Corona-Folgen für Kultur

Elbphilharmonie-Konzertsaison zwischen Hoffnung und Planung

Von außen sieht sie aus wie immer: Was von September an im Inneren der Elbphilharmonie musikalisch passiert (und mit wem), lässt sich momentan nur erahnen.

Von außen sieht sie aus wie immer: Was von September an im Inneren der Elbphilharmonie musikalisch passiert (und mit wem), lässt sich momentan nur erahnen.

Foto: Marcelo Hernandez

Das theoretische Programm-Angebot ist vielfältig und umfangreich. Wann der Kartenverkauf beginnen soll.

Hamburg.  Es dauerte 40 Minuten, bis der sprichwörtliche Elefant im Raum von Generalintendant Christoph Lieben-Seutter angesprochen wurde: „Findet das alles so statt?“, fragte er sich selbst, nachdem er die vielen schönen Dinge und Programmlinien vorgetragen hatte, die für die fünfte Konzertsaison von Elbphilharmonie und Laeiszhalle geplant worden sind, als die Welt noch normaler war. Seine Antwort gab er sich selbst: „Wenn Sie mich fragen: sicher nicht.“ Jedes einzelne Konzert habe aber seine Chance; dass es im Programmbuch stehe, solle Mut machen.

Nun ja.

Kurz vor elf Uhr hatte gestern der Kurier mit diesem dicken weißen Wunschkonzert-Katalog an der Haustür geklingelt, als wäre es der Lieferdienst für schöne Träume. Um elf Uhr begann eine Programmpräsentation per Videokonferenz, die unfreiwillig in die Geschichte des Konzerthauses eingehen wird. Die Saison 2020/21 bringe so viele Orchester wie keine zuvor, sagte Lieben-Seutter als Auftakt. Dass sich „Orchester“ gerade wie „mieses Problem“ oder wenigstens wie „übel große Herausforderung“ anhört, sagte er nicht. Momentan ist Zweckoptimismus angesagt.

60 Projekte konnten in die Zukunft verschoben werden

Was abgesagt werden muss, ob wegen noch nicht geklärter Vorschriften oder weil Künstler nicht anreisen können, dürfen oder wollen, ist noch nicht raus. Bislang waren es rund 230 Konzerte. Knapp 60 Projekte konnten in die Zukunft verschoben werden. Zum Ausfall-Sortiment gehört nun auch der Elbphilharmonie-Sommer 2020. „Bis Ende August machen Veranstaltungen keinen Sinn. Wir glauben fest daran, dass wir danach loslegen können.“ Nichts also, Tacet für alles und jeden, bis zum Saisonbeginn am 2. September. Dann soll das Pittsburgh Symphony aus den USA angereist sein, um mit Anne-Sophie Mutter das Beethoven-Violinkonzert und Bartóks Konzert für Orchester zu spielen. Das „soll“ in diesem Satz muss man sich riesig vorstellen.

"Erstklassisch": die Podcast-Episode mit Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter

Für diese Spezialsaison wird unter Vorbehalt vom 26. Mai an der Kartenverkauf beginnen, es gibt sogar eine neue fünfte Haus-Abo-Reihe (Abos sind jetzt bestellbar). Spätestens sechs Wochen vor dem jeweiligen Termin soll dann belastbar klar sein, ob man auch bezahlen muss und real hören kann, was versprochen wurde. Falls nicht, wird über machbarere, kleinere, kürzere, weniger riskante Alternativen nachgedacht. Dabei kämen wohl vor allem – weil ohnehin vor Ort und livehungrig – die örtlichen Ensembles NDR, Philharmoniker, Symphoniker und Ensemble Resonanz ins Spiel.

Programm-Angebot ist vielfältig und umfangreich

„Wir planen natürlich auch für die Elbphilharmonie im abgespeckten Format. Das ist recht komplex“, so Lieben-Seutter. Was man sich lebhaft vorstellen kann, schon angesichts der Nadelöhr-Eingänge in den Großen Saal der Elbphilharmonie. Und für jedes Ersatzkonzert würden nicht die übrig bleibenden Abo- oder Einzelkaufplätze verlost, sondern es wäre ein komplett neues Konzert, mit frischem Verkauf von dem, was jeweils noch ginge an Plätzen.

Das theoretische Programm-Angebot ist jedenfalls beachtlich vielfältig und umfangreich. Nach Pittsburgh mit Manfred Honeck ist Cleveland mit Franz Welser-Möst das zweite große US-Orchester der Saison. Das Mariinskij-Orchester und Valery Gergiev kommen für drei Abende, an einem wird konzertant die Prokofjew-Oper „Der feurige Engel“ zu hören sein. Paavo Järvi, seit längerer Zeit Stammgast mit der Bremer Kammerphilharmonie, stellt nun sein noch neues Orchester aus der Tonhalle Zürich vor.

Pianist Daniil Trifonov ist für gleich fünf Termine gut

Das Gewandhausorchester aus Leipzig mit Andris Nelsons ist mehrfach zugegen, vor allem mit Beethoven. Der interessanteste Termin mit dem römischen Orchester Santa Cecilia und Sir Antonio Pappano dürfte der 9. September werden, wenn Igor Levit Solist im monumentalen Busoni-Klavierkonzert sein soll. Auch auf Teodor Currentzis darf man sich freuen, vier Termine, zwei davon mit dem SWR Orchester. Später Debütant, gesundheitlich bedingt: Zubin Mehta, der mit dem BR-Sinfonieorchester im Plan steht. Pianist Daniil Trifonov ist für gleich fünf Termine gut, darunter ein spannendes Recital mit Klassikern der Moderne am 16. November. Als Artist in residence kehrt die Geigerin Patricia Kopatchinskaja zurück, mit unkonventionellen Konzept-Programmen.

Ein Höhepunkt im Beethoven-Jubiläumsjahrsortiment könnte eine konzertante „Leonore“, die Vorform des „Fidelio“, sein, die René Jacobs auf CD so packend wie kompetent erarbeitet hat. Nachdem aus dem ersten Teil des historisch informierten Beethoven-Symphonien-Zyklus mit Jordi Savall im Juni nichts werden kann, soll das Gesamtpaket, gebündelt auf ein Oktober-Wochenende, einen zweiten Anlauf nehmen.

Mit György Kurtág ist eine singuläre Gestalt der zeitgenössischen Musik zur Würdigung durch Aufführung vorgesehen, auch wenn seine Beckett-Oper „Fin de partie“ im Aufgebot fehlt. Zweiter Composer in residence: der Brite Thomas Adès. Die österlichen Themenschwerpunkte – zuletzt und ausgefallen: die Seidenstraße – haben ausgedient, dafür rücken attraktive Ostereier wie Bachs Matthäus-Passion oder Mahlers „Lied von der Erde“ nach. Im September hat, als Ergänzung der Festival-Lesungen, die Autor-plus-Musik-Reihe „Harbour Front Sounds“ Premiere, unter anderem mit Richard Ford und Jackson Browne.

Was bleibt, bei so viel Unklarheit, nach so vielen Versprechungen und Hypotheken auf Live-Glücksmomente? Auf Seite 161 des Programmbuchs steht dafür das Motto des Musikfestes im Frühjahr 2021: „Hoffnung“.

Weitere Infos: www.elbphilharmonie.de