Vereinsgeschichte

Auf dem Rad gegen den Zerfall

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Bergedorf (bz)."Vierlande - Kulturgeschichte zwischen Elbe und Bille" - zu diesem komplexen Thema hat das Kultur- & Geschichtskontor jetzt den zweiten Band herausgegeben.

Erneut haben viele Engagierte eine Fülle Wissenswertes zusammengetragen. Anhand ausgewählter Themen geben wir einen Einblick in das umfassende Werk. Heute geht es um den "Radsport im Vierländer Vereinsleben".

Auf 22 Seiten beschreibt Ilse Schütz auch anhand vieler historischer Fotos, Statistiken, alter Zeitungsannoncen und Plakate die Geschichte der Radsportvereine im Landgebiet. Wie viele Schützen-, Gesang- und andere Vereine auch, entstanden die Radsportvereinigungen im Landgebiet in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf den Zerfall der Agrargesellschaft. Die vielen Feste und Bräuche, die das Jahr strukturierten, verschwanden, "als die bisher in der Landwirtschaft Tätigen sich ihrem eigenen Gartenbau widmen oder in die Fabriken abwandern", berichtet Ilse Schütz.

"Die bislang in den Lebens- und Jahresrhythmus eingebundenen Feste und Bräuche, bei denen jeder in der Gemeinschaft seinen Platz hatte, verschwinden. Statt dessen entstehen jetzt zahlreiche Gesang-, Feuerwehr-, Militär-, Turn- und Sportvereine. Neben ihrer entsprechenden Zielorientierung nimmt die Geselligkeit bei allen einen wichtigen Platz ein und füllt die durch die gesellschaftlichen Veränderungen entstandene Lücke", schreibt Ilse Schütz.

Im Jahre 1910 existierten bei einer Gesamtbevölkerung von 10 784 Menschen bereits 39 Vereine. Rolf Wobbe listete in seiner Untersuchung aus dem Jahre 1986 für die Zeit von 1860 bis 1934 insgesamt 58 "bedeutende Vereine" (Sparclubs nicht mitgezählt) auf - darunter neun Radsportvereine (gegenüber sechs Schießklubs und 22 Gesang- und Musikvereinen). Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden keine weiteren Radsportvereine gegründet. "Einige Vereine haben sich zusammengeschlossen. Andere lassen die Mitgliedschaften ruhen bzw. geben ihr Bestehen auf", heißt es in dem Buch.

Die Radsportler demonstrierten ihr Können in zahlreichen Disziplinen - etwa Radrennen, Radpolo, Radball, Kunst-, Reigen- und Korsoradfahren. "Kunstradfahren wird überwiegend von Männern, Radball nur von diesen praktiziert. Radpolo wird, bis auf wenige Ausnahmen, von Frauen gespielt", schreibt die Lehrerin im Ruhestand. Gefahren wurde auf Hoch-, Nieder- oder Einrad.

"Neben den Vereinslokalen, in denen die Versammlungen stattfinden, trainiert zunächst jeder Verein, wie bisher, in einem der großen Tanzsäle der Gaststätten. An die Turniere schließt sich stets ein Unterhaltungsprogramm an, ebenso wie der Tanz bei Saalfesten", schreibt Ilse Schütz. "Mit dem Bau der ersten Turnhallen ab 1950 verlagert sich der Saalsport immer mehr dorthin. Die Gaststätten verlieren ihre Rolle als Treffpunkt nach Feierabend."

"Der erste uns bekannte Radfahrerverein in den Vierlanden ist der 'Vierländer Radfahrerverein von 1894'. ( . . . ) Schon ein Jahr danach entsteht der 'Curslacker Radfahrerverein von 1895'." Der Vierländer RV existierte bis 1973, der Curslacker Verein exakt 100 Jahre (bis 1985). "In den 1950er- bis 1970er-Jahren sind insbesondere der 'Curslacker Radfahrerverein von 1985', der 'Radfahrerverein Schwalbe, Altengamme' und der 'Radfahrerverein Hansa von 1904, Kirchwärder' bei Norddeutschen, Nordwestdeutschen und Deutschen Meisterschaften sehr erfolgreich." Der RV Hansa qualifizierte sich sogar für die Radball-Europameisterschaften, trat auch gegen Weltmeister an.

Der einzige noch existierende Radsportler-Verein ist der "RV Hansa von 1904, Kirchwärder". Doch hier trainiert nur noch ein acht Spieler starkes "Alte Herren Team". Die letzten beiden "Nachwuchsspieler" sind inzwischen Anfang 30. Sie üben ihren Sport seit einigen Jahren im "Radfahrerverein Hamburg-Bille" aus.

Kultur- & Geschichtskontor (Hrsg): "Vierlande - Kulturgeschichte zwischen Elbe und Bille", Band 2, (15,90 Euro). Erhältlich im Kultur- & Geschichtskontor, Buchhandlungen und zusätzlich in Vierlanden bei: Monika Hillermann Geschenkartikel, Magda Lahann Geschenkartikel, Vierländer Markt, Apotheke Zollenspieker, Kiosk Alte Garage, Helmut Küster, Kirchenbüro Kirchwerder, Kirchenbüro Curslack.