Bergedorf

16-Jähriger kämpft für Amad und seine Familie

Selaheddin Mohamad (r.), seine Frau, und die beiden Kinder möchten in Hamburg bleiben (Sohn Amad fehlt auf dem Foto)

Selaheddin Mohamad (r.), seine Frau, und die beiden Kinder möchten in Hamburg bleiben (Sohn Amad fehlt auf dem Foto)

Foto: Marcelo Hernandez

Die syrische Familie lebt seit einem Jahr in Bergedorf. Sie saß schon im Abschiebe-Flieger. Jetzt haben Freunde eine Online-Petition gestartet.

Hamburg. Die Nachricht war schon da, als Conrad Schoo, 16, an jenem Dienstag aufwachte: „Es hat Spaß gemacht, mit euch Fußball zu spielen. Ihr werdet immer meine Freunde sein, aber wir werden uns nicht wieder sehen“, blinkte es ihm vom Display seines Mobiltelefons entgegen. Geschrieben hatte das sein syrischer Fußballkumpel Amad, 18, aus einem Flugzeug am Airport Hamburg, kurz bevor er und seine Familie abgeschoben werden sollten. Für die Behörden ein Routinefall, denn die Mohamads waren über Zypern nach Deutschland gekommen. Nach europäischem Flüchtlingsrecht wird ihr Asylverfahren in dem Land geführt, in dem sie angekommen sind.

Aber für Freunde und Bekannte war es ein Schock. „Amad hat nichts davon erzählt“, sagt der Bergedorfer Schüler Conrad Schoo. Um so größer war die Freude, als am Nachmittag wieder eine Textnachricht von Amad kam. Nachdem sein Vater im Flugzeug mit einer Panikattacke zusammengebrochen war, hatte der Pilot der Maschine sich geweigert, die Familie auszufliegen. „Ein Wunder“, schrieb der junge Syrer. Fast zwei Monate ist das inzwischen her, und in Bergedorf setzen sich immer mehr Menschen dafür ein, dass Amad und seine Familie bleiben dürfen.

Selaheddin Mohamad war in Syrien im Gefängnis

Der Fall ist kompliziert. Selaheddin Mohamad ist Kurde und war Lehrer in seiner Heimat, als er Ende der 1990-er Jahre aus politischen Gründen verhaftet wurde. Monatelang wusste seine Frau nicht, was mit ihm geschehen war. Bis heute, sagt die Rechtsanwältin der Familie, Cornelia Ganten-Lange, habe sie das Trauma nicht verarbeitet und leide seitdem unter einer schweren psychischen Erkrankung. Erst nach drei Jahren kam der Familienvater frei. 2002 flüchteten sie – inzwischen zu viert – aus Syrien nach Zypern. Vor einem Jahr kamen sie nach Hamburg.

Grund sei, so Juristin Ganten-Lange, vor allem die Erkrankung von Frau Mohamad gewesen, die in Zypern nicht behandelt worden sei. In Hamburg hat eine Klinik eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert, inzwischen steht sie unter staatlicher Betreuung. Trotzdem war die Abschiebung abgeordnet wordnen. „Die Familie genießt Flüchtlingschutz in Zypern“, bestätigte ein Sprecher der Ausländebehörde das Verfahren gemäß der sogenannten Dublin-III-Verordnung. Um drei Uhr nachts hatten die Polizisten vor der Tür in der Flüchtlingsunterkunft in Bergedorf gestanden. Und fast wären die Mohamads aus Hamburg verschwunden, so wie viele andere.

Petition an die Hamburgische Bürgerschaft läuft

Inzwischen gibt allerdings viele Menschen in Bergedorf, die das verhindern wollen. Die Mohamads haben eine Duldung bekommen, die aber immer wieder verlängert werden muss. Rechtsanwältin Ganten-Lange hat eine Aufenthaltsgenehmigung aus humanitären Gründen beantragt. Das Verfahren läuft. In Zypern sei die medizinischen Versorgung nicht gewährleistet“, sagt sie. Zudem sei die Lage in dem südosteuropäischen Land für Flüchtlinge prekär. Es sei sehr verwunderlich, dass eine Zurückschiebung nach Zypern angeordnet worden sei, nachdem viele deutsche Gerichte das in anderen Fällen ähnlich wie nach Griechenland vorgelehnt hätten. Auch eine Petition bei der Hamburgischen Bürgerschaft ist eingereicht.

Sowohl Amad als auch seine zwölfjährige Schwester besuchen Schulen in Hamburg und leben sich mit jedem Tag besser ein. Vor allem die TSG Bergedorf, bei der Amad in der ersten B-Jugend in der Abwehr spielt, macht sich für den talentierten Jungen stark. Sein Teamkollege Conrad hat gerade eine Online-Petition gestartet, die innerhalb von zwei Tagen schon mehr als 2000 Unterstützer unterzeichnet haben. Viele kommen gar nicht aus Hamburg. Aber die Mohamads sind kein Einzelfall. „Das Dublin-III-System produziert Härtefälle“, sagt Tobias Klaus von Pro Asyl in Frankfurt. Für viele Menschen ist nicht nachvollziehbar. „Inzwischen gibt es in ganz Deutschland jede Woche mehrere Fälle, in denen Unterstützer gegen Abschiebungen von Flüchtlingen mobil machen.“

So wie Conrad. „Wir wollen unserem Freund Rückendeckung geben“, erklärt er sein Engagement . Er hat gesehen, wie die Traurigkeit über Amads Gesicht zieht, wenn er von seiner Angst vor dem Einschlafen erzählt, dass wieder die Polizisten vor der Tür stehen könnten. Und er hat gesehen, wie er strahlt , wenn sie zusammen auf dem Fußballplatz dem Ball hinterherjagen.