Lohbrügge

Gehbehinderte erreichen ihre Sitze kaum noch

Ingeborg Dähne (83, vorn) und Karin Rogalski-Beeck. Vorsitzende des Bergedorfer Seniorenbeirats, weisen auf Schwierigkeiten für Gehbehinderte beim Einstieg hinten hin.

Ingeborg Dähne (83, vorn) und Karin Rogalski-Beeck. Vorsitzende des Bergedorfer Seniorenbeirats, weisen auf Schwierigkeiten für Gehbehinderte beim Einstieg hinten hin.

Foto: Thomas Voigt

Wegen der Ansteckungsgefahr sind die vorderen Türen gesperrt. Ein großes Problem für viele ältere und gehbehinderte Menschen.

Lohbrügge.  Ihr 93-jähriger Nachbar ist im Bus schon einmal gestürzt. Und auch Ingeborg Dähne selbst wäre das neulich um ein Haar auch passiert. In letzter Sekunde fingen zwei andere Fahrgäste die 83-jährige Lohbrüggerin auf.

„Busfahren ist in Zeiten von Corona zu einem gefährlichen Abenteuer geworden“, klagt die seit über 40 Jahren gehbehinderte Frau, die auf ihre Krücken angewiesen ist. Das Problem: Wegen der Ansteckungsgefahr sind die vorderen Türen beim Fahrer und die vordersten Sitzplätze gesperrt. Gleich dahinter folgen die für gehbehinderte Fahrgäste reservierten Sitze. Wenn Ingeborg Dähne nun durch eine hintere Tür einsteigt, ist es für sie ein deutlich längerer Weg zu diesen Plätzen. Den schafft sie meist nicht, bevor der Bus wieder anfährt. Dann aber kann sie sich nirgendwo festhalten, weil sie beide Hände für die Krücken benötigt.

Abstand zur Bordsteinkante ist hinten größer

„Hinzu kommt, dass die Sitze für Gehbehinderte jetzt häufig von Nichtbehinderten besetzt sind, die den Abstand zu anderen Fahrgästen suchen“, beschreibt Ingeborg Dähne, die mehrmals täglich von der Lohbrügger Landstraße in die Bergedorfer City fährt – zum Einkaufen, zum Essen oder zur Therapie. „Ich musste mich schon mehrmals ganz hinten im Bus auf die Treppenstufe setzen, weil es keine andere Möglichkeit gab.“

Erschwerend kommt nach Worten von Bergedorfs Seniorenbeirats-Vorsitzender Karin Rogalski-Beeck hinzu, dass bei Bussen in der Haltebucht die hinteren Türen meist einen viel größeren Abstand zur Bordsteinkante haben als die Tür vorn. „Gehbehinderte schaffen dann manchmal den großen Schritt nicht, selbst wenn der Fahrer die rechte Fahrzeugseite per Knopfdruck absenkt.“

VHH hat Fahrer für das Thema sensibilisiert

Für die schwer erreichbaren Behinderten-Sitzplätze hat sie einen Vorschlag: „Während der Corona-Zeit könnten die VHH doch eine hintere Sitzgruppe zu neuen Behinderten-Plätzen erklären und dies mit Klebe-Zetteln kennzeichnen. Damit wäre zumindest das eine Problem gelöst.“ Zudem wünscht sich Rogalski-Beeck, dass die Busfahrer mehr als bisher ein Auge auf gehbehinderte Fahrgäste haben und an Haltestellen erst wieder anfahren, wenn diese ihren Sitzplatz erreicht haben.

„Wir haben unsere Fahrer jetzt für das Thema sensibilisiert“, erklärt VHH-Sprecherin Anja Giercke auf Nachfrage unserer Zeitung. „Hilfreich wäre es aber auch, wenn gehbeeinträchtigte Fahrgäste sich an der Haltestelle zunächst an der vorderen Tür beim Fahrer bemerkbar machen, sodass dieser nach dem Einsteigen ein Augenmerk auf sie hat.“

Seit Dienstag sind mobile Hygiene-Teams unterwegs

Eine Öffnung der vorderen Einstiegstüren wird nach Anja Gierckes Angaben wohl erst im Herbst dieses Jahres wieder möglich sein. So lange dauert es, bis die Fahrersitze der Linienbusse mit Trennscheiben ausgerüstet sind. Derzeit läuft dafür die Testphase, auch andere Verkehrsbetriebe in und um Hamburger haben damit begonnen.

Seit gestern sind in Fahrzeugen und an Haltestellen von VHH, Hochbahn und S-Bahn mobile Hygiene-Teams unterwegs, die – zusätzlich zur turnusmäßigen Reinigung – sämtliche Kontaktflächen mit Desinfektionsmittel behandeln. Damit gehen die Verkehrsunternehmen auf häufig geäußerte Kundenwünsche ein.