Ehrenamt

Berührungsängste kennt Ina Rathje nicht

Neuengamme (hy). Als wir darüber berichteten, dass der "Arbeits- und Förderkreis Kirchliche Gedenkstättenarbeit an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme" ehrenamtliche Mitarbeiter sucht, die Besucher der Gedenkstätte über das Gelände führen, meldeten sich prompt zwei Leser bei Pastor Hanno Billerbeck.

Der 52-Jährige organisiert die Führungen, die sonntags ab 12 und 14.30 Uhr am Jean-Dolidier-Weg 75 angeboten werden.

"Der eine neue Mitarbeiter ist ein junger Mann aus Neuallermöhe, der die Führungen unserer Gruppenbetreuer häufiger begleitet, vorerst aber selbst noch keine Führungen leitet", sagt Billerbeck. Das andere neue Gesicht im Kreise der knapp 25 Gruppenbetreuer gehört Ina Rathje. Die 56-jährige Escheburgerin ist bereits voll eingestiegen. "Ich suchte eine neue, sinnvolle Aufgabe neben meiner Arbeit, wollte anderen Menschen helfen", sagt Ina Rathje. "Da las ich den Artikel in der 'bz'. Kurz darauf führte mich Pastor Billerbeck über das Gelände, berichtete mir von der Arbeit der Gruppenbetreuer."

Die Unternehmensberaterin ging bei fünf Führungen mit - und wechselte dann spontan die Seiten. "Als eine US-amerikanische Familie ins Plattenhaus, den Treffpunkt vor den Führungen kam, bot ich mich spontan als Guide an", sagt Ina Rathje. "Denn ich spreche recht gut Englisch, habe früher in London und New York gelebt. Berührungsängste habe ich nicht."

Inzwischen hat die 56-Jährige eine zweite Führung über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers geleitet, den Teilnehmern Fragen zu dessen Geschichte beantwortet. Nun hat sie eine längere Pause: Ihr nächster Einsatz ist am 3. März, 12 Uhr.

"Natürlich kann ich nicht jede Frage der Besucher beantworten, aber das wird auch nicht erwartet", sagt die gelernte Bankkauffrau. "Zur Not habe ich Zahlen, Daten und Fakten über das Neuengammer Konzentrationslager in der Tasche - aber bisher habe ich sie nicht gebraucht."

Ina Rathje hat sich im Laufe ihres Lebens "viel mit dem Nationalsozialismus und dem Judentum beschäftigt". Sie habe viele Bücher darüber gelesen und "viele Menschen im Ausland kennengelernt, die Deutschland in den 1930er-Jahren verlassen mussten". In ihrer Tätigkeit in Neuengamme sieht sie auch für sich Vorteile: "Hier werden viele intensive Gespräche geführt. Die geben mir viel." Die Grausamkeiten der Nationalsozialisten dürften nie in Vergessenheit geraten: "Neue Ansätze in diese Richtung müssen im Keim erstickt werden."

"Im Durchschnitt ist jeder Guide alle zwei Monate an der Reihe", sagt Billerbeck. Weil viele seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter im Rentenalter sind und nicht ewig mit Interessierten über das weitläufige Gelände spazieren können, sucht der Pastor weitere Freiwillige. Erreichbar ist er unter Telefon (040) 428 13 15 05. Internet: www.kirchliche-gedenkstaettenarbeit.de .