Vermisst

Ein Handy-Signal war die letzte Spur

Bergedorf. Die Kleidung lag ordentlich zusammengefaltet am Baggersee. Schuhe standen daneben, darin ein Autoschlüssel.

Nur von dem männlichen Besitzer fehlte jede Spur - auch noch nach Tagen der Suche und einem Taucheinsatz im See.

Sabine P.* hatte das Fahrrad genommen und einen Abschiedsbrief hinterlassen. Die Spur der Familienmutter verlor sich an der Elbe, wo ihr Handy geortet werden konnte. Dann erst mal: nichts mehr.

Mehr als 500 Menschen werden jährlich im Bereich des Bergedorfer Polizeikommissariates 43 vermisst gemeldet. Die allermeisten Fälle - etwa 95 Prozent - erledigen sich binnen weniger Stunden, weil der oder die Vermisste wieder auftaucht. "Aber etwa zwei- bis dreimal im Monat müssen wir größere Maßnahmen einleiten", sagt Kriminalhauptkommissar Michael Lange, stellvertretender Kripochef in Bergedorf. Ein Job, in dem die Ermittler zwar Erfahrung haben, in dem es aber keine Routine nach Schema F geben kann. Denn jeder Fall ist anders. "Und manchmal ist besondere Eile geboten", so Lange.

Ob das der Fall ist, zeigt sich in den ersten Stunden, nachdem ein Mensch vermisst gemeldet wurde. Die Alarmglocken schrillen sofort bei kranken oder alten Menschen, bei Kindern oder Suizidgefährdeten. Die Streifenwagenbesatzungen klären zunächst die Eckdaten ab: Befindet sich die demenzkranke Dame nicht doch irgendwo auf dem Gelände des Pflegeheims? Und der 17-jährige Teenager im Kaufhaus um die Ecke? Ist das nicht der Fall, werden schnell weitere Streifenwagen zur Suche angefordert. Die Kripo wird informiert. "Die Fahndung wird sofort ausgeweitet", sagt Michael Lange. "Besonders bei extremen Wetterlagen versuchen wir, die Menschen vor Einbruch der Dunkelheit wiederzufinden."

In den folgenden Stunden - eventuell auch Tagen - bestimmen die Ermittlungen, wie, wo und mit welchem Aufwand gesucht wird. Suchhunde, Hubschrauber, Hundertschaft: Alles ist möglich, sofern es Erfolg verspricht. "Da läuft vieles parallel, und es wird nach Ansätzen gesucht", so Lange. Im Fall einer Demenzkranken würden die Ermittler beispielsweise klären, welche Orte die Frau gern aufsuchte, wo der Ehemann begraben liegt oder ob sie an ihren alten Wohnort zurückkehrt ist. Ähnlich ist es bei kleinen Kindern. Weil sie "sofort als Ernstfall gelten", werden zügig Schulwege, Freunde, Lieblingsorte abgeklappert. Meist mit schnellem Erfolg: "Gott sei Dank ist der fremde Mann, der die Kinder von der Straße greift, die absolute Ausnahme", betont Lange. Solche Fälle gab es in Bergedorf in den vergangenen Jahren nicht - auch keine länger vermissten Kinder. "Die meisten haben dann doch im Kaufhaus die neue Spielkonsole ausprobiert und darüber die Zeit vergessen." Auch Jugendliche - die einen großen Teil der Vermisstenfälle ausmachen - finden sich meist schnell wieder ein.

Verschwinden gesunde Erwachsene ohne erkennbaren Anlass, wird auch hier geklärt, ob es vielleicht Streit oder Stress gab. Doch weil es "ja nicht verboten ist, eine Weile nicht auffindbar zu sein", wird ohne entsprechenden Anlass zur Sorge auch mal abgewartet. Es sei denn, die Ermittler plagt ein "mulmiges Gefühl". Wird eine Straftat vermutet, schaltet die hiesige Kripo nach einiger Zeit eventuell auch die Mordkommission ein.

Nur etwa zwei- bis dreimal im Jahr endet die Suche nach einem Vermissten mit einem Todesfall. So wie bei dem Mann, der am Baggersee verschwunden war und - wie sich herausstellte - doch ertrunken war. Die meisten Fälle finden ein glückliches Ende. So kehrte auch die verschwundene Familienmutter, die einen Abschiedsbrief hinterlassen hatte, später nach Hause zurück.

Dass ein Mensch über Jahre verschwunden bleibt, "habe ich hier in Bergedorf noch gar nicht erlebt", sagt Kriminalhauptkommissar Michael Lange, seit acht Jahren in Bergedorf im Dienst.

Dennoch ist da oft ein mulmiges Gefühl, wenn ein Mensch einige Tage unauffindbar ist. "Dann fällt es sehr schwer, irgendwann einfach Feierabend zu machen und nach Hause zu gehen."

(*Name geändert)

"Der fremde Mann, der die Kinder von der Straße greift, ist die absolute Ausnahme."

Michael Lange Vize-Kripochef