Hamburg

Nissim Mizrahi – ein Gastronom und Lebenskünstler

Der Hamburger Gastronom und Lebenskünstler Nissim Mizrahi hinter der Theke seines Cafés.

Der Hamburger Gastronom und Lebenskünstler Nissim Mizrahi hinter der Theke seines Cafés.

Foto: Mark Sandten / MARK SANDTEN / FUNKE FOTO SERVICES

Seit elf Jahren hat er ein Bistro in Hamburg. Über die Zeit davor mit Udo Lindenberg und Uschi Obermaier spricht er mit dem Abendblatt.

Hamburg.  Einige Gäste seines kleinen Cafés halten ihn für einen der führenden Paradiesvögel unserer Stadt, für einen Tausendsassa erster Klasse. Nissim Mizrahi, Gastronom, Musiker und alleinerziehender Vater in Personalunion, akzeptiert allenfalls die Einstufung als Lebenskünstler – aber mit Bodenhaftung. „Ein Tagträumer bin ich nicht“, sagt der Hamburger mit deutscher sowie israelischen Staatsbürgerschaft, „auf jeden Fall ein Workaholic.“ 18 Stunden am Tag sei er im Einsatz.

Sein Lebensweg beschert Stoff für eine abenteuerliche Geschichte. Die „Bravo“, der Musiker Udo Lindenberg und die Kommunardin Uschi Obermaier, während der 1968-Ära Vorkämpferin einer sexuellen Revolution, sind Stichworte.

Der ideale Ort, dieser schillernden Hamburgensie auf den Grund zu gehen, ist die Theke des eigenen Lokals: Seit mehr als zehn Jahren betreibt der unternehmungslustige Hanseat das „Café Liebling“ an der Hartungstraße vis-à-vis der Kammerspiele. Bis zur Rothenbaumchaussee sind es ein paar Schritte. In drei Räumen, auf insgesamt 65 Quadratmetern, hat Wirt Mizrahi eine Melange aus Café, Bistro, Kneipe, Informationsbörse und Restaurant etabliert.

Musiker aus der Elbphilharmonie begleiten ihn

Wer mag, nimmt an einem der fünf kleinen Tische auf dem Bürgersteig Platz. Warme Speisen werden ausschließlich mittags serviert, abends gibt’s Getränke, Klönschnack und Musik. Nachbarn, Studenten und Kulturschaffende ergeben einen illustren Mix. Stationen eines besonderen Werdegangs zieren die Wände. Gitarren gehören dazu.

Ein aktuelles Ereignis sorgt bei Stammgästen für Gesprächsstoff: Am 10. November, Sonntag kommender Woche, gastiert „Liebling die Band“ im Logo an der Grindelallee. Der Saal fasst 450 Zuhörer. „Liebling“ Nissim Mizrahi wird an dem Abend Lieder wie „Bilder“, „Allerschönsten Augen“ oder „Es tut nicht mehr weh“ präsentieren. Es geht um Herzenssachen, Liebe, Leiden, Eros, mithin um das Leben mit Höhen und Tiefen. Begleitet wird der kultivierte Lebemann von vier Streichmusikern aus der Elbphilharmonie. Damit kehrt der Sänger dorthin zurück, wo er bereits vor 41 Jahren gastierte.

„Das waren Zeiten“, sagt der Gastwirt – und holt hörbar Luft. Ein weiterer starker Kaffee aus der Maschine am Rand der Theke, dann taucht er in seine Vergangenheit ein. Das Zuhören macht Spaß. Zur Welt kam er vor 56 Jahren: als Sohn eines Israeli und einer Hamburgerin im Grindelviertel. Musik faszinierte Nissim und seine Freunde von jeher.

Udo Lindenberg verhalf zur ersten Single

Gemeinsam mit vier ebenfalls 15 Jahre alten Kumpels fasste er sich 1978 ein Herz – und klingelte an der Tür des Künstlers Udo Lindenberg am Mittelweg. Dieser öffnete leibhaftig und bat das aufgeregte Quintett hinein. Die Jungs waren Zeuge, wie Lindenberg und Kollegin Ulla Meinecke für ein Plattencover fotografiert wurden. Am Rande erzählte Nissim von seiner Schülerband, den Small Fighters.

„Komm doch mal im Studio vorbei“, riet Lindenberg. Daraus wurde mehr. „Ich bin kein Spielzeug“, sang der Teenager mit der voluminösen Haarpracht auf seiner ersten Single. „Unter den Fittichen von Udo L. nach oben“, schrieb die Zeitschrift „Bravo“. Und die Hamburger Lokalpresse textete in großen Buchstaben als Überschrift: „Bei Udo an der Trommel sitzt ein Kinder-Rocker“. Den Song „Englandfähre“ schufen Mei­necke, Lindenberg, Mizrahi als Trio.

Zu fortgeschrittener Stunde, wenn es im Hinterzimmer des Cafés Liebling temperamentvoll zur Sache geht, greift Nissim Mizrahi hin und wieder zur Gitarre – und fetzt los. Fotos, Plattenhüllen, Zeitungsausschnitte hängen an den Wänden und sind in ein Album geklebt. Weitere Details muss man erfragen.

Mizrahi sang Jingles für bekannte Werbespots

Der Gastwirt ist unterhaltsam und eloquent, in eigenen Belangen jedoch bescheiden, ein Anhänger sanfter Töne. Apropos Ton: Sein markantes Timbre brachte ihm auch in der Werbung Zuspruch. Mizrahi sang Jingles für bekannte Spots: Gilette („Für das Beste im Mann“), McDonald’s („Los Wochos“) oder Douglas („Come in and find out“). Hunderte Radiomelodien stammen aus seiner Kehle. Der Frauenwelt, verraten weibliche Stammgäste wie Brigitte, beschert das sanftherbe Organ bisweilen eine wohlige Gänsehaut.

Vielleicht ging es dem Fotomodell Uschi Obermaier einst ebenso? Was im Café Adler in Eimsbüttel begann, fand am Strand bei Los Angeles eine Fortsetzung. Schade für Nissim, dass die Sex-Ikone den Lebensgefährten an Bord ihres umgebauten Reisebusses hatte. Einen kleineren Bus hatte auch Nissim. Seite an Seite mit zwei ähnlich lebensfrohen Gesellen tingelte Mizrahi durch Südfrankreich. Die Straßenmusik, beschreibt er anschaulich, reichte für ein Sommerleben in Saus und Braus. Später war er als Marketingprofi für die Werbepostkarte „Edgar“ im Einsatz. Erlebnisse wie diese prägen ein Leben lang.

Noch einen Kaffee, bitte. Wird gemacht. Dann jedoch blickt der kultivierte Gastwirt zur Uhr. In der Wohnung über seinem Lokal wartet die neunjährige Tochter auf das Mittagessen. Bevor diese freudige Pflicht den Lebenskünstler ruft, verrät er sein Lebensmotto: „Ich mache nichts des Geldes wegen. Für mich zählen das Jetzt und das Heute.“