Bevölkerungsentwicklung

"Nichtstun der Politik hat verheerende Folgen"

Bergedorf (upb). Er ist einer der renommiertesten Bevölkerungswissenschaftler Deutschlands - und deshalb von Berufs wegen Pessimist: "Deutschland ist gerade auf dem besten Wege, seine Zukunft zu verspielen", sagt Prof. Dr. Herwig Birg.

"Es ist ein offenes Geheimnis, dass deutlich zu wenig Kinder geboren werden. Aber die Politik tut nichts, um gegenzusteuern. Im Gegenteil: Das Thema wird totgeschwiegen und mit familienfeindlicher Wirtschafts- und Sozialpolitik sogar weiter verschlimmert."

Herwig Birg (72) referiert Donnerstag im Haus im Park zum Auftakt einer dreiteiligen Reihe zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland. Der Vortrag beginnt am Gräpelweg 8 um 19 Uhr (Eintritt frei).

"bz"-Redakteur Ulf-Peter Busse sprach mit dem emeritierten Direktor des Instituts für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik (IBS) an der Universität Bielefeld darüber, wie sich der demografische Wandel in Bergedorf auswirken wird. Und bat um eine Einschätzung, ob Politik und Verwaltung gegen die Überalterung zumindest der hiesigen Bevölkerung wirken können.

Bergedorf ist eine Großstadt in der Metropole Hamburg. Das zieht Menschen an. Müssen wir uns hier um die zukünftigen Generationen also keine Sorgen machen?

Prof. Dr. Herwig Birg:

Sorgen vielleicht nicht. Aber Gedanken sollten sich die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung unbedingt machen. Denn auch wenn Bergedorf im Vergleich zu ausblutenden Landstrichen im Osten Deutschlands in Sachen Bevölkerungsentwicklung eher ein Luxusproblem hat, geht es doch um die Frage, wohin es sich entwickeln soll. Will man eher junge Familien oder reiche Rentner? Wie viel Integration ist nötig oder werden Zuwanderer aus fremden Kulturen überhaupt gewollt? Und vor allem: Wie soll auch künftig eine gesunde Mischung der Bewohner erreicht werden und Bestand haben?

Bergedorf rühmt sich, Hamburgs Bezirk mit den meisten Kindern zu sein. Ist der gezielte Wohnungsbau für Familien also der richtige Weg, für die Zukunft vorzusorgen?

Wenn es gelingt, das Konzept der Gartenstädte aus den 1920er-Jahren wieder zu beleben, also viel Lebensraum für die Kinder zu schaffen, dann wäre das der richtige Weg. Aber der immer enger werdende Platz in den Metropolen und die exorbitant steigenden Grundstückspreise weisen in eine andere Richtung. Das Wohnen hier können sich am Ende vielleicht nur noch junge Singles und reiche Rentner leisten. Es braucht also viel Energie und einen großen Durchhaltewillen in der Politik. Und genau das spreche ich den dort heute handelnden Personen ab. Die Parteien und mit ihnen die Abgeordneten in den Parlamenten denken immer in erster Linie an die nächste Wahl. Die langfristigen Dramen einer überalternden und schrumpfenden Bevölkerung mit all den Konsequenzen für die Sozialkassen und den Staat insgesamt werden seit 30 Jahren konsequent ignoriert. Dieses bewusste Nichtstun wird verheerende Folgen haben.

Sie beschreiben eine Abwärtsspirale, in der die Metropole Hamburg und mit ihr die "Vorstadt" Bergedorf wegen ihrer Beliebtheit noch verhältnismäßig glimpflich davonkommen. Zumindest, was den sozialen Frieden vor der Haustür angeht.

Wenn eine solche Insel im künftigen Deutschland überhaupt möglich ist. Aber auch das kann nur gelingen, wenn ein Umfeld geschaffen wird, das Familien dauerhaft hält. Es geht darum, eine gesunde Mischung in der Bevölkerung herzustellen, die angetan ist, ein Heimatgefühl entstehen zu lassen. Das betrifft sowohl die Mischung aus Alt und Jung, als auch - und sogar vor allem - das Miteinander von Eingesessenen und Zuwanderern. Denn auf jedes in Bergedorf geborene Kind kommt die vielfache Zahl an zugezogenen Menschen aus anderen deutschen Landstrichen. Will man sie hier halten, muss ein attraktives Wohn- und Arbeitsumfeld geschaffen werden. Dabei geht es nicht primär um Zugezogene aus dem Ausland. Denn ihr Anteil unter den Metropolen-Zuwanderern liegt unter einem Viertel.

Kann das gelingen?

Wenn die Verantwortlichen über Jahrzehnte an diesem Projekt arbeiten, dann bestimmt. Aber ich habe wenig Hoffnung, dass die heutige Politik noch genug Atem hat, an langfristigen Zielen festzuhalten. Denn die Früchte einer solchen Politik lassen sich nicht schon beim nächsten Wahltermin ernten. Die Kluft zwischen Reden und Handeln wächst ständig. Die Politik verharmlost die Situation mit Begriffen wie dem "demografischen Wandel". Das ist so, als würde jemand ein Erdbeben als "geologischen Wandel" bezeichnen.