Polizei

Schirmmütze: Im Einsatz ungeliebt und hinderlich

Bergedorf. Die Polizeimütze führt seit Jahren zu heftigen Diskussionen unter den Hamburger Beamten. Der Hintergrund: Bei der Verbrecherjagd und Sturmeinsätzen ist die Schirmmütze höchst unpraktisch. Doch "oben ohne" verstößt gegen die Kleiderordnung.

Wenn der Polizeikasper auf der Bühne erscheint, klatschen die rotbäckigen Kinder begeistert Beifall. Denn jetzt geht es dem Räuber an den Kragen. Der Wachtmeister ist der Gute. Dafür braucht es gar nicht viele Worte. Allein die Polizeimütze mit dem goldenen Stern weist die Handpuppe als Hüter des Gesetzes aus, als denjenigen, der Räuber und Krokodil erfolgreich in die Schranken weist.

Und weil die Bühne nur ein Abbild der Wirklichkeit ist – vielleicht vom Krokodil mal abgesehen – tragen auch unsere Ordnungshüter seit jeher imposante Mützen, die sie schon aus der Ferne als Amtsperson ausweisen, wo jeder Dienstausweis noch unlesbar wäre. Dumm nur, dass bei echten Polizisten die Mütze nicht so auf dem Kopf festgeklebt ist wie beim Kasper. Das macht das Statussymbol im rauen Dienstalltag der Polizei eher hinderlich denn nützlich.

„Wenn ich bei der Landung des Rettungshubschraubers nicht rechtzeitig daran denke, die Mütze abzunehmen, wirbelt mir der Downwash der Rotorblätter den Teller vom Kopf und ich kann hinterher Klimmzüge machen, um die im Baum hängende Kopfbedeckung aus den Ästen zu pflücken“, hat Polizeioberkommissar Werner P.* so seine Erfahrungen gemacht.

Viele Beamte laufen „oben ohne“ – Doch die Kleiderordnung verbietet das

Seitdem bleibt seine Schirmmütze bei solchen Einsätzen auf der Hutablage des Streifenwagens. Auch bei der rasanten Verfolgung des Fahrraddiebs, quer durch die Nettelnburger Vorgärten und über die sie trennenden Dornenhecken hinweg, habe sich die Mütze als „eher unbrauchbar“ erwiesen. Ebenso im Sturmeinsatz auf dem Zollenspieker Hauptdeich oder bei der Erstversorgung des schwer verletzten Rollerfahrers an der Autobahnabfahrt Curslack. „Wenn ich mich in der Hektik runterbeuge, rutscht die Schirmmütze schon mal ab.“ – und segelt in die Blutlache, womit auch das Hoheitssymbol optisch im Eimer ist.

Selbst der im rauen Polizeieinsatz Unerfahrene mag unschwer erkennen, dass die Schirmmütze für diesen nicht wirklich gemacht ist. Zumal sie im Winter nicht einmal die Ohren wärmt und gerade bei weiblichen Beamten mit modischem „Ponytail“ noch wackliger sitzt als bei ihren männlichen Kollegen. Dennoch ist Polizeihauptmeisterin Bettina H.* sorgsam darauf bedacht, dass sie in der Öffentlichkeit nicht „oben ohne“ zu sehen ist, sobald sie die Wache am Ludwig-Rosenberg-Ring oder aber ihren Streifenwagen verlässt. Der Grund dafür ist weniger das modische Bewusstsein der jungen Polizistin, als vielmehr die Tatsache, dass sie beruflich nicht nur als Gesetzes-, sondern auch als Ordnungshüterin unterwegs ist. Und laut Kleiderordnung der Hamburger Polizei gehört die Schirmmütze zwingend zur Uniform, wie die Dienstpistole zum Polizisten – und dies ohne „wenn und aber“.

Mitunter wird die Polizeimütze zur "Narrenkappe"

Das aber führt häufig zu derart skurrilen Situationen, gegen die das Kaspertheater eine ernste Angelegenheit ist. Denn immer dann, wenn bei Kriminalfällen, Unfällen oder lodernden Feuern die Öffentlichkeit in Form von Journalisten, Kamerateams oder Zeitungsfotografen auftaucht, rückt umgehend die eigene Dienstmütze ins Zentrum der Polizeiarbeit. Kaum steigt der Fotograf aus dem Auto und schraubt sein Blitzgerät auf die Kamera, verlässt der zuvor gelangweilte Beamte im Laufschritt das Absperrband, flitzt zum Streifenwagen und stülpt sich die Schirmmütze über den Kopf. Selbst Vernehmungen werden unterbrochen, Beweissicherungen gestoppt oder Verkehrsableitungen sich selbst überlassen, um die Uniform entsprechend der Kleiderordnung durch die Kopfbedeckung zu komplettieren. „Das ist natürlich Kasperkram“, urteilt Joachim Lenders, der Hamburger Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG): „Die Mütze ist in der Polizei seit Jahren ein Politikum – alt eingesessen, alt hergebracht und, obwohl im Einsatzdienst lästig und hinderlich, wohl nun schwer wieder abzuschaffen.“

Der Gewerkschafter kann die Angst der Kollegen, gegen die Kleiderordnung zu verstoßen, gut nachvollziehen. „Es hat hochrangige Polizeiführer gegeben, die offenbar nichts Besseres zu tun hatten, als Pressefotos und Fernsehberichte auszuwerten, um mit diesen Beweisen die ohne Mütze abgebildeten Kollegen abzumahnen.“ Über Jahre hat sich Lenders mit dem ehemaligen Polizeipräsidenten Werner Jantosch auseinandergesetzt, bis endlich im Februar die Wintermütze – eine Art Pudelmütze ohne Bommel – auch für Hamburger Streifenpolizisten zugelassen wurde. „Während man im Polizeipräsidium entspannt und leger den Thermostat von „4“ auf „5“ drehte, froren sich unsere Kolleginnen und Kollegen – salopp gesagt – die Ohren vom Stamm.“, erinnert sich Lenders an die Mützenposse.

Gewerkschaft fordert Entscheidungsfreiheit statt Mützenpflicht

Auch in Sachen der Schirmmütze sei dringend Nachbesserung angesagt. „Die Kollegen müssen einsatzabhängig selbst entscheiden dürfen, ob sie mit oder ohne Mütze laufen“, fordert Lenders. „So viel Urteilsvermögen muss man Polizeibeamten zutrauen.“ Dieser Entscheidungsrahmen müsse in der Kleiderordnung festgeschrieben werden.

Bei seinem obersten Dienstherrn, Innensenator Michael Neumann (SPD), dürfte eine solche Forderung durchaus auf Gehör stoßen. Obwohl sich die Mützenprobleme noch nicht bis zum Chefsessel der Behörde herumgesprochen hatten, muss der Senator auf konkrete Nachfrage zugeben: „Ja, es gibt mitunter Streit um die Mützenpflicht.“ Für Neumann gehört zur Uniform die Dienstmütze. „Das ist schon seit der Pickelhaube so.“ Allerdings dürfe kein Polizist bei Verbrecherjagd oder Verletztenversorgung behindert werden. „Lageorientiert wird die Mütze eben abgesetzt.“

So wie bei der Schießerei im Lohbrügger „Dima“-Sportcenter im Januar letzten Jahres. Überall lagen die Polizeimützen auf dem Parkplatz verstreut – als Markierungen für Patronenhülsen und Blutspuren. *Namen geändert

Polizisten sind keine Dressmen - Kommentar von Carsten Neff

Wir brauchen Polizisten die engagiert zupacken, mit vollem Einsatz die Verbrecher jagen und auch dann in der ersten Reihe stehen, wenn ihnen ein rauer Wind entgegenweht. Wir brauchen wirklich keine Dressmen!

Stattdessen wünschen wir uns Polizisten, die mitdenken, Initiative ergreifen und überzeugt handeln, anstatt sich hinter der Anonymität ihrer Uniform und der dafür geltenden Kleiderordnung zu verstecken. Nicht der Mützen-Stern an der Stirn verleiht dem Schutzpolizisten Autorität, sondern sein Einfühlungsvermögen, seine Menschenkenntnis, seine Fähigkeit, für den Bürger nachvollziehbare Entscheidungen zu treffen. Im Juristendeutsch heißt das „Handeln unter Beachtung der Verhältnismäßigkeit“, im Polizeijargon „lageorientiertes Entscheiden“, der Rest der Welt nennt das schlicht „gesunder Menschenverstand“.

Die Aufgaben der Schutzpolizei, häufig in Extremsituationen und an problematischen Schnittstellen unserer Gesellschaft, sind schwierig genug. Personalknappheit und eine für die Herausforderungen der Straße immer ungünstigere Altersstruktur fordern die Beamten bis an die Hutschnur. Vielleicht sollte sich daher jeder Polizeiführer daran erinnern, dass nicht die Schirmmütze den Polizisten zum guten Polizisten macht, sondern das, was die Mütze bedeckt. Und so ist es sicher auch sinnvoll, die Mütze manchmal zu lüpfen – damit der Verstand genug Luft bekommt.