Tierpark

Hagenbeck-Chef droht jetzt mit Gang vors Arbeitsgericht

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Streik im Tierpark Hagenbeck: Gut 50 Mitarbeiter protestieren vor dem Eingang des Zoos in Hamburg-Stellingen. Es geht um bessere Konditionen bei den Arbeitszeiten, Zuschlägen und Urlaubstagen.

Streik im Tierpark Hagenbeck: Gut 50 Mitarbeiter protestieren vor dem Eingang des Zoos in Hamburg-Stellingen. Es geht um bessere Konditionen bei den Arbeitszeiten, Zuschlägen und Urlaubstagen.

Foto: Thorsten Ahlf / Funke Foto Services

Mitarbeiter des Tierparks streiken für bessere Arbeitsbedingungen und gegen Geschäftsführer Dirk Albrecht. Der reagiert auf den Druck.

Hamburg. Es war laut Teilnehmern ein Novum in der Geschichte des Tierparks Hagenbeck: Etwa die Hälfte der insgesamt rund 130 Beschäftigten Hagenbecks Tierpark schlossen sich am Mittwochvormittag zwischen 10 und 12 Uhr dem Streik der Gewerkschaft IG BAU vor dem Haupteingang des Zoos in Stellingen an und legten die Arbeit nieder.

"Mit der Aktion kämpfen sie für einen neuen Tarifvertrag – und wollen unter anderem über Urlaubsanspruch Zuschläge, Arbeitszeiten und Kündigungsfristen verhandeln (das Abendblatt berichtete). Nach Angaben der Gewerkschaft trugen sich 53 Personen auf einer Unterschriftenliste zum Streik ein, die Geschäftsführung sprach von etwa 40 Personen, die sich beteiligt hätten.

Streik in Tierpark Hagenbeck ist ein Novum

Hinter den Kulissen rumort es im Tierpark seit Längerem heftig. Im Zentrum steht Tierpark-Geschäftsführer Dirk Albrecht­ und sein Führungsstil. Albrechts Gegner sehen in der Beteiligung an dem Streik nun ein Zeichen, dass die Bereitschaft wachse, ihm auch offen entgegenzutreten – trotz eines „Klimas der Angst“, das er im Tierpark befördere. Der umstrittene Geschäftsführer selbst hat aber auch Unterstützer und zuletzt eine Charme­offensive gestartet. Albrecht kann es angesichts des heftigen Gegenwinds als kleinen Erfolg verbuchen, dass nicht noch mehr Beschäftigte am Mittwoch die Arbeit niederlegten.

Die Teilnehmenden betonten aber, dass die Aktion bereits ein klares Signal sei. „In Deutschland sind wir ja alle so erzogen, dass Streik eigentlich das letzte Mittel ist“, sagte Tierpfleger Dave Nelde, der seit 17 Jahren bei Hagenbeck arbeitet. „In der über 100-jährigen Geschichte von Hagenbeck ist es etwas ganz Besonderes, dass die Mitarbeiter auf die Barrikaden gehen und sagen: So geht es nicht mehr.“

Auch IG-BAU-Gewerkschaftssekretär Pascal Lechner sagte, die Situation sei ungewöhnlich: „Normalerweise setzt man sich hin – und wenn man dann im Laufe der Verhandlungen überhaupt nicht zusammenkommt, kann man streiken.“ Trotz Aufforderungen im Mai und Juni seitens­ der Gewerkschaft habe es aber bis heute kein Gesprächsangebot der Geschäftsführung­ gegeben. Sollte Dirk Albrecht­ weiter die Verhandlungen verweigern, seien weitere Streiks möglich.

Auf Informationsblättern zum Ausstand beklagte die IG BAU „ein schwieriges Klima, was die Arbeitsbedingungen angeht“. Ausgebildete Tierpflegerinnen und -pfleger würden hier „mit 2100 Euro brutto knapp über dem neuen Mindestlohn liegen“. Zehn Vertreterinnen und Vertreter der IG Metall beteiligten sich solidarisch an dem Streik. „Was mich schockt, ist, dass man die IG BAU nicht als Verhandlungspartner akzeptiert“, sagte der Geschäftsführer der IG Metall Region Hamburg, Emanuel Glass. „Wir haben das Recht, dass Arbeitnehmer sich Gewerkschaften suchen dürfen und gemeinsam ihre Interessen vertreten. Dass ein Geschäftsführer das abspricht, gehört sich nicht – schon gar nicht für eine so prominente Einrichtung.“

Tierpark-Chef spricht während des Streiks mit Journalisten

Während sich die Streikenden im Schatten unter den Bäumen gegenüber des Eingangs versammelten, beantwortete Dirk Albrecht im Tierpark Fragen von Journalistinnen und Journalisten. Gegenüber dem Abendblatt sagte Albrecht, es sei „das gute Recht“ der Beschäftigten zu streiken. Sie würden allerdings „keine Not leiden“: „Wir haben bereits eine gültige, komfortable Betriebsvereinbarung und Arbeitsverträge. Es geht nicht darum, dass sich jemand sein Brot nicht mehr kaufen kann, sondern um finanzielle Add-Ons.“

Dabei spiele auch die Gemeinnützigkeit des Tierparks eine Rolle: „Wir müssen unsere Einnahmen für Zwecke wie neue Gehege, Sanierungen, Tierbetreuung und technische Infrastruktur einsetzen. Dazu gehören zunächst keine Gehaltserhöhungen für die Mitarbeiter“, sagte Albrecht. „Man kann Wünsche formulieren, aber sie müssen finanziell auch realisierbar sein.“ Zu der Kritik bezüglich mangelnder Gesprächsangebote sagte Albrecht: „Die Antwort der Geschäftsleitung war schon im April klar: Unser Gegenüber, das für alle Mitarbeiter sprechen und Verträge abschließen kann, ist der Betriebsrat. Nicht die Gewerkschaft.“ Zwischen Geschäftsleitung und Betriebsrat würde über eine neue Betriebsvereinbarung verhandelt, so Albrecht. Bisher habe er auf eine „einvernehmliche Einigung gehofft“.

Hagenbeck: Juristische Auseinandersetzungen sind die Regel

Dem Betriebsrat habe die Geschäftsführung am Dienstag nach der „überraschenden Streikankündigung“ eine überarbeitete Betriebsvereinbarung übermittelt. Sollte der Betriebsrat die Verhandlungen an die Gewerkschaft weitergeben wollen, werde der Tierpark das Arbeitsgericht anrufen. Albrecht riet den Streikenden abzuwarten: „Egal, wie oft gestreikt und der Druck vermeintlich erhöht wird, die Geschäftsleitung möchte Rechtssicherheit, und die kann nur durch ein Urteil des Arbeitsgerichtes hergestellt werden.“

Dass Konflikte juristisch ausgetragen werden, ist im Tierpark die Regel. Zuletzt gab es bereits mehrere Gerichtsprozesse wegen Streitigkeiten zwischen Albrecht und dem Betriebsrat. Die Staatsanwaltschaft prüft mehrere Strafanzeigen, die Beschäftigte erstattet hatten – darin wird Albrecht sogar angeblicher Betrug mit Kurzarbeitergeld vorgeworfen. Der Tierpark-Chef bestreitet alle Vorwürfe und spricht von einer „Kampagne“ gegen ihn.

Der Tagesbetrieb konnte während des Streiks ungestört stattfinden. Nur einzelne Gäste blieben stehen und klatschten während der Redebeiträge. Auf die Tierversorgung habe der Streik keine Auswirkungen, wie IG BAU und Geschäftsführung in seltener Einigkeit bestätigten.

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