Ausstellung

Was Bergedorfer der Nachwelt hinterlassen wollen

Pastorin Angelika Schmidt (links) liebt die besten Kochrezepte ihrer Mutter. Frauke Ludszeweit engagiert sich für junge Flüchtlinge und bei „Omas gegen rechts“.

Pastorin Angelika Schmidt (links) liebt die besten Kochrezepte ihrer Mutter. Frauke Ludszeweit engagiert sich für junge Flüchtlinge und bei „Omas gegen rechts“.

Foto: Anne Strickstrock / BGZ / Anne Strickstrock

"Was bleibt?", heißt eine geplante Ausstellung in St. Petri und Pauli. Bergedorfer sollen mitmachen. Frauke Ludszeweit (78) ist dabei.

Bergedorf. Hilfsbereit, mutig, respektvoll – so möge man sie in Erinnerung behalten. Aber das hat noch ein bisschen Zeit, meint Frauke Ludszeweit. Dennoch hat sich die 78-Jährige schon mal überlegt, was sie an ihre Nachwelt weitergeben möchte, welche Werte ihr besonders wichtig sind.

„Was bleibt?“ heißt schließlich die Ausstellung, die am 28. August in der Kirche St. Petri und Pauli eröffnet wird. Schon eine Woche zuvor, am 21. August, dürfen Besucher von 14 bis 17 Uhr die Gegenstände mitbringen und fotografieren lassen, die ihnen besonders am Herzen liegen, ihr Leben reich gemacht haben. Die Fotocollage soll Teil der Ausstellung werden. Frauke Ludszeweit hat ihre kleine „Schatzkiste“ bereits gefüllt.

Kummerkasten am Gemeindehaus

„Ich bin die Zweite von rechts“, zeigt sie auf dem gezackten Schwarz-Weiß-Foto, das vier „evangelische Mädchenpfadfinder“ Anfang der 1950er-Jahre zeigt. Damals gingen sie in grünen Blusen und Röcken durch Bergedorf, um den Mitmenschen zu helfen, die einen Zettel im „Kummerkasten“ des Gemeindehauses hinterlassen haben: „Eine Frau hatte ihren Wohnungsschlüssel eingeworfen, weil sie schnell ins Krankenhaus musste. Da haben wir bei ihr geputzt, vergammelte Lebensmittel weggeworfen und Frisches gekauft“, erinnert sie eine solche gute Tat. „Jeden Tag eine – das habe ich bis heute verinnerlicht.“

NS-Zeit: „Ein solches Unrecht darf nie wieder geschehen“

Der zweite Gegenstand ist ein Aufkleber der Initiative „Omas gegen rechts“: Da macht sie neuerdings mit, denn „ein solches Unrecht darf nie wieder geschehen“. Sie sei schließlich 1941 mitten im Krieg geboren worden und habe „jahrelang das Schweigen erlebt. Selbst in der Schule hörte bei Bismarck der Geschichtsunterricht auf. Denn meine Lehrerinnen an der Leuschnerstraße und im Luisen-Gymnasium waren Soldatenwitwen“.

Nach Schottland und Spanien

Mit 17 durfte sie ein Au-pair-Jahr in Glasgow verbringen, um drei kleine Jungen zu hüten. „Aber der schottische Busfahrer warf mich raus. Deutsche fährt er nicht, hat er gesagt“, erinnert sich Frauke Ludszeweit, die schließlich zu Fuß weiterzog. „Und an der Abendschule hatten wir Hakenkreuze an den Fenstern.“

Schwierig sei auch das zweite Au-pair-Jahr 1963 auf Mallorca gewesen: „Da half ich einer querschnittgelähmten Frau, die ihr Bauernhaus als Pension führte. Und viele eingebildete deutsche Gäste beherbergte. Die hatten Geld.“

Zurück bei Vater und Bruder in Lohbrügge („Der durfte mit 18 den Führerschein machen, ich erst mit 21“), wollte sie gerne Korrespondentin werden, doch die Ausbildung hätte 1000 D-Mark gekostet. „Vater sagte, ich solle lieber Geld verdienen gehen. So habe ich eben im Büro gearbeitet, am Schluss als Sachbearbeiterin im Bergedorfer Rathaus. Aber ich weiß noch, dass mein Mann mir das schriftlich erlauben musste. Das war so bis 1974 – einfach demütigend.“

Flüchtlingskindern an der Osterrade geholfen

Nicht nur, weil sie elf Jahre auf den kanarischen Inseln lebte, fühlt sich die 78-Jährige mit fremden Nationen vertraut – und engagierte sich während der Flüchtlingswelle 2015. Damals waren in zwei Hallen an der Osterrade 600 Menschen zusammengepfercht. „Bloß Stofflappen trennten ihre Etagenbetten ab, da war erschütternd wenig Privatsphäre“, berichtet sie.

Die Lohbrüggerin brachte den „trotzdem fröhlichen und wissbegierigen“ Flüchtlingskindern Lesen, Schreiben und Rechnen bei. Einmal fragte sie nach den Großeltern und erhielt von einem Kind folgende Antwort: „Mein Opa ist im Haus verbrannt, Papa hat schnell noch ein Foto gemacht und dann sind wir geflüchtet.“

Appell an europäische Politiker

Liebevoll schaut Frauke Ludszeweit auf ein buntes Foto mit Eis schleckenden Kindern. Auf der Rückseite sind Dankesworte und die Unterschriften von Harmal, Aza, Paria, Amir und Fazeme. „Lasst die Flüchtlinge zu uns kommen. Lasst die Waisenkinder nicht auf den griechischen Inseln dahinvegetieren“, würde die 78-Jährige liebend gern den Politikern in allen europäischen Ländern laut zurufen. Oder auch leise eine Fürbitte sprechen, denn „bei der Kirche fühle ich mich geborgen, hier habe ich immer Gleichgesinnte gefunden“, sagt die zweifache Mutter und Großmutter. Genau deshalb ist ihr vierter Gegenstand ein kleiner, silberner Flügel. Auch der bleibt.