Bergedorf. Sieg nach 0:28-Rückstand: Den TSG-Footballern gelingt gegen die Hannover Grizzlies das größte Comeback der Vereinsgeschichte.

Das American-Football-Team der Hannover Grizzlies hakte die Begegnung ab. Bei einer 28:0-Halbzeitführung schickten die Niedersachsen zu Beginn des dritten Viertels der Regionalliga-Partie bei den Hamburg Swans ihre Ersatzspieler aufs Feld. Schließlich schien das Match ohnehin gelaufen zu sein. Was sollte hier noch schiefgehen?

Eine gute Stunde später schlichen die Grizzlies bedröppelt in die Umkleidekabine, während sich die Swans jubelnd in den Armen lagen. Das American-Football-Team der TSG Bergedorf hatte die verloren geglaubte Begegnung tatsächlich noch gedreht. Sekunden vor Schluss verwandelte Kicker Jakob Stork einen Fieldgoal-Versuch zum 32:31-Endstand.

Das Football-Wunder von Bergedorf: Swans holen 28 Punkte Rückstand auf

28 Punkte Rückstand in nur einer Halbzeit aufzuholen – das geht eigentlich gar nicht. „Man spricht im American Football davon, dass man ein gutes Spiel gemacht hat, wenn drei Touchdowns, also 21 Punkte, gelungen sind“, erläutert Swans-Sprecher Martin Kirmse. „Bei vier Touchdowns, also 28 Punkten, sollte man die Partie in jedem Fall gewonnen haben.“

Quarterback Frederik Mußler (l.) und Running Back David Kruppa bejubeln den unverhofften Erfolg der Hamburg Swans.
Quarterback Frederik Mußler (l.) und Running Back David Kruppa bejubeln den unverhofften Erfolg der Hamburg Swans. © Volker Koch

Es sieht also ganz so aus, als müssten die Gesetze des US-Sports für das Bergedorfer Team umgeschrieben werden. Allerdings hatten die Gäste aus der Leinestadt bei dem Football-Wunder kräftig mitgeholfen. Da wären zunächst die drei Interceptions, die sich Hannover leistete. Zweimal machte Bergedorfs Dennis Winter flinke Finger, einmal Steffen Lux, um das Ei unter Kontrolle zu bekommen und den Angriffszug der Niedersachsen zu stoppen.

Yannic Kiesewetter eröffnet mit seinem Touchdown die Aufholjagd

Das war wichtig, denn nur wenn Hannover in Ballbesitz war, konnten sie Zeit von der Uhr nehmen. Die Zeit wurde zum entscheidenden Faktor bei der Aufholjagd. Die Bergedorfer nutzten ihre Chancen konsequent. So misslang den Grizzlies im dritten Viertel ein Punt, das ist der Versuch, sich durch einen Kick tief in die gegnerischen Hälfte hinein aus einer Bredouille zu befreien. Der Ball wurde geblockt, Swans-Verteidiger Yannic Kiesewetter nahm ihn auf und lief unwiderstehlich zum Touchdown.

Jetzt kam die taktische Cleverness der Bergedorfer zum Tragen, die von Offense Coordinator Tobias Barwikowski und Defense Coordinator Nina Schulz eingestellt wurden, da Head Coach Daniel Kasper gesundheitlich angeschlagen war. Nach einem erfolgreichen Touchdown ist normalerweise der Gegner wieder im Ballbesitz und kann Zeit von der Uhr nehmen. Um das zu verhindern, griff das TSG-Team zu einem taktischen Kniff: dem Onside-Kick.

Auf gut Glück mit dem Ei zum Gegner und schnell hinterher

Statt den Abschlag weit in die gegnerische Hälfte hinein zu schlagen, um den Gegner möglichst weit von der eigenen Endzone weg zu halten, spielten die Bergedorfer den Ball kurz diagonal zum Gegner, im Vertrauen darauf, schnell genug hinterherzukommen und das Ei irgendwie zu erobern. Ein Wahnsinn, der normalerweise gar nicht klappen kann. Deshalb spielt der Onside-Kick im American Football auch kaum eine Rolle. Aber um eine lange Geschichte kurz zu machen: Die Bergedorfer haben es hinbekommen!

Es ist wirklich wahr! Das Endergebnis weiß auf schwarz auf der Anzeigetafel.
Es ist wirklich wahr! Das Endergebnis weiß auf schwarz auf der Anzeigetafel. © Volker Koch

So nahm das Football-Wunder langsam Gestalt an. Nach drei weiteren Touchdowns samt eines Extra-Punktes durch eine sogenannte Two-Point-Conversion lagen die Bergedorfer kurz vor Schluss mit 29:31 hinten, weil Hannover zwischendurch noch ein Field Goal geschafft hatte, das drei Zähler wert ist. Und noch immer brauchte es ein kleines Wunder, um das Spiel zu drehen, denn die Bergedorfer waren nun viel zu weit von der Endzone weg für einen eigenen Field-Goal-Versuch.

Ein verhängnisvolles Foul kostet Hannover entscheidend Raum

Doch das Unglaubliche geschah: Hannovers Defense foulte Swans-Quarterback Frederik Mußler, nachdem er den Ball bereits geworfen hatte. Die Strafe dafür sind ein 15 Yards Raumverlust. „Erst dadurch sind wir überhaupt in die Zone gekommen, von der aus wir einen Field-Goal-Versuch wagen konnten“, schildert Kirmse. Kicker Jakob Stork bewies, warum er zu den Besten seiner Zunft in Deutschland gehört und verwandelte zum 32:31-Endstand.

„Das ist vom Gefühl her einfach geil“, begeistert sich Kirmse. In der Tabelle bleiben die Bergedorfer Dritter hinter Hannover, da die Grizzlies nach ihrem 24:13-Hinspielsieg im direkten Vergleich die Nase vorn haben. „Doch auch dieser dritte Platz ist für uns als Aufsteiger ein herausragendes Ergebnis“, ordnet Kirmse die Saison ein, die am Sonnabend mit dem letzten Spiel beim FFC Braunschweig II endet (15 Uhr, Rote Wiese).