Kita-Essen

Kritik an Kirche: „Wollen unsere Kinder zu Veganern machen“

| Lesedauer: 8 Minuten
Thomas Heyen und Anne K. Strickstrock
Kinder in den 81 evangelischen Kindertagesstätten im Kirchenkreis Hamburg-Ost sollen von 2023 an kein Fleisch und Fisch mehr bekommen.

Kinder in den 81 evangelischen Kindertagesstätten im Kirchenkreis Hamburg-Ost sollen von 2023 an kein Fleisch und Fisch mehr bekommen.

Foto: Christian Charisius / picture alliance

Umstellung des Kita-Essens auf Ovo-Lacto-Vegetarismus im Kirchenkreis Hamburg-Ost stößt auf Widerstand. Was die Kirche dazu sagt.

Bergedorf.  In den 81 evangelischen Kindertagesstätten im Kirchenkreis Hamburg-Ost – darunter die Kitas St. Nicolai in Altengamme, St. Severini in Fünfhausen, St. Johannis in Neuengamme, St. Severini in Kirchwerder und die evangelische Kita Ochsenwerder – soll von 2023 an kein Fleisch und Fisch mehr auf den Tellern der Kinder landen. Stattdessen wird auf Ovo-Lacto-vegetarische Ernährung umgestellt. Die Kinder bekommen also auch Produkte tierischen Ursprungs wie Milch und Milchprodukte, Eier und Honig. Die geplante Ernährungsumstellung stößt nicht bei allen Eltern auf Zustimmung.

Wann in den einzelnen Kitas auf Ovo-Lacto-Vegetarismus umgestellt wird, ist unklar

Derzeit, so verspricht die Kindertagesstätte (Kita) Wackelzahn am Bornbrook in Lohbrügge, gebe es „ausschließlich Muskelfleisch vom Rind oder Geflügel vom Bioland-Fleischer“, dazu einmal pro Woche Seefisch aus nicht überfischten Beständen (MSC-zertifiziert). Ein absoluter Verzicht auf Fleisch und Fisch, wie er ab Januar kommen soll, sei grundsätzlich gar nicht so verkehrt, meint Robert Meier (Name geändert, die Red.) aus Lohbrügge, dessen fünfjährige Tochter zu den gut 130 Kita-Kindern zählt. Allerdings wäre er gern dazu gefragt worden: „Die wollen unsere Kinder im Interesse des Klimas zu Veganern machen, wobei überhaupt nicht klar ist, wie viel CO2 dadurch allein in dieser Kita eingespart wird“, sagt der 38-Jährige. Und ärgert sich ein bisschen: „Der Kirchenkreis hätte uns Eltern wenigstens einbeziehen können, vielleicht vorab durch eine Umfrage. Das wäre zumindest demokratischer gewesen.“ Schließlich sei es schon eine weitreichende Entscheidung, „wenn uns diktiert wird, was unsere Kinder zu essen und zu trinken bekommen“.

In der evangelischen Kita Ochsenwerder gibt es bisher zwei Tage, an denen vegetarische Kost auf dem Speiseplan steht, an einem Tag gibt es Fisch und an zwei Tagen Fleisch, berichtet Viola Ponik, stellvertretende Leiterin. Große Proteste von Eltern habe es aufgrund der geplanten Umstellung bisher nicht gegeben. „Eine Kita ist familienergänzend“, sagt Viola Ponik. „Die Kinder können ja zu Hause Fleisch und Fisch essen. Unsere älteren Kinder können sich auch Fleisch und Fisch als zusätzliches Essen mitbringen.“ Der Caterer sei vorbereitet, könne gleich zu Jahresbeginn neue Speisen nach den Vorgaben des Kirchenkreises liefern, betont die stellvertretende Leiterin. „Die haben viele Vorschläge für eine abwechslungsreiche, alternative Ernährung gemacht.“

Mit den Kindern über die Nachteile von Fleischproduktion sprechen

Mit allen Kindern werde über das Thema gesprochen, auch darüber, dass fleischlose Mahlzeiten besser für die Umwelt seien, weil für die Fleischproduktion viele Treibhausgase freigesetzt werden. Die Kosten für die Kita-Essen seien in den vergangenen Monaten gestiegen, weil der Caterer die Preise erhöht hätte, berichtet Viola Ponik. „Das hat aber nichts mit der geplanten Ernährungsumstellung zu tun und muss bisher auch nicht von den Eltern bezahlt werden.“

Die Elternvertreter der evangelischen Kita Bugenhagen haben zu dem umstrittenen Vorhaben eine Umfrage unter den Eltern gestartet, teilt eine Vertreterin mit. In der Kita hing eine Liste aus, auf der alle Eltern ihre Meinung kundtun konnten. Nach Informationen dieser Redaktion sind mehrere Eltern auf die Vertreter zugekommen mit der Frage, ob das Vorhaben noch abgewendet werden könne. „Die Resonanz auf unsere interne Liste war sehr gering“, sagt die Elternvertreterin. „Die Eltern in unserer Kita sind anscheinend eher für die Umstellung oder neutral dem gegenüber.“

„Keine Essenexperimente für die Kleinsten“, fordert Wolfried Pätzold, Leser unserer Zeitung und Großvater eines Dreijährigen, der eine Kita in Geesthacht besucht. Auch sein Enkelsohn wäre „von der Mittagessen-Revolution betroffen“. Pätzold ist „entsetzt, wie der Kirchenkreis über die Köpfe der Eltern hinweg sein umstrittenes Vorhaben umsetzen will“. Er habe recherchiert, dass verschiedene Experten zu einem mäßigen Verzehr von Fleisch, Fisch und Ei raten, teilt Pätzold mit. Jedoch: „Es gibt Befürworter und Kritiker, die eine Entscheidung schwer machen.“ Für ihn stehe „außer Frage, dass vor allem der Fleischkonsum bei Kindern und Erwachsenen gleichermaßen reduziert werden sollte“. Der Großvater empfiehlt, „dies schrittweise und ausgewogen zu tun“ – und die Kita-Eltern abstimmen zu lassen. Er hofft darauf, „dass der Kirchenkreis sein Vorhaben überdenkt und die Umsetzung stoppt“.



Die Leitung der evangelischen Kita Neuengamme mag sich zu dem Thema nicht äußern und verweist an die Pressesprecher des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Hamburg-Ost. Zur Frage, ob es viele Beschwerden seitens der Eltern gibt, teilt Pressereferentin Miriam Hansen mit: „In 81 Kitas kommen sehr viele unterschiedliche Meinungen zusammen, aber nur einige sind besonders kritisch. Nicht jeder kann sich mit der Entscheidung anfreunden.“ Entsprechend wichtig seien die Informationen darüber, warum dieser Schritt gegangen werde. „Die Gründe, die gegen die Entscheidung vorgebracht werden, sind unterschiedlich. Hauptsächlich wird jedoch das Argument vorgebracht, dass nur mit Fisch und Fleisch eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung erreicht werden kann“, sagt Miriam Hansen. „Dieses Argument lässt sich schnell entkräften: In Fisch und Fleisch stecken wichtige Nährstoffe, die aber natürlich nicht ausschließlich in Fisch und Fleisch vorkommen.“ Überwiegend seien jedoch „positive Stimmen zur Umstellung“ zu hören.

Die Kirche betont auch, „dass wir nicht aus ideologischen Gründen auf vegetarische Ernährung umstellen“, sagt Miriam Hansen. Die Kirche wolle nicht missionieren. „Viele Ängste und Sorgen können wir nehmen, wenn wir die Eltern über die Hintergründe und die Auswirkungen der Entscheidung aufklären. Zudem werden wir die Umstellung Schritt für Schritt begleiten und der Umstellung die Zeit geben, die sie braucht. Mit der Zeit wird es immer normaler werden, dass Kitas auf fleischlose Kost umstellen, davon sind wir überzeugt.“

Beide Themen deutlich voneinander getrennt

Die Kirche verschickte Ende Oktober ein Schreiben an die Eltern, das dieser Redaktion vorliegt. Darin heißt es: „Nach prüfenden Gesprächen mit den Caterern hätten wir Sie als Elternschaft gern in Ruhe informiert. Dies ist aufgrund der schnellen und in Teilen falschen Presseartikel nun so nicht mehr möglich.“ Auf Nachfrage unserer Redaktion, was denn fehlerhaft berichtet worden sei, antwortet Antje Fuhrmeister von der Geschäftsführung des Kirchengemeindeverbands der Kindertagesstätten im Kirchenkreis, dass in unserer Zeitung zwei Themen vermischt worden seien „und fälschlicher Weise in Zusammenhang gebracht worden sind“. Es sei „gänzlich falsch, dass mit der Einführung dieser Maßnahme irgendeine Art der Kostenerhöhung für die Eltern einhergeht“. Dies hatte unsere Redaktion allerdings auch nicht behauptet, sondern die beiden Themen – Kostenerhöhung für Essen in Kitas in Geesthacht und Umstellung der Ernährung – deutlich voneinander getrennt.

Wann in welchen Kitas die Umstellung „auf eine ovo-laktische vegetarische Ernährung“ greifen wird, konnte Antje Fuhrmeister nicht sagen: „Wenn wir im neuen Jahr wissen, welche Caterer unsere Kitas nach den entsprechenden Qualitätsstandards (von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung formuliert) beliefern können, wird die Umstellung beginnen und dann abhängig von den Gegebenheiten in den einzelnen Kitas umgesetzt.“ Welche Caterer den Qualitätskriterien entsprechen, sei „frühestens ab Anfang 2023“ klar. Es sei „also falsch, dass es bereits ab Januar kein Fleisch und Fisch mehr in den Kitas geben wird“, betont die Mitarbeiterin der Geschäftsführung. „Die Umstellung soll ebenfalls dafür sorgen, dass die Qualität der Ernährung noch vielseitiger wird, und diese Umstellung wird eine gewisse Zeit benötigen. Wann es in den einzelnen Kitas also ganz konkret kein Fleisch und Fisch mehr geben wird, ist also unterschiedlich.“