Ihr Beruf ist immer auch Berufung

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Von Wiebke Schwirten

Zollenspieker.
Es ist 7 Uhr. Drei Steinstufen zur Tür. Das Fenster spiegelt den wolkenblauen Himmel - und den Besucher selbst. Polizeiposten Nicole von der Heide (49) hat den Durchblick, weiß dank des von innen durchsichtigen Spiegels schon vor dem Öffnen, wer draußen steht. Auch sonst lässt sich die sportliche Polizeioberkommissarin die Butter nicht vom Brot nehmen. Für sie ist der Beruf auch Berufung. Hätte sie noch einmal die Wahl: "Ich würde immer wieder Polizistin werden", sagt sie.

Auch Zwölf-Stunden-Alarmschichten machen der Frühaufsteherin nichts aus. Der einzige weibliche Polizeiposten im Landgebiet brennt dafür, die Welt ein bisschen besser machen zu dürfen. Etwa dann, wenn sie vor einer Grundschulklasse steht und den Kindern nach einem aktuellen Vorfall klar machen kann, was Diebstahl bedeutet - für den Dieb, aber auch für das Opfer. Wenn dann zu sehen ist, wie in den Köpfen ein Nachdenken einsetzt. "Ich versuche Respekt, Recht und Ordnung beizubringen", sagt sie. Da ziehe sie mit den Lehrern an einem Strang.

Fälle mit Drogenkindern und Selbstmordgefährdeten gehen der zweifachen Mutter auch nach etwa 30 Dienstjahren immer wieder nah. So wie das Mädchen, das auf der S-Bahn-Brücke Billwerder-Moorfleet stand, springen wollte. "Sie saß nachher weinend bei mir im Streifenwagen", sagt Nicole von der Heide. Sie hat das Mädchen zum Wilhelmstift begleitet, ihr zugehört, ihr gesagt, dass sie nicht alleine ist. Manche Kollegen schütteln dann den Kopf. Ja, sie weiß das, sie müsste das nicht machen. Aber sie muss es eben doch. Beruf als Berufung.

Die Tatortmelodie klingelt von ihrem Handy. Nicole von der Heide wird zu einem Unfall gerufen. Eine Frau ist mit ihrem Wagen in einen Graben gerutscht. Die Sache ist schnell erledigt, zumal Kollege Knuth Witt auch schon vor Ort ist. Doch ihrer Aufmerksamkeit entgeht nichts. Schon auf dem Hinweg war ihr ein Krad aufgefallen, das einsam mitten auf einem Feldweg steht. "Machst du mir mal 'nen Halter?", fragt sie jetzt beim Polizeikommissariat 43 (PK 43) in Bergedorf nach. Die Daten geben aber nichts Ungewöhnliches her. Aber merkwürdig ist das schon. Sie wird es im Auge behalten.

Der Süderquerweg ist wechselseitig ziemlich zugeparkt. Ja, die Anrufe hat sie immer wieder, dass Anwohner Halteverbote fordern. Andererseits bremsen die Parkenden auch, "sonst fahren hier alle mit Tempo 80 durch", sagt Nicole von der Heide.

Zwei Kollegen von der Kradstaffel, Matthias Bolle und Lars Loßin, rücken gerade aus, als sie zum Posten zurückkommt. Sie teilen sich mit Michael Kühl und Ingo Hölscher zwei Büroräume am Sülzbrack. Nicole von der Heide schaut von ihrem Schreibtisch aus durch ein großes Fenster zur Zentralen Erstaufnahme (ZEA) hinüber. Ein Besuch dort gehört zum Tagesablauf, schauen, ob alles in Ordnung ist, ob Hilfe gebraucht wird.

Auf der Fensterbank stehen Bilder von Kim (20) und Janik (18), ihren Kindern. Es ist schon ein bisschen her, dass die beiden die Tusche-Bilder gemalt haben, die an den Wänden hängen. Ansonsten wirkt das Büro eher nüchtern und funktional. Auch das Radio bleibt meistens stumm. So entgeht ihr kein Funkruf für 4395 - ihre Dienstnummer.

"Help, help". Eine junge Frau aus der Flüchtlingsunterkunft hält Nicole von der Heide einen Zettel unter die Nase. Sie möchte zu einem Arzt gehen. Das kann sie auch. Nicole von der Heide erklärt es ihr. Die Frauen der ZEA wenden sich gern an die zierliche Polizistin, die so fröhlich lächeln kann - und dennoch durchsetzungskräftig ist. Sie haben Vertrauen zu ihr.

Ein Fall von hartnäckigem Stalking, Wohnungs-Einbrüche, eine kuriose Nachbarschaftsüberwachung per Videokamera - Nicole von der Heide hat jeden Tag alle Hände voll zu tun. Dazu müssen Berichte geschrieben, die Statistik geführt und E-Mails beantwortet werden. Immer wieder erklingt die Tatort-Melodie vom Handy. Aktuell sorgt sich eine Frau wegen eines schwachen Lamms am Deich. Nicole von der Heide informiert den Schäfer.

Gefällt ihr eigentlich die "Tatort"-Serie? "Ja, besonders der aus Münster", sagt sie und lacht. Unterhaltung mit Witz. Mit der täglichen Polizeiarbeit habe das nichts zu tun, mache aber Spaß. Genauso wie die Krimis, die sie gern liest.

Noch am Vormittag startet sie auf eine Streifenfahrt durch das Gebiet, vorbei am Fährhaus über die Deiche. Manchmal fährt sie hier auch mitten in der Nacht "Hochwasserstreife", wenn Wind und Tide die Elbe über den Deich bugsieren wollen.

Beim PK 43 in Bergedorf sortiert Nicole von der Heide ihre Berichte in die Ordner, sagt der C-Schicht "Hallo", den Kollegen von früher, bevor sie vor etwa vier Jahren Polizeiposten in Zollenspieker wurde. Dem Gespräch können Uneingeweihte kaum folgen. "Das liegt am Polaküfi", sagt die 49-Jährige und lacht. Polaküfi steht für Polizeiabkürzungsfimmel, der etwa aus wichtigen Ereignissen kurz "WEs" macht.

Nicole von der Heide schaut kurz weit zurück und wird ernst. Früher schleppte sie etwa 20 Kilogramm Ausrüstung im Streifendienst mit sich herum. Nach tödlichen Schüssen auf einen Kollegen trugen alle Sicherheitswesten. Schwer wie zwei Sack Kartoffeln ist auch heute noch das Koppel um ihre Hüften mit Dienstwaffe, Munition, Schlagstock, Handschellen, Pfefferspray und Lampe.

Mittags geht es nach Hause. Möhren schälen in Uniform ist nur für Außenstehende kurios. Nicole von der Heide bereitet schnell das Essen für ihren Sohn vor und gönnt sich eine Apfelschorle. Sie wird später mit ihrem Partner, Hauptkommissar Michael Laubert (48), warm essen. Tochter Kim isst ohnehin außer Haus - sie studiert derzeit in Marokko.

Zurück am Polizeiposten kündigt sich ein Radler an. Er möchte seinen Autoführerschein vorzeigen, den er bei einer Kontrolle nicht dabei hatte. Nicht jeder Anruf ist am Zollenspieker richtig. Häufig finden Hilfesuchende die Telefonnummer des Postens im Internet und wählen sie - egal, wo sie sich gerade befinden.

Kurz vor Feierabend wird die Polizeioberkommissarin an den Hohendeicher See gerufen. Doch glücklicherweise ergibt die dort entdeckte Kleidung keine Hinweise auf eine Straftat oder einen Unfall. Auch nach zehn Stunden ist Nicole von der Heide noch topfit. Sie meldet sich ab von ihrem Dienstcomputer - aber nicht von Vierlanden. Sie hat auch privat für Jeden ein offenes Ohr, engagiert sich für diesen Landstrich, den sie liebt. Dieser Beruf ist eben Berufung.