Jule Aßmann

Einmal Leistungssport und zurück

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Volker Gast

Foto: Thomas Jaklitsch

Glinde. Sie galt als "Wunderkind": Als Elfjährige lief die Glinderin Jule Aßmann Erwachsenen mühelos davon, als 13-Jährige startete sie ihren ersten Marathon. Jetzt sind andere Dinge wichtig.

Als die deutsche Bundesregierung im Jahr 2006 Bürger suchte, die in vorbildlicher Weise Kreativität und Leistungsbereitschaft verkörpern, da war unter den ausgewählten Menschen als Jüngste auch ein erst 13-jähriges Mädchen. Die Großhansdorferin Jule Aßmann war eine logische Wahl. Schließlich hieß die Imagekampagne „100 Köpfe von morgen“. Ihre verblüffenden läuferischen Fähigkeiten gaben Anlass zu den kühnsten Hoffnungen.

Im Mai wird Jule Aßmann nun 18 Jahre alt und ist froh, sich in Ruhe auf ihr letztes Schuljahr am Emil-von-Behring-Gymnasium in Großhansdorf und das Abitur konzentrieren zu können. Auf Leichtathletik-Wettkämpfen ist die Aktive der LG Glinde schon seit Monaten nicht mehr gesehen worden. „So fünf- bis sechsmal pro Woche laufe ich aber noch“, versichert sie. Nur der Druck, der sei weg. Leistungssport? „Dafür habe ich im Moment keine Zeit“, betont sie.

Für viele Verantwortliche in Leichtathletik-Vereinen ist das ein altbekanntes Phänomen. Die trainingsintensive Sportart ist ohnehin nicht mit üppigem Nachwuchs gesegnet, kommen die Jugendlichen dann aber erst einmal in das Alter von 16, 17 Jahren, wenn häufig andere Dinge im Leben wichtiger werden, dann dünnen sich die Teilnehmerfelder stark aus. Insofern wäre an Jule Aßmanns Rückzug nichts Ungewöhnliches – wenn, ja wenn es sich nicht um eines der größten Talente handeln würde, das dieser Sport in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat.

Im Frühjahr 2005 schrieb der „Spiegel“ über die damals Elfjährige: „Jule Aßmann, kein Zweifel, ist ein Wunderkind.“ Damit war es in der Welt, das Wort, das ihr auf der einen Seite die Türen zu einem immensen Medieninteresse öffnete, auf der anderen Seite aber auch immer eine gewisse Bürde war. „Wunderkind!“ Wie sollte man eine Elfjährige auch anders nennen, die bei Volksläufen mühelos die Erwachsenen hinter sich ließ?

Das Phänomen Jule Aßmann faszinierte Sportmediziner und Medien gleichermaßen. Wissenschaftler fanden heraus, dass ihr Laufstil deswegen so ökonomisch war, weil sie die Schwerkraft besser nutzte als andere. Sie rollte sozusagen wie ein Rad. Es schien keine Grenzen für ihr Leistungsvermögen zu geben. An ihrem 13. Geburtstag lief Jule Aßmann ihren ersten Marathon in 3:10:16 Stunden – in Wien, weil so etwas in diesem Alter in Deutschland gar nicht erlaubt ist.

Ihrem Vater und Trainer Holger Aßmann wurde häufig vorgeworfen, er habe ihr Training zu einseitig auf Laufen ausgerichtet. Er verweist als Entgegnung auf einen Satz von Professor Joachim Mester von der Sporthochschule Köln, die Jule Aßmanns Weg über Jahre begleitete: „Ein Talent muss dann gefördert werden, wenn man es erkennt.“ Das Problem sieht Holger Aßmann eher in den Regeln des Deutschen Leichtathletik-Verbands: „Es ist demotivierend für ein Kind, wenn es die Norm für die deutschen Jugend-Meisterschaften läuft und dann dort nicht starten darf, weil es zu jung ist.“ Heute dürfte Jule Aßmann dort antreten, aber sie schafft die Norm-Zeiten nicht mehr, nachdem sie 2009 durch eine Serie an Verletzungen ausgebremst worden ist.

„Leistungssport hat natürlich auch mit Quälerei zu tun. Um das zu bewältigen, muss man den Sport lieben, und diese Liebe zum Laufen ist ihr etwas abhanden gekommen“, schätzt Holger Aßmann. Seine Tochter ist derweil offenbar dabei, ein entspanntes Verhältnis zu ihrem früheren Ruhm zu entwickeln: „Ich finde es schön, dass ich das alles erleben durfte. Es ist aber nicht so, dass ich sage, dass ich in absehbarer Zeit wieder einen Wettkampf laufen werde.“

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