Sea Watch

Lohbrügger Kapitän startet Rettungsmission im Mittelmeer

Blick von der Brücke bei stürmischer See: Die „Sea Watch startet am heutigen Donnerstag zu einer ersten Erkundungsfahrt.

Blick von der Brücke bei stürmischer See: Die „Sea Watch startet am heutigen Donnerstag zu einer ersten Erkundungsfahrt.

Foto: Sea Watch

Lohbrügge. Am 27. Juni fliegt der 56-jährige Lohbrügger nach Lampedusa und sticht von dort in See - Richtung Libyen.

Lohbrügge. Angst hat er nicht. Respekt aber sehr wohl – Respekt vor einer Aufgabe, die Ingo Werth (56) vor immens schwierige Entscheidungen stellen könnte, auch solche über Leben und Tod: Am 27. Juni fliegt der Lohbrügger auf die italienische Insel Lampedusa, um von dort mit der „Sea Watch“ in See zu stechen. Mit vier weiteren seeerfahrenen Besatzungsmitgliedern – Medizinern und einem Journalisten – wird er als Kapitän den rundum sanierten alten Kutter vor die libyschen Hoheitsgewässer steuern. Die Mission: Flüchtlinge in Seenot vor dem Ertrinken im Mittelmeer zu bewahren.
Das Projekt „Sea Watch“ ist derzeit in aller Munde. Mehrere Brandenburger Familien haben die Initiative gegründet, um sich für die „Humanisierung der Politik“ zu engagieren und dem Sterben Tausender Menschen im Mittelmeer nicht länger tatenlos zuzusehen. Im Februar kauften sie mit eigenem Geld einen alten Fischkutter (Bj. 1917), bauten ihn mit Hilfe zahlreicher ehrenamtlicher Helfer um und organisierten ein seeerfahrenes Team, das schließlich Richtung Lampedusa in See aufbrach. Vor wenigen Tagen erreichte die „Sea Watch“ (21 Meter lang, fünf Meter breit) dort ihre Basisstation, am heutigen Donnerstag soll eine allererste Erkundungsfahrt auf dem Mittelmeer beginnen.

Werth leitet die erste Tour

Ingo Werth ist bereits seit Längerem an dem Projekt beteiligt. Der 56-Jährige – der sich im Raum Bergedorf bereits vielfach engagiert hat, so etwa für die Antifa und die „Fluchtpunkt“-Initiative – hatte über „Sea Watch“ gelesen und war „sofort begeistert“. Kurzerhand besuchte er die Helfer, die im Harburger Hafen den Kutter umbauten, und brachte sich mit Rat und Tat ein. Die Hilfe des Lohbrüggers, der Inhaber einer Autowerkstatt ist und zudem einen Hochseeschifferschein hat, wurde gern angenommen. Inzwischen ist Werth ein Logistiker des Projekts, sorgt für „technisches Material und alles rund ums Schiff“, wie der 56-Jährige erzählt.
Mit wechselnden Teams soll die „Sea Watch“ nun jeweils für 14 Tage in See stechen. Ingo Werth wird als Kapitän die erste reguläre Tour leiten. Hunderte Freiwillige hatten sich beworben, doch nur hochseeerfahrene Helfer sind für die Aufgabe geeignet, deren Schwierigkeiten bisher noch kaum abzusehen sind.

Flüchtlinge dürfen nicht an Bord

Die „Sea Watch“ wird auf den Schlepperrouten im Mittelmeer patrouillieren, mit Radar und bloßem Auge nach Flüchtlingsbooten Ausschau halten. „Unser Schnellboot wird sich dann dem Schiff annähern und die Situation abklären“, sagt Kapitän Ingo Werth (56) aus Lohbrügge. Das heißt: Die Menschen erhalten bei Bedarf Wasser, Lebensmittel, ärztliche Hilfe, Schwimmwesten und Rettungsinseln. Zudem wird der Seenotfall den entsprechenden Behörden gemeldet. Die „Sea Watch“ selbst kann schon aus rechtlichen Gründen keine Flüchtlinge an Bord nehmen.

Schlimmstenfalls abdrehen und Menschen zurücklassen

Der 56-jährige Inhaber einer Autowerkstatt ist auf schwierige Situationen vorbereitet: „Es kann ja zum Beispiel sein, dass wir nachts in einen Teppich aus Menschen hineinfahren“, sagt er. „Wir sind kein Rettungsschiff. Wir müssen dann handeln – aber wenn die Kapazitäten nicht ausreichen, dann müssen wir vielleicht abdrehen und Menschen zurücklassen.“ Eine Entscheidung, die Mut und Kraft kosten wird.
Der Respekt vor der Aufgabe ist für Ingo Werth entscheidend, ebenso wie Demut. „Es ist wichtig, im Kopf zu behalten, dass wir noch keinen Menschen gerettet haben.“ Die Helfer der Aktion sollten nicht im Mittelpunkt stehen, sondern die Aufgabe, meint er: Menschen vor dem Tod zu bewahren, „nur weil sie vor Not, Verfolgung und Terror in ihrer Heimat geflohen sind“.
Das Projekt finanziert sich zu einem großen Teil aus Spenden. Finanzielle Hilfe ist deshalb immer willkommen. Infos im Internet unter www.sea-watch.org.