Die Stadtteilserie

Neuengamme: Schatten der Vergangenheit, Kraft der Zukunft

Die KZ-Gedenkstätte ist Anlaufpunkt der meisten, die von außerhalb in den Stadtteil kommen. Das KZ hat eine tiefe Narbe hinterlassen.

Eine Frage drängt sich auf, wenn man das erste Mal nach Neuengamme kommt: Ist das wirklich noch Hamburg? Diese putzigen Fachwerkhäuser, die sich hinterm Deich wegducken. Die kopfsteingepflasterten Sträßchen, die oft verspielte Namen haben und statt von Fußwegen von Pferdepfaden gesäumt werden. Die lang gestreckten Gewächshäuser, durch deren Milchglas ein buntes Blumenmeer hindurchschimmert. Und natürlich die weiten Felder, die dem Auge viel Raum geben. Die Großstadt ist hier gefühlt eine Ewigkeit weg.

Die zweite Frage, die sich stellt, ist diese: Wie konnte sich in diesem Vierländer Idyll das schlimmste Verbrechen der Hamburger Geschichte ereignen? Denn natürlich ist das Konzentrationslager, das die Nationalsozialisten 1938 kurz nach der Eingemeindung Neuengammes auf dem Gelände einer alten Ziegelei inmitten Neuengammes errichten ließen, untrennbar mit diesem Stadtteil verbunden.

Wer bei Google Neuengamme sucht, wird als Erstes die KZ-Gedenkstätte finden. Sie ist heute Anlaufpunkt der meisten, die von außerhalb in den Stadtteil kommen. Etwa 80.000 Besucher werden jährlich gezählt. Seit 2005 erinnert die Gedenkstätte in Ausstellungen, Veranstaltungen und pädagogischen Materialien an die mehr als 100.000 Menschen, die hier und in den 86 Außenlagern unter mörderischen Lebens- und Arbeitsbedingungen interniert waren. Fast die Hälfte von ihnen überlebte die Verfolgung nicht.

Die KZ-Geschichte lange verdrängt

Das KZ hat eine tiefe Narbe in diesem Stadtteil hinterlassen. Sie wurde lange Zeit zugedeckt, vielleicht aus Scham, sicherlich aber aus Ignoranz und Scheu vor der Auseinandersetzung. Bald nach dem Weltkrieg hatte sich die Stadt darangemacht, ehemalige Lagergebäude zu Gefängnissen umzuwidmen. In den folgenden Jahrzehnten wurde der Strafvollzug auf dem Gelände weiter ausgebaut. Erst mit dem Ende des Kalten Krieges begann sich der Senat dem schmerzhaften Erbe zu stellen. 2006 wurde die letzte Haftanstalt in Neuengamme geschlossen.

Noch Jahrzehnte nach der gewaltsamen Auflösung 1945 blieb das ehemalige Konzentrationslager somit eine Sperrzone - auch in den Köpfen der Neuengammer. Als Jürgen Köhler 1967 als Pastor der St.-Johannis-Gemeinde nach Neuengamme kam, war das Gelände noch durch die Schlagbäume der Nationalsozialisten versperrt. Die Geschichte dieses Ortes sei nie thematisiert worden - weder von der Kirchenobrigkeit, die ihn dorthin entsandt hatte, noch von den Neuengammern selbst: "Alles wurde möglichst weggeschoben, das entsprach auch der Haltung des Hamburger Senats." Erst als die Stadt in den 1980er-Jahren das alte Klinkerwerk abreißen lassen wollte und auf Widerstand stieß, begann sich ein Geschichtsbewusstsein zu entwickeln.

Der Pastor gab den Anstoß

"Vor allem für die Zeitzeugen, die rund um das Gelände wohnten, war es eine Befreiung, über ihre Erlebnisse zu reden. Und viele wollten etwas tun, um die Erinnerung wachzuhalten", sagt Köhler. Er gab damals den Anstoß zur kirchlichen Gedenkstättenarbeit in Neuengamme. Seither nehmen die Aufarbeitung des Verbrechens, aber auch die Begegnung und Versöhnung mit Häftlingen und deren Angehörigen einen festen Platz im Gemeindeleben ein.

Und doch tun sich manche noch immer schwer, sich als Neuengammer zu bekennen - aus Angst vor negativen Reaktionen. "Irgendwann werden die Menschen begreifen, dass sie sich nicht zu schämen brauchen", sagt Köhler. Er konnte sich auch als Ruheständler nicht vorstellen, irgendwo anders zu wohnen. Weil er die Menschen hier dafür liebe, wie sie seien: geradeaus, bodenständig, witzig, natürlich und treu.

Radtour auf der alten Bahntrasse

Gut aushalten lässt es sich in Neuengamme ja. Obschon ein Straßendorf, tritt im sogenannten Stegelviertel sogar der Charakter eines Ortskerns zutage, mit einigen kleinen Geschäften und einem großen Supermarkt. Der Rest ist Natur. Haus-, Hinter- und Kiebitzdeich schlängeln sich den Lauf von Dove und Gose Elbe entlang, es geht vorbei an schmucken Häusern und gepflegten Vorgärten, in denen sich Windmühlen drehen und HSV-Fahnen wehen. Wem es selbst hier noch zu laut ist, der braucht nur abzubiegen ins Naturschutzgebiet Kiebitzbrack, das sich Neuengamme an seinem südöstlichen Ende mit Kirchwerder teilt. Oder genießt mit dem Fahrrad die Fahrt auf der autofreien Trasse der ehemaligen Vierländer Bahn, die bis 1961 zwischen Bergedorf und Zollenspieker verkehrte.

Schon damals prägten Gewächshäuser das Bild Neuengammes. Inzwischen sind Schnittblumen und Gartengemüse ein schwieriges Geschäft geworden. Der Markt stagniert, zudem drücken die hohen Energiekosten und die Billigkonkurrenz aus dem Ausland auf die Erlöse. Wer nicht aufgeben will, muss umstellen: auf alternative Heizformen, auf exklusive Blumensorten oder Bioprodukte. Oder er sattelt um: Pferdepensionen sind hier und dort an die Stelle früherer Landwirtschaftsbetriebe getreten.

So wie Gerhard Bardowicks verlassen sich immer mehr Neuengammer nicht mehr allein auf die Erträge aus dem eigenen Grund und Boden. Er hat sein Anwesen am Hausdeich zum Ladengeschäft für den Verleih und Verkauf von Gokarts, Tischkickern, Trampolinen, Ein- und Zweirädern umgebaut. Auf dem ausgebauten Gelände seines "Gokarthofs" bietet er Kindergeburtstage an, Betriebe können bei ihm Fahrrad- und Paddeltouren buchen. Und auf dem Feld seines Grundstücks rotiert eine gewaltige Windkraftanlage.

Früher Erdgas, heute Windkraft

Sie ist Teil des Windparks Neuengamme, der seit 1995 das Bild des Stadtteils verändert. Gut 80 Jahre nach dem Ende der Erdgasförderung in Neuengamme, die 1910 mit drei weithin sichtbaren Stichflammen spektakulär begonnen hatte, wird heute regenerative Energie gewonnen. Die insgesamt zwölf Windkraftanlagen leisten jeweils bis zu 1000 Kilowatt. Einige von ihnen will der Bergedorfer Betreiber NET OHG durch höhere, leistungsstärkere Anlagen ersetzen. Doch es regt sich Widerstand. Eine Bürgerinitiative läuft gegen das sogenannte Repowering Sturm.

Aus ihrer Ruhe lassen sich die Neuengammer nun einmal ungern bringen. Nicht umsonst wurde in Kücken's Gasthof am Hinterdeich 1892 der Pfeifenklub Gemütlichkeit aus der Taufe gehoben. Noch heute trifft man sich hier einmal im Monat, um sich in der sportlichen Disziplin des Langsamrauchens zu üben. Vor allem aber um dem Vereinsnamen gerecht zu werden. Gemütlich ist es in Neuengamme allemal.

Nächste Folge am 27.10.: Altona-Altstadt