Bergedorf. Die Deutsche Bahn wirbt mit ungewöhnlicher Aktion am Bergedorfer Bahnhof um neue Mitarbeiter – für den Wechsel ist es nie zu spät.

Es ist Nachmittag. Thomas Semmelhak, 56 Jahre alt, sitzt schon einmal im Führerstand einer S-Bahn Probe. Ganz ohne Risiko. Denn der Zug steht auf Gleis 5 des Bergedorfer Bahnhofs und wird sich in den kommenden Stunden dort auch nicht wegbewegen. In der Bahn kann Semmelhak trotzdem schon mal in seinen möglichen neuen Job reinschnuppern. Der „Zug der Berufe“ ist das Herzstück einer ungewöhnlichen Aktion der Deutschen Bahn (DB), die so um neue Mitarbeiter wirbt.

Vier Stunden lang können Jobsuchende von Wagen zu Wagen laufen und sich von den Mitarbeitern vor Ort beraten lassen. Das Angebot richtet sich an Schüler, Fachkräfte, aber auch an Quereinsteiger, die bisher vor allem in anderen Berufen Erfahrung sammeln konnten. So wie Thomas Semmelhak.

Quereinstieg erwünscht: Arbeitssuchende jedes Alters sind willkommen

Oder wie Heiko Lemberg (53), der vor zwei Jahren zur Bahn gekommen ist. Der ehemalige Flugbegleiter hat mit 51 Jahren das Fortbewegungsmittel gewechselt. Zehn Monate dauerte die Fortbildung. Eine intensive Zeit, wie Heiko Lemberg sagt. Doch all das Lernen hat sich gelohnt. Mittlerweile lenkt er als Triebfahrzeugführer täglich S-Bahnen durch den Norden. An diesem Tag allerdings berichtet er Interessierten wie Thomas Semmelhak von den Vorzügen seines Berufs.

Semmelhak möchte einen Neustart wagen, weg vom kaufmännischen Beruf. „Viel Büro und Lager die letzten Jahrzehnte“, sagt er. Das Freiheitsgefühl beim Fahren, von dem die Lokführer schwärmen, hat da einen anderen Klang. Semmelhak gefällt, dass er bei dieser Veranstaltung „hautnah ran kommt“. Durch die Berichte der Mitarbeiter erfährt er aus erster Hand, was ihn in seinem möglichen neuen Job erwartet.

Thomas Semmelhak (l.) überlegt, einen beruflichen Neustart bei der Bahn zu wagen. Neben ihm: Heiko Lemberg, der schon als S-Bahn-Fahrer unterwegs ist.
Thomas Semmelhak (l.) überlegt, einen beruflichen Neustart bei der Bahn zu wagen. Neben ihm: Heiko Lemberg, der schon als S-Bahn-Fahrer unterwegs ist. © Linn Könnecke | Linn Könnecke

Für Lokführer gibt es grundsätzlich keine Altersgrenze

Lokführer Heiko Lemberg erklärt im Führerstand die multiplen Sicherheitssysteme der Züge. Die Verantwortung für die mitunter 1000 Fahrgäste an Bord vergisst er niemals: „Das ist mein Zug. Den will ich sicher durch die Gegend fahren.“ Man entwickle eine gewisse Leidenschaft, sagt er. Thomas Semmelhaks Leidenschaft für Züge war seit der Modelleisenbahn in seiner Jugend eher eingeschlafen. Doch das Gespräch mit Lemberg motiviert ihn, seine berufliche Komfortzone zu verlassen.

Eine Altersgrenze für Lokführer gibt es nicht, hat Thomas Semmelhak hat auch schon in Erfahrung gebracht. „Da sehe ich mich nicht auf verlorenem Boden“, stellt er erleichtert fest. Einen Gesundheitstest müsste er bestehen. Aber all die Jahre Berufserfahrung mit Menschen und Technik seien hier etwas wert, das Gefühl habe er heute erhalten. „Auf den Schichtdienst muss man sich halt einstellen“, fügt der 56-Jährige hinzu.

Vier Stunden stand die S-Bahn im Bahnhof Bergedorf.
Vier Stunden stand die S-Bahn im Bahnhof Bergedorf. © Linn Könnecke | Linn Könnecke

Jobs bei der Deutschen Bahn: weitere Aktionen geplant

Vor der offenen Tür des Führerstandes hat sich derweil eine Schlange gebildet. Einige Menschen wollen ebenfalls mit Lokführer Lemberg reden. Doch viele Besucher interessieren sich eigentlich für die Berufe in den Bereichen Instandhaltung, Ingenieurswesen oder Energie. Einen Blick in die Kommandozentrale eines Zugs zu werfen, das will sich aber niemand entgehen lassen.

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Die nächste Chance auf einen Einblick dieser Art bietet sich erst wieder im September, sagt Laura Coenen (31). Als Leiterin der Personalgewinnung im Norden wird sie den „Tag der Schiene“ vom 20. bis 22. September zum Anlass nehmen, um die Berufsvielfalt der Deutschen Bahn in Hamburg zu präsentieren. Bis zum September wird Thomas Semmelhak nicht für seine Entscheidung brauchen, ob er die Bewerbung für den möglichen Traumjob wagt. Sein Urteil: „Ich schlaf’ eine Nacht drüber.“