Energiekosten

Gestiegene Heizkosten treffen Hamburger Gärtner hart

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Thomas Heyen
Für die kälteempfindlichen Weihnachtssterne wird das 500 Quadratmeter große Gewächshaus der Gärtnerei Martens auf 15 bis 18 Grad geheizt. 

Für die kälteempfindlichen Weihnachtssterne wird das 500 Quadratmeter große Gewächshaus der Gärtnerei Martens auf 15 bis 18 Grad geheizt. 

Foto: Lena Diekmann / BGZ/Diekmann

Mehrere Tausend Euro Mehrkosten werden erwartet. Viele Betriebe in den Vierlanden entwickeln jetzt eigene Strategien.

Bergedorf. Nicht nur die Spritpreise sind explodiert, sondern auch die Heizkosten. Gärtner sind davon besonders betroffen: Sie müssen ihre riesigen Gewächshäuser zumindest bei zwei Grad plus frostfrei halten. Andere Kulturen, wie etwa Weihnachtssterne und Fuchsien, benötigen mindestens 16 Grad plus. „Unsere Energiekosten werden sich von Januar an verdoppeln“, sagt Tanja Witzke von der Gärtnerei Martens am Vorderdeich 25 in Reitbrook. Denn dann wird – zusätzlich zu den enorm gestiegenen Energiekosten auf dem Weltmarkt – die 2021 eingeführte CO2-Steuer erhöht, von 25 auf 30 Euro pro Tonne Kohlenstoffdioxid.

In der Gärtnerei Martens werden die Preise für einige Pflanzen leicht erhöht, sagt Tanja Witzke, „aber nicht für alle“. Schließlich seien die Kunden preisbewusst, würden viele abwandern, wenn die Gärtnerei ihnen plötzlich zu teuer werde. Außerdem würden die höheren Energiekosten ja auch die Kunden betreffen, betont Tanja Witzke. „Sie müssen überall mehr bezahlen. Zu unseren Kunden zählen auch viele Senioren, die aber nicht mehr Rente bekommen. Wir werden deshalb auf einem Teil der gestiegenen Kosten sitzenbleiben.“

Energiekosten: Gärtnereien besorgt

Die Gärtnerei heizt mit Gas. Sie beheize längst nur noch das vordere, etwa 500 Quadratmeter große Treibhaus, in dem sich auch Kunden aufhalten. Dort stehen derzeit vor allem kälteempfindliche Weihnachtssterne bei 15 bis 18 Grad plus. Besser wären 20 Grad, aber dies sei zu teuer.

„Bis vor 30 Jahren haben wir alle Gewächshäuser beheizt – und nierigere Energiekosten gehabt als heute, wo wir nur ein Gewächshaus beheizen und die anderen bei zwei Grad plus frostfrei halten.“ Als die Energiekosten Anfang der 2000er-Jahre ebenfalls deutlich gestiegen seien, seien viele kälteempfindliche Kulturen aus dem Programm genommen worden, etwa Alpenveilchen. Auch Topf- und Grünpflanzen würden Wärme benötigen.

„Wir müssen alle Gewächshäuser minimal beheizen"

Das 500-Quadratmeter-Gewächshaus werde praktisch das ganze Jahr über beheizt, so sei es zumindest in diesem Jahr gewesen, „zumindest nachts“, betont die Mitbetreiberin der Gärtnerei Martens. Sie rechnet für das kommende Jahr mit einigen Tausend Euro Mehrkosten. „Manche Kollegen verbringen im Januar und Februar ihren Jahresurlaub und füllen ihre Treibhäuser erst ab März mit Jungpflanzen, um die Heizkosten zu senken.“ Stiefmütterchen und andere Frühlingsblumen würden in der Regeln nur noch bei zwei Grad plus großgezogen. „Wir müssen alle Gewächshäuser minimal beheizen, damit die Heizungsrohre nicht platzen.“

Die Explosion der Heizkosten trifft die Gärtner in einer Zeit, in der ihnen viele weitere Preissteigerungen ebenfalls zu schaffen machen: Auch die Preise für Düngemittel, Pflanzenerde und Arbeitsmaterial wie Papierverpackungen seien gestiegen. „Auch für die Jungpflanzen zahlen wir nun mehr, die Folge einer Kettenreaktion“, berichtet Tanja Witzke.

Gärtner haben aus Energiekrisen der Vergangenheit gelernt

Andreas Kröger, Betreiber der Zierpflanzengärtnerei Kröger Gartenbau am Kirchwerder Marschbahndamm 277 in Kirchwerder und Präsident des Wirtschaftsverbands Gartenbau Nord, habe bisher kaum Klagen von seinen Berufskollegen gehört, obwohl der Preis für Heizöl um die Hälfte gestiegen sei und der für Gas sich in der Spitze in diesem Jahr verdoppelt habe. Auch die Kohlepreise und die Aufwendungen für Holz, relevant für Gärtner mit Pelletheizung, seien deutlich gestiegen. „Doch wir Gärtner haben das schon mehrfach erlebt und aus den Energiekrisen der Vergangenheit gelernt.“

Wie in der Gärtnerei Martens, hätten auch andere Gärtner ihre Kulturen umgestellt. Zudem hätten viele in den vergangenen Jahrzehnten ihre Heizsysteme optimiert. Dies sei aufgrund von staatlichen Subventionen möglich gewesen. Viele würden über computergesteuerte Heizsysteme verfügen, fast jeder habe sogenannte Energieschirme – Stoffschirme, die unter dem Gewächshausdach nachts aufgespannt werden. „Das allein bringt schon 30 Prozent Energieeinsparung.“

Verband hofft, dass die Energiepreise nicht weiter steigen

Die meisten Betriebe würden mit Gas heizen, seit dem Jahr 2000 auch Kröger. Viele Gärtner seien noch sicher, weil sie ihr Gas frühzeitig für das gesamte Jahr 2021 zu alten Konditionen geordert hätten. „Sie trifft die Kostenexplosion verzögert“, sagt der 57-Jährige. Er geht davon aus, dass nun „vermutlich die Spitze erreicht“ sei, könne sich sogar gut vorstellen, dass die Energiepreise „vielleicht ein Stück weit runtergehen“.

Zu Beginn des Jahres seien die Preise noch auf dem alten, dem Vorjahresniveau gewesen. „Seit Frühjahr sind sie dann gestiegen, im Sommer gravierend. Hinzu kamen Lieferschwierigkeiten. Das spüren wir aber erst jetzt, wo wir heizen müssen.“ Als Kröger den Betrieb 1995 von seinem Vater übernahm, habe der Ölpreis – damals besonders günstig – 15 Pfennig pro Liter betragen. Nun liege er bei 90 Cent (etwa 1,80 Mark) – eine Verzwölffachung innerhalb von 26 Jahren.

Kunden seien bereit, für regionale Produkte mehr zu bezahlen

Kröger freut sich über neue Fuchsiensorten, die schneller blühen würden und erst „mindestens vier Wochen später“ kultiviert werden müssten. „Deshalb müssen wir erst ab Anfang Januar für den Rest des Winters heizen und sparen uns so den gesamten Dezember, in dem es meist kalt ist.“ Zudem könnten sich die Gärtner auf ihre Kunden verlassen: „Dass die Kunden bereit sind, für regionale Qualitätsprodukte mehr zu bezahlen, hilft den Gärtnern in der Region enorm“, betont Kröger. So seien sie für Krisen besser gewappnet.

Derzeit wachsen in seinen Gewächshäusern Primeln, Stiefmütterchen und Ranunkeln bei niedrigen Plustemperaturen. Sie werden ab Februar, März verkauft. Die Gärtner setzten seit Jahrzehnten verstärkt auch auf Freilandkulturen, sagt Kröger – darunter winterharte Stauden, die im Spätsommer verkauft werden. „Da wurden alte Zöpfe abgeschnitten, hat sich ein neuer Markt entwickelt.“ Auf diese Weisen hätten die Krisen auch Vorteile gebracht, „auch für die Kunden“: Die verstärkt angebauten Gartenblumen seien wichtig für die Insekten, bieten ihnen Lebensräume und Nahrung. Dies helfe der Umwelt.

Gartenbau: „Wir brauchen aber Hilfe zur Selbsthilfe“

Die Gärtner würden „nicht zum Jammern neigen“, sondern neue Lösungen suchen. „Wir brauchen aber Hilfe zur Selbsthilfe“, sagt der Präsident des Wirtschaftsverbands Gartenbau Nord. Es sei ja auch paradox, dass der grünen Branche die CO2-Steuer aufgehalst werde, obwohl die Gärtner Pflanzen anbauen, die Kohlenstoffdioxid verbrauchen. „Wir wollen dazu beitragen, die Klimaziele zu erreichen, benötigen dafür aber Fördermittel, damit wir in neue Techniken investieren können.“