Literatur

Von "Conserven" zu "Schacks Patent-Schrot"

| Lesedauer: 3 Minuten

Bergedorf (bz). "Vierlande - Kulturgeschichte zwischen Elbe und Bille" - zu diesem komplexen Thema hat das Kultur- & Geschichtskontor jetzt den zweiten Band herausgegeben. Erneut haben viele Engagierte eine Fülle Wissenswertes zusammengetragen.

Anhand ausgewählter Themen geben wir einen Einblick in das umfassende Werk. Heute: Von der "Vierländer Frucht- und Gemüse-Conservenfabrik" bis zur "Kirchwärder Mühle".

Autor Geerd Dahms beginnt seinen Beitrag mit dem Ende der Geschichte von Fabrik und Mühle: mit dem Industriedenkmal am Hower Hauptdeich 61. Gerettet vom Kultur- & Geschichtskontor, ist das dort aufgestellte Schwungrad einer Dampfmaschine eins der wenigen Relikte, die an die "Kirchwärder Mühle" erinnern. Sie stand etwas westlich des Denkmals und musste 1992 Deichsicherungsmaßnahmen weichen. Doch bevor die Müllerfamilie von Rönn dort "Schacks Patent-Schrot" und andere Futtermittel sowie besonders weißes Mehl, "Kaisers Auszugsmehl", herstellte, spielten in den Gebäuden Früchte und Gemüse die Hauptrolle.

Errichtet wurde die spätere Mühle 1898 als Fabrikationsgebäude von der Genossenschaft "Vierländer Frucht- und Gemüse-Conservenfabrik und Verwerthungsverein E.G.mbH". Jeder Vierländer, aber auch Nachbarn aus Ochsenwerder oder Reitbrook, konnte Mitglied werden. "Die Idee war vielversprechend", schreibt der Sozial- und Wirtschaftshistoriker Dahms. "Viele kleinere Produzenten landwirtschaftlicher Produkte schlossen sich zusammen, um die Früchte ihrer Bäume, Sträucher und Felder gemeinsam zu verarbeiten und zu vermarkten, somit einen größeren Markt zu erreichen und einen besseren Preis zu erzielen." Doch das Konzept hatte nach anfänglichem Erfolg nicht lange Bestand. 1901 wurden die Genossenschaft aufgelöst und die Fabrik zwangsversteigert. "Lange Jahre erinnerte das Brack, das noch heute an das Gelände anschließt, an die kurze Zeit der Fabrik", schreibt Geerd Dahms. Im Volksmund war es das "Dosenbrack", denn dort "entsorgte man einfach die vielen Dosen, die nicht mehr zu verwenden waren".

1904 kaufte der Müller Richard von Rönn aus Boizenburg die Fabrik und baute sie zur Mühle um, die 1905 in Betrieb ging. "Schacks Patent-Schrot" erwies sich als Verkaufsschlager, sodass die Mühle Tag und Nacht in Betrieb war. Das arbeitsintensive Löschen der Kähne, die am Anleger festmachten, vereinfachte von Rönn mit einer "pneumatischen Transportanlage". Mit ihr ließ sich das Getreide aus den Kähnen ansaugen und mühelos über Rohre in die Mühle transportieren. Statt zehn Mann und acht Stunden Arbeit waren nur noch drei Arbeiter nötig, die alles in einer Stunde schafften.

Doch die Geschichte meinte es nicht immer gut mit der "Kirchwärder Mühle". Die Weltkriege ließen die Mühlsteine stillstehen und forderten jeweils einen Neubeginn. Die Sturmflut 1962 zerstörte die Getreide-Förderanlage sowie den Lösch- und Ladesteg. 1971 legte die Familie den Betrieb still. Die Räume wurden als Lager vermietet, 1991 an die Stadt verkauft und 1992 abgerissen

Geblieben ist das Schwungrad am Hower Hauptdeich 61. Das Kultur- und Geschichtskontor hat an dem Denkmal eine Erklärtafel angebracht. "So wird bis heute die Erinnerung an die alte Kirchwärder Mühle am Hower Hauptdeich wach gehalten", schreibt Dahms.

* Kultur- & Geschichtskontor (Hrsg): "Vierlande - Kulturgeschichte zwischen Elbe und Bille", Band 2, (15,90 Euro). Erhältlich im Kultur- & Geschichtskontor, Buchhandlungen und in Vierlanden bei: Monika Hillermann Geschenkartikel, Magda Lahann Geschenkartikel, Vierländer Markt, Apotheke Zollenspieker, Kiosk Alte Garage, Helmut Küster, Kirchenbüro Kirchwerder, Kirchenbüro Curslack.