Porträt

"Ich will einfach immer gewinnen"

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Dirk Schulz

Wentorf. Auf die Frage, was für eine Art Torhüter er sei, tippt Frank Böse nur einmal kurz mit dem Finger auf den Zettel, der vor ihm auf dem Tisch liegt. Dieser zeigt die Spieldaten seines größten Tages, des 16. Augusts 1996. Im Hamburger Volksparkstadion, wie es damals noch hieß, trifft der FC St. Pauli vor 45 957 Zuschauern auf Bayern München.

In der 39. Minute wird der Wentorfer bei den Kiez-Kickern für den verletzten Klaus Thomforde eingewechselt. Böse zeigt auf den Keeper der Gäste. "Ich bin wie der da", sagt er. "Der" ist ein gewisser Oliver Kahn. "Auf dem Platz raste ich auch mal aus und verpasse einem Mitspieler einen Tritt in den Hintern. Ich will einfach immer gewinnen", erzählt Böse.

Der berühmte Fußball-Spruch, dass Torhüter und Linksaußen eine Macke haben, hätte auch seinetwegen kreiert worden sein können. Ehrgeizig ist der "Lange", wie er von allen genannt wird, noch immer - auch wenn er "nur" noch in der Kreisliga beim SC Wentorf zwischen den Pfosten steht. Am heutigen Sonnabend feiert Böse seinen 40. Geburtstag. Auf seiner Gästeliste stehen auch Holger Stanislawski und André Trulsen, das heutige Trainergespann St. Paulis und 1996 seine Mitspieler.

Die ganz große Karriere blieb Böse allerdings verwehrt. Dabei hatte 1986 alles vielversprechend begonnen. Direkt von seinem Heimatverein, der TSV Reinbek, wechselt der damals 17-Jährige in die A-Jugend der großen Bayern. Hinter Jean-Marie Pfaff und Raimond Aumann ist Böse Torhüter Nummer drei, trainiert zusammen mit den späteren Weltmeistern Lothar Matthäus, Andreas Brehme und Klaus Augenthaler unter Coach Udo Lattek. "Da habe ich viel gelernt. Mit welcher Lockerheit, die an die Sache gingen. Die haben alle gequalmt", erinnert sich das Geburtstagskind. In dieser Zeit absolviert er auch acht U 17-Länderspiele.

Doch als Lattek eine Saison später von Jupp Heynckes abgelöst wird, gerät der Nachwuchskeeper ins Abseits. "Der konnte nicht mit jungen Spielern", sagt Böse. Nach einem halben Jahr der Nichtachtung kehrt der Wentorfer von Heimweh geplagt nach Hamburg zurück. "Ich hatte die Schnauze voll vom Fußball, brauchte Abstand. Mir waren mit 18 andere Dinge wichtiger", berichtet der "Lange".

Heute nennt er es seine "wilde Zeit". Vielleicht war es dieser letzte Wille, sich zu quälen, der ihm für eine große Laufbahn fehlte. Aber so ist Böse nun einmal. Erst weil er zu faul zum Laufen war, ging er mit 15 Jahren bei der TSV ins Tor, als ein Keeper fehlte. Wenig später steht er im Rampenlicht. Beim Länderpokal-Turnier erreicht er mit Hamburg den zweiten Platz. "Ich war eigentlich nur der Ersatzmann. Aber Trainer Günter Grothkopp sagte: ,Langer', Sie sind meine Nummer eins'", ist Böse noch immer stolz.

Die Nummer eins ist er auch viele Jahre in Hamburg, beim SC Concordia und dem VfL 93, nachdem ihm die Fußball-Lust wieder gepackt hatte. Knapp 400 Regionalliga-Partien, der damaligen dritten Liga, hat er auf dem Buckel. Böse hält so überzeugend, dass er einen Vertrag bei Bundesliga-Aufsteiger St. Pauli erhält. Doch hinter dem "Tier im Tor", Pauli-Legende Thomforde, schafft er wieder nicht den Durchbruch. So bleibt sein zweites von acht Bundesliga-Spielen gegen Bayern sein größter Tag.

Danach beginnt die Tingeltour: Lübeck, Elversberg, 2003 die Rückkehr zu seinem Heimatverein Reinbek, dann noch einmal Neumünster, VfL 93, TSV Grabau und jetzt eben Wentorf. Mit ihm hat der SCW die beste Abwehr der Liga und steht jetzt sogar vor dem Sprung in die Bezirksliga. "Solange die Knochen noch halten" (Böse), will er weiterspielen. Er ist halt immer noch ein bisschen verrückt, aber doch zufrieden mit sich selbst. "Ich würde alles noch einmal so machen."

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