Lohbrügger Wasserturm

Vorwürfe gegen Lokal-Betreiber

Lohbrügge. Stapelweise unbezahlte Rechnungen, unhaltbare hygienische Verhältnisse, immer wieder Lokalschließungen durch Behörden - die gastronomische Laufbahn des Lohbrügger Wasserturm-Lokalbetreibers Björn Wendel ist offenbar eine Kette von Misserfolgen, Pleiten und Skandalen.

Am 4. Juli wurde sein "John Turner Tower" - der ehemalige Sander Dickkopp - vom Bergedorfer Bezirksamt geschlossen, weil es keine Konzession mehr gab (wir berichteten). "Wir öffnen wieder am 27. Juli", heißt es seitdem auf der Facebook-Seite des Lokals. Doch das ist wohl eher unwahrscheinlich. Frühere Mitarbeiter erheben jetzt schwere Vorwürfe gegen den 43-jährigen Björn Wendel. Angeblich schuldet er ihnen allen noch viel Geld.

"500 Euro Lohn bekomme ich noch", sagt die 23-jährige Nettelnburgerin Nina Löhr. Sie arbeitete schon länger für Wendel, erlebte auch die Schließung von Wendels Irish Pub "Slattery's" (früher: Eier-Karl) im Mai am Fischmarkt. Schon damals seien die Arbeitsbedingungen schlecht gewesen. Im Lohbrügger Wasserturm wurde es noch schlimmer. "Wir sollten Prüfern gegenüber sagen, dass wir nur Aushilfen waren. Dabei hatten wir eine Festanstellung." Die Lohnabrechnungen seien in der Regel fehlerhaft gewesen, natürlich zu Wendels Vorteil. Im Nachhinein musste Nina Löhr, die ein entzündetes Fußgelenk hat, auch noch feststellen, dass Wendel seit April keine Beiträge mehr an die Krankenkasse überwiesen hatte. "Ich bin total enttäuscht. Da hat man gearbeitet, hatte Vertrauen. Und nun?" Sie will Anzeige gegen Wendel erstatten: "Ich will mein Geld."

Die 33-jährige Bergedorferin Sara Engländer hat deutlich höhere Forderungen an Björn Wendel. "Ich habe von März bis Ende Mai im John Turner Tower gearbeitet, etwa 20 bis 30 Stunden die Woche im Service und bei der Renovierung nach dem Brand. Aber ich habe nur ein einziges Mal 286 Euro erhalten. Jetzt bekomme ich nicht einmal Arbeitslosengeld, weil ich keine Erwerbstätigkeit nachweisen kann, und mir fehlt das Geld für die Miete", sagt sie.

Eine weitere von Wendels irischen Kneipen, das "Hendrick's" neben dem Multiplex-Kino UCI in Harburg, war schon im Juli 2011 vom dortigen Bezirksamt dichtgemacht worden. "Es bestand eine vorläufige Konzession, die nicht verlängert wurde", heißt es dazu knapp vom Harburger Bezirksamt. Genau so lief es jetzt beim John Turner Tower am Richard-Linde-Weg: Drei Monate vorläufige Konzession, dann wird nach genauerer Prüfung der Antrag auf Verlängerung nicht genehmigt.

"Unser Kneipenwirt Lars Bargmann hatte die vorläufige Konzession", erklärt Betreiber Björn Wendel, der damit erstmals zu der Zwangsschließung Stellung bezieht. "Dass er wegen seiner Steuerschulden nun keine Verlängerung bekommen hat, kam für uns überraschend und ist sehr ärgerlich." Mit dem Bezirksamt Bergedorf erörtert Wendel nach eigenen Worten nun die Frage, wie es mit dem Wasserturm weitergehen soll: "Ich habe schon einen neuen Konzessionsnehmer."

Merkwürdig nur: Lars Bargmann selbst hat nach eigenen Worten eine Verlängerung seiner Konzession gar nicht beantragt: "Das muss jemand anders unterschrieben haben. Ich war schon im Mai aus dem Geschäft ausgestiegen und mit Björn Wendel zerstritten. Er schuldet mir noch drei Monatsgehälter, hat mich total verarscht." Und warum beantragt Björn Wendel nicht selbst eine Konzession? "Das wäre nicht sinnvoll", erklärt er, "bei all den schlechten Nachrichten, die über mich im Umlauf sind."

Martin L. (36)*, der den Künstlernamen "Saharaprinzessin Sarah die 13." trägt, hat den gesamten November 2011 im "Slattery's" als Küchenchef gearbeitet. "Ich weiß genau, warum der Laden geschlossen wurde", sagt der erfahrene Koch und Schlagersänger in Frauenkleidern: "Die hygienischen Zustände in der Küche waren unsäglich. Der Fettabscheider war mangels Wartung längst ausgefallen, was einmal sogar zur Überschwemmung führte. Die Kühlvitrinen waren kaputt, sodass die Lebensmittel darin in kürzester Zeit vergammelten. Trotzdem verlangte der scheinbare Chef, diese den Gästen zu servieren. Ich ließ es aber nicht soweit kommen, sonst hätte ich die Gäste regelrecht vergiftet."

Als Martin L. dann auch noch einen Monat lang keinen Arbeitsvertrag und überdies kein Geld bekam, schmiss er den Job hin - und zeigte das "Slattery's" beim Ordnungsamt an. Gegen die damalige Konzessionshalterin Yvonne Meyer prozessiert der Koch jetzt wegen des nicht erhaltenen November-Gehalts. Im Lohbrügger Wasserturm-Kneipenteam ist Meyer bis zur Schließung als "Lokal-Managerin" aufgetreten.

Im früheren "Hendrick's" hat am 1. April 2012 der Gastronom Heiko Hornbacher das "Café Central" eröffnet. Auf Vorgänger Björn Wendel ist das Personal dort gar nicht gut zu sprechen. "Hier kamen in den ersten Monaten dutzendweise Mahnungen per Post und Leute zu Besuch, bei denen Wendel angeblich noch Schulden hat", berichtet ein Angestellter, der namentlich nicht genannt sein will. "Wir haben auch eine Reihe der früheren Mitarbeiter übernommen, die haben alle noch Forderungen an Wendel."

Anscheinend nur knapp blieb der Bezirk Bergedorf von einer weiteren Lokaleröffnung durch Björn Wendel verschont. Beinahe hätte er im Juni "Schümanns Gasthof" in Kirchwerder übernommen. "Der Vertrag über 300 000 Euro Kaufpreis war fertig, aber Wendel erschien nicht zum Termin, weil er wohl keine Bankbürgschaft bekommen hat", berichtet Inhaber Gerald Fischer. "Dann haben wir lieber Abstand von diesem Kaufinteressenten genommen."

Auf all diese Vorhaltungen angesprochen, offenbart Björn Wendel gegenüber unserer Zeitung eine gänzlich andere Sichtweise der Dinge: "Von einem Gasthof Schümann in Kirchwerder weiß ich nichts", behauptet Wendel. "Dort habe ich niemals Interesse gezeigt." Im Harburger "Hendrick's" sei er bis zu dessen Schließung vor etwa einem Jahr nicht Betreiber, sondern nur Angestellter gewesen. Im "Slattery's" am Fischmarkt hat Martin L. nach Wendels Worten spontan gekündigt, weil er eines Abends nicht in Frauenkleidern singen durfte, sondern kochen sollte: "Er hat aber 850 Euro Abschlag bekommen. Die amtliche Schließung erfolgte dann nicht aus hygienischen Gründen, sondern weil Gesundheitszeugnisse der Mitarbeiter statt im Lokal in einem Büro lagen."

Auch die Vorwürfe der beiden Mitarbeiterinnen im Wasserturm weist Wendel zurück: "Sara Engländer hat sämtliches Geld bekommen, das ihr zusteht, und mit Nina Löhr haben wir einen Aufhebungsvertrag geschlossen, in dem beide Seiten auf weitere Ansprüche verzichten." Wendel zeigt sich weiter zuversichtlich, dass er seinen John Turner Tower am letzten Juli-Wochenende wieder öffnen kann: "Ich hoffe, wir sind dann auch mit der Renovierung soweit."

* Name geändert

"Ich sollte verdorbenes Essen servieren"

Martin L., Slattery's-Küchenchef