Unser Adventskalender: 20. Tür

Der Mann aus der Sprecherkabine

Bergedorf (olü). Nein, mit der Leistung des Schiedsrichters sind die Stadionsprecher der Fußballer von Bergedorf 85 an diesem Tag gar nicht einverstanden. "Die blinde Sau verpfeift uns total", ereifert sich Jens Bartels in Richtung seines Bruders Rainer. Ups!

Plötzlich drehen sich alle Köpfe im Stadion an den Sander Tannen in Richtung der alten, etwas wackligen Sprecherkabine um. Man kann sich gut vorstellen, wie die beiden binnen Sekunden rot anlaufen - vor Scham. Das Mikrofon war aufgedreht, alle Zuschauer konnten mithören, was die Bartels-Brüder vom Unparteiischen hielten. Der fand das gar nicht lustig. Es gab einen Vermerk im Spielbericht.

Heute kann Jens Bartels darüber lachen. Viele Jahre liegt diese Anekdote bereits zurück. Sein Bruder ist längst nicht mehr dabei, die Sprecherkabine schon lange abgerissen. Jetzt thront der Inhaber einer Gebäudereinigungsfirma über den Stehtraversen in einem gelb-roten Container.

Eine Stunde vor Spielbeginn schließt der 49-Jährige die Tür auf, zieht die Jalousien hoch, schaltet die Musik an und schenkt sich ein Glas seines geliebten Weizenbieres ein. Dann nimmt er sich die Mannschaftslisten und spricht die einzelnen Namen vor sich hin. Seit 26 Jahren ist er nun Stadionsprecher. "Es geht gar nicht ohne", sagt Bartels. So lange er denken kann, ist der Bergedorfer "Elstern"-Fan. Unterstützung bekommt er seit zweieinhalb Jahren von Matthias Wölfert, einem alten Freund. Der vertritt Bartels auch, wenn dieser mal nicht kann.

Am liebsten drückt er während eines Spiels auf den Knopf mit dem Tor-Jingle. Wann immer Bergedorf 85 einen Treffer erzielt, tönt Bizets "Prelude" aus der Oper "Carmen" über den Sportplatz. Ist die Partie vorbei, nimmt der passionierte Skifahrer einen letzten Schluck aus seinem Weizenglas, stellt die Musik ab, zieht die Jalousien wieder runter und schließt die Container-Tür ab. Bis zum nächsten Heimspiel.

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