phasenweise liest sie sich wie ein Mix aus Krimi und Märchen. Im Jahr 1978 hatte ein Mann aus Hamburg auf der Werft Dawartz in Tönning ein außergewöhnliches Projekt in Auftrag geben: den originalgetreuen Nachbau eines Pfahlewers. Ein Experte zeichnete die Pläne anhand eines Ewer-Nachbaus aus dem Altonaer Museum, und die Arbeiter der Werft begannen mit der Arbeit. Zur Fertigstellung brachte der damalige Eigner den Ewer dann auf die Bootswerft Hatecke nach Freiburg an der Elbe. Dann geschah etwas Merkwürdiges: Plötzlich ließ sich der Auftraggeber nicht mehr am Freiburger Hafen blicken, und alle Versuche, ihn ausfindig zu machen, scheiterten.

Boot geriet ein wenig in Vergessenheit

„Der Mann war verschollen und tauchte nie wieder auf“, berichtet Erika Hatecke. Nach Jahren konnte die Werft das Boot über einen vollstreckbaren Titel ganz übernehmen, ohne genau zu wissen, wie es nun weitergehen sollte. Und wie das so ist in viel beschäftigten Unternehmen: Irgendwann geriet das schöne Boot ein wenig in Vergessenheit und verdämmerte die Jahre unter einer Plane in einer trockenen Ecke.

Eines Tages besichtigte Otto Ferdinand Wachs, Geschäftsführer der Autostadt Wolfsburg, dazu Segler und Hofbesitzer in der Gegend, die Werft. Zufällig entdeckte er dabei das noch lange nicht fertig gebaute Boot und ließ sich dessen Geschichte erzählen. „Nach etlichen Tassen Kaffee“, so Erika Hatecke, habe Wachs dann beschlossen: Der Ewer wird fertig gebaut.

Erster Stapellauf nach rund 130 Jahren

Wachs spendete eine hohe Summe und holte die Samtgemeinde Nordkehdingen im wahrsten Sinne des Wortes mit ins Boot. Mit viel Energie gelang es, Fördergeld der Metropolregion Hamburg aus dem Förderfonds Hamburg/Niedersachsen und eine EU-Förderung zu erhalten. Am 12. April 2014 geschah dann das, was viele Skeptiker nicht für möglich gehalten hatten: Erstmals seit 1884 lief wieder ein Pfahlewer unter großem Jubel vom Stapel.

Die Stippvisite in Hamburg ist seitdem schon Tradition. Rund dreieinhalb Stunden brauchte die 12,80 Meter lange und zwölf Tonnen schwere „Oderik von Oederquart“ von Freiburg bis Wedel, dann hatten Kapitän Uli Wist und seine bunt zusammengewürfelte Mannschaft das Ziel sicher und ohne besondere Vorkommnisse erreicht.

Der Eindruck, den das Boot mit dem platten Boden, den Seitenschwertern und dem auffällig hohen Pfahlmast vermittelt, ist immer wieder bemerkenswert. Ein Stück längst vergangener Seefahrtsgeschichte wird wieder lebendig – und das vor Blankenese, wo die Pfahlewer einst ihre große Zeit hatten. Erika Hatecke hat einmal auf dem Boot übernachtet. Ihre Bilanz: „Wenn man die Quellen kennt und weiß, dass die Mannschaften oft viele Wochen auf See waren, ist eigentlich unvorstellbar, dass die das so lange da unten ausgehalten haben.“

Die „Oderik von Oederquart“ steht – nach Anmeldung – für Besichtigungen und Elbfahrten zur Verfügung. Zwölf Passagiere dürfen mit an Bord. Nähere Infos und viele Fotos gibt es auf der Homepage unter: www.oderik-von-oederquart.de. Mail: samtgemeinde@nodkehdingen.de