Corona-Krise

Große Kulturkundgebung im Bergedorfer Rathauspark

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Jan Schubert
Birte Tela-Hüsing und Mirko Hüsing organisieren die Kundgebung der Kulturschaffenden im Rathauspark. 

Birte Tela-Hüsing und Mirko Hüsing organisieren die Kundgebung der Kulturschaffenden im Rathauspark. 

Foto: Jan Schubert / BGDZ

Austausch von Musikern, Veranstaltern, Gastronomen und Co: Wer hat die Corona-Krise wie überstanden?

Bergedorf. Diese Kundgebung ist so ein bisschen wie die Moral hinter dem Kinderbuchklassiker „Frederick“. Denn in jenem tankt die gleichnamige Maus im Sommer Farben, Worte und Wärme. Dann wird es Winter. Fredericks große Stunde schlägt. „Dann kann er den anderen Mäusen in der kalten, dunklen Höhle von schönen Momenten erzählen und spendet so Wärme in der Höhle“, sagt Birte Tela-Hüsing.

Schöne Momente, die mit der Zeit vergessen wurden. So verhält es sich bei den Menschen auch mit erinnerungswürdigen Kulturevents. Ausverkaufte Konzerte, fröhliche Vernissagen, hochinteressante Lesungen – das kann sich nach über anderthalb Jahren Entwöhnung durch Corona keiner mehr richtig vorstellen. Applaudieren? Tanzen? Mitgrölen? Wie geht das noch?

Viele Redebeiträge und auch Musik zwischendurch

Schlimm ist die Situation vieler Künstler. Musikern, Schauspielern, Malern brach plötzlich die finanzielle Basis weg. Um Sorgen, Nöten, Erfahrungsberichten während Corona nun ein Forum zu bieten, trommeln Birte Tela-Hüsing (55) und ihr Mann Mirko Hüsing (57)– die Bergedorfer sind Mitorganisatoren des Wutzrock-Festivals – am Sonnabend, 16. Oktober, Gleichgesinnte zur ersten Bergedorfer Kultur-Kundgebung „Aufmerksamkeit für die in Vergessenheit geratene Kultur“ im Rathauspark zusammen.

Es wird viel gesprochen von 12 bis 18 Uhr auf der kleinen Bühne von allen, die sich der Bergedorfer und Hamburger Kulturszene zurechnen. Angesagt für Redebeiträge haben sich unter anderem Joern Moeller vom Jazzclub White Cube, der Musiker Sven van de Maer und auch Poetry-Slammer Felix Treder.

Essens- und Getränkestände werden nicht aufgebaut

Die Hüsings moderieren. Birte Tela-Hüsing möchte unbedingt erfahren, „wie sich die Menschen wieder ins Leben zurückkämpfen“. Umarmen, Hände schütteln, sich wieder frei bewegen – darf man das wieder? Wie sinnvoll sind 2G/3G-Regelungen für die Kultur? Müssen sich Künstler längerfristig mit kleineren Gagen zufrieden geben? Interessante Fragen – vielleicht auch interessante Antworten.

Musik der Bands „Waldgeistkartell“ und „Petri meets Pauli“ soll das Treffen auflockern. Und es soll Interaktion mit dem Auditorium vor der Bühne geben, Fragen können auf Zetteln notiert werden. Auch ansonsten bleibt der kulturelle Nachmittag auf dem Rathausgrün zwischen Schulenbrooksweg und August-Bebel-Straße schlank und klein. Keine Essens- oder Getränkestände, so ist es mit der Polizei verabredet.

Vor der Freilichtbühne gelten weiterhin Corona-Regeln

300 Interessierte dürften es nach Schätzung der Organisatoren schon werden. Selbstverständlich gelten vor der Freiluftbühne immer noch Corona-Regeln. Es gibt die Auflage des 1,50-Meter-Abstands.

Die Not, das hören die Hüsings aus der Szene immer wieder, ist groß. Vor allem kleinere Künstler, die ihre Karriere soeben vor Corona-Ausbruch starteten, gerieten in Schräglage. Nach dem Motto: erstes Hilfsprogramm erhalten, danach das Abrutschen in Hartz IV.

Viele Künstler sind dauerhaft in andere Branchen abgewandert

Ähnlich der Gastronomie „haben sich viele Künstler, die auf dem Sprung zur Etablierung waren, einen anderen Beruf gesucht“, sagt Mirko Hüsing. Und zwar nicht nur aushilfsweise als Pizzalieferant oder Zeitungsausträger, sondern dauerhaft in anderen Branchen. Bei Birte Tela-Hüsing war es weniger problematisch – sie ist im Hauptberuf Physiotherapeutin. Sie sagt: „Kunst begleitet mich das ganze Leben.“

Dieser Kulturnachmittag soll nicht nur Debatten auslösen, sondern könnte ein erster entschlossener Schritt in die Normalität bedeuten. Eine Veranstaltung mit vielen anderen auf der gleichen Wiese – nicht nur Trägheit müsse beseitigt, sondern auch das gegenseitige Vertrauen zurückgewonnen werden. „Nicht jeder“, sagt Tela-Hüsing, „darf als potenzieller Virusüberträger gesehen werden.“

Wann die Kultur Corona überwindet? „Hoffentlich nächsten Sommer“, sagen die Hüsings. Die sich vorstellen, dass die Kulturszene jährlich auf der Bergedorfer Wiese zusammenkommen könnte. Denn nicht jeder hat dauerhaft Lust auf die schönen Erinnerungen eines Mäuserichs namens Frederick ...

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