Vierlandenstraße

Sensationsfund: Ist Bergedorf älter als gedacht?

| Lesedauer: 4 Minuten
Carsten Neff
Grabungsleiterr Mustafa Altun (55) mit seiner studentischen Hilfskraft Judith Luttmann (27). Die beiden dokumentieren die  Funde. Im Hintergrund sind an den dunklen Stellen die „Pfostengruben“ der mittelalterlichen Siedlung erkennbar.

Grabungsleiterr Mustafa Altun (55) mit seiner studentischen Hilfskraft Judith Luttmann (27). Die beiden dokumentieren die Funde. Im Hintergrund sind an den dunklen Stellen die „Pfostengruben“ der mittelalterlichen Siedlung erkennbar.

Foto: Carsten Neff / NEWS & ART

Bergedorf. Archäologen haben auf einer Baustelle an der Vierlandenstraße einen Brunnen und slawische Keramik aus dem 9. Jahrhundert gefunden.

Bergedorf.  . Archäologen des Helms-Museums haben auf einer Baustelle an der Vierlandenstraße die Überreste eines Holzkastenbrunnens aus dem 9. oder 10. Jahrhundert identifiziert und darin gut erhaltene Scherben slawischer Keramik aus demselben Zeitraum entdeckt.

Grabungsleiter: „Das ist ein sensationeller Fund!“

„Das ist ein sensationeller Fund“, bewertet der Grabungsleiter der Bodendenkmalpflege, Mustafa Altun, die Entdeckung. Bislang war man davon ausgegangen, dass Bergedorf erst im 12. Jahrhundert entstand. Sollten die Experten jetzt deutlich ältere Siedlungen nachweisen, müsste die Stadtgeschichte neu geschrieben werden.

Auch die Leiterin der Bodendenkmalpflege, Dr. Elke Först, freut sich über die unerwartete Fundstelle. „Bergedorf war auf der archäologischen Landkarte bislang fast ein weißer Fleck. Über den Bereich um Schloss und Kirche herum wissen wir nicht viel.“ Die Fundstelle an der Vierlandenstraße gegenüber dem „Ramada“ ist nur wenige Hundert Meter von Bergedorfs Zentrum entfernt. Altun: „Dies hier steht in direktem Zusammenhang mit der Entwicklung des Stadtkerns.“

Ein Bergedorf-Besucher machte die Zufallsentdeckung

Ein Bauarbeiter, jeder Laie, wäre wohl achtlos an dem dunklen Rechteck im hellen Sandboden vorbei gegangen, hätte die Holzpflöcke in den Ecken kaum bemerkt. So war es ein auswärtiger Archäologe, der – als er seine Familie in Bergedorf besuchte – zufällig auf den Brunnen stieß und seine Kollegen im Helms-Museum umgehend informierte.

„Wir haben in den vergangenen 14 Tagen intensiv gegraben und sind auch noch auf großflächige mittelalterliche Strukturen und jede Menge Scherben von Ton- und Keramik-Gefäßen aus dem 18. Jahrhundert gestoßen“, sagt Grabungsleiter Altun. Nach der Glättung des Bereichs dokumentiert er derzeit mit zwei studentischen Hilfskräften mit Fotoaufnahmen die Verfärbungen der mittelalterlichen sogenannten „Pfostengruben“. Auch Schnittbilder des Erdreichs werden für die Auswertung angefertigt.

Baustelle nicht stillgelegt - Bau verzögert sich

Die Baustelle, auf der 50 Seniorenwohnungen entstehen, ist nicht stillgelegt. „Wir werden die kommenden Wochen baubegleitend vor Ort sein“, erklärt Altun. Das werde die Bauarbeiten leider verzögern. „Ich erwarte auf noch nicht freigelegten Bereichen durchaus noch weitere interessante Fundstellen.“ Für die Arbeiten müsse aber das Grundwasser abgesenkt werden. „Ich bin sehr neugierig und etwas aufgeregt!“

Slawisches dorf entdeckt?

Einordnung von Ulf-Peter Busse -

Der Holzkasten-Brunnen von der Vierlanden-straße lässt Bergedorfs Geschichte in ganz neuem Licht erscheinen: Ist der Ort eine Gründung der heidnischen Abodriten? Der mächtige Slawen-Stamm siedelte sich ab dem 8. Jahrhundert östlich von Hamburg an, das seine Krieger seit 915 mehrfach dem Erdboden gleich machten. Hintergrund war der Kampf gegen die fortschreitende Christianisierung des nordelbischen Raums, deren Zentren Hamburg und Ratzeburg wurden.

Mit Abstand ältester Fund in Bergedorf

Der Fund ist das mit Abstand Älteste, was im Bezirk je ans Tageslicht kam. Bisher wurde davon ausgegangen, dass das erstmals im Jahr 1163 erwähnte Bergedorf um 1100 von Christen gegründet wurde. Nun erscheint es gut möglich, dass Bergedorfs Geschichte noch um einige Jahrhunderte älter ist, schließlich wurden neben dem Brunnen auch Scherben slawischer Keramik gefunden. Stammt die, wie Ausgrabungsleiter Mustafa Altun vermutet, aus dem 9. oder 10. Jahrhundert, könnte Bergedorf ein Vorposten der Abdoriten gegen die Christen gewesen sein. Vielleicht hatten hier sogar die Eroberungszüge ins benachbarte Hamburg ihren Ausgangspunkt.

Wo heute Bergedorf liegt, erstreckte sich vor 1200 Jahren eine sehr feuchte Wildnis: Die Bille durchzog das Areal mit diversen Nebenarmen, Sturmfluten ließen die Elbe immer wieder bis an den Geesthang hin anschwellen. Als sicheres Siedlungsgebiet galt nur die natürliche Erhöhung zwischen dem heutigen Bergedorfer Markt, der Kirche St. Petri und Pauli und der Mündung der Brookwetterung gleich neben der jetzt entdeckten slawischen Abdoriten-Siedlung.

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