Oberliga-Nachlese

Abend der großen Emotionen

Bergedorf. Als die Oberliga-Fußballer des SV Curslack-Neuengamme den Rasenplatz an der Hoheluft verließen, fühlten sie sich noch als Vizemeister.

Zwar hatten die Vierländer die Partie beim Spitzenreiter SC Victoria mit 2:4 verloren, doch in Rugenbergen stand es angeblich noch 0:0. Erst in der Kabine ereilte die Curslacker die Kunde vom 1:0-Sieg von Bergedorf 85 beim SVR. Roman Schmers Treffer eine Minute vor dem Abpfiff bescherte den "Elstern" nicht nur die Vizemeisterschaft. Zum ersten Mal seit drei Jahren haben die Bergedorfer den SVCN in der Tabelle wieder hinter sich gelassen.

"Der Verlauf war natürlich doppelt bitter. Aber am nächsten Morgen hat bereits das Positive überwogen. Wir sind wieder Dritter geworden", nahm es Curslacks Trainer Torsten Henke sportlich, der künftig auf Sven Möller verzichten muss. Der torgefährliche Mittelfeldspieler steht unmittelbar vor einem Wechsel zu "Vicky".

Dabei war an der Hoheluft durchaus mehr drin. Doch die Curslacker trafen das Tor einfach nicht, während Victoria aus drei Chancen durch Benjamin Bambur (9.), Sergej Schulz (43.) und Nassim Saleh (60.) drei Tore machte. Sinisa Veselinovic brachte die Gäste mit seinen beiden Treffern noch einmal heran (75., 88.), doch Jan Vierig macht in der Schlussminute alles klar.

Etwa zur gleichen Zeit drückte in Rugenbergen Schmer den Ball zum umjubelten Tor des Tages über die Linie. Für Bergedorf bedeutet Rang zwei die beste Platzierung seit dem Abstieg aus der Oberliga Nord, damals die vierthöchste Spielklasse, in der Saison 2007/08. "Vizemeister zu werden und vor Curslack zu stehen, war unser letztes Saisonziel", resümierte der neue "85"-Sportdirektor Florian Menger.

Noch größer war der Jubel an diesem letzten Spieltag der Saison 2011/12 nur in Fünfhausen. Durch einen 3:1-Sieg gegen Germania Schnelsen machte der SC Vier- und Marschlande den Klassenerhalt perfekt. Damit stand auch fest, dass der Oststeinbeker SV (0:1 bei Buchholz 08) nach dem TSV Sasel und Vorwärts-Wacker Billstedt in die Landesliga absteigt.

Bei Benjamin Scherner entspannten sich die Gesichtszüge allerdings nur sehr langsam. Dem gerade einmal 26 Jahre alten Trainer war anzusehen, welch' Druck auf ihm und seiner jungen Mannschaft gelastet hatte. "Mann, tut das gut", seufzte Scherner, bevor ihm Karl-Heinz Seidenstücker in die Arme fiel. Der Obmann hatte mit "seinen Jungs", wie er die SCVM-Kicker liebevoll ruft, wieder einmal Höllenqualen durchlitten und vergoss nun Tränen der Erleichterung. Es war ein Abend der großen Emotionen in Fünfhausen. Einer, an dem nicht nur aus Freude geweint wurde.

Doch der Reihe nach. Die Vier- und Marschländer taten sich gegen eine B-Elf von Schnelsen im ersten Abschnitt enorm schwer und lagen zur Pause durch einen Elfmeter von Björn Nadler (19.) folgerichtig mit 0:1 zurück. "Wir haben überhaupt keinen Zugriff bekommen", kritisierte Scherner. Nach dem Seitenwechsel präsentierte sich sein Team allerdings wie ausgewechselt und drehte durch Tore von Marcel Ullrich (63.) und Beytullah Atug (64., 85.) die Partie. "Der Gegner hat moralisch alles in die Waagschale gelegt", lobte Germania-Coach Klaus Thomforde.

Der Ex-Profi wird mit seinen Schnelsenern in der neuen Serie auf eine personell stark veränderte SCVM-Mannschaft treffen. Acht Akteure verlassen den Aufsteiger, darunter Marcel von Hacht. Der Angreifer, der seit seinem fünften Lebensjahr für den Klub spielt, wechselt allerdings nicht zum FC Bergedorf 85, sondern zum SV Curslack-Neuengamme. "Bergedorf wollte für die Regionalliga melden. Das ist zerfallen. Außerdem ist da eine riesige Unruhe im Verein. Bei Curslack ist man auf der sicheren Seite. Die halten ihr Wort", erklärte der 21-Jährige seinen Sinneswandel. Der bereits bei den "Elstern" unterzeichnete Kontrakt wurde aufgelöst.

Und dann war da an diesem Abend der großen Gefühle noch die Personalie Siegfried Niemand. Der Fußball-Abteilungsleiter des SCVM kämpfte fortwährend mit den Tränen, weil ihm der Vorstand die Pflege der Sportanlagen entzogen hat. "Sie schaden nicht nur mir, sondern allen Mitgliedern", sagte der 55-Jährige. Nach Informationen unserer Zeitung könnte der Beschluss der Vereinsspitze weitreichende Folgen haben. Einige Sponsoren erwägen demnach, ihr Engagement zu beenden.