Landgericht

Angeklagter schwänzt Prozess

Lohbrügge (gr). Vergeblich warteten die Richter, der Staatsanwalt und die Verteidiger gestern im Landgericht Hamburg auf Selcuk E. (34).

Er sollte sich wegen versuchter räuberischer Erpressung verantworten, war aber nicht zum Verhandlungstermin erschienen. Gemeinsam mit dem 32-jährigen Zeymel M. soll E. vor dem Lokal "Casablanca" in Lohbrügge von einem türkischen Landsmann 5000 Euro "Strafzahlung" verlangt haben. Als dieser sich weigerte, soll M. ihn mit zwei Pistolenschüssen schwer verletzt haben (wir berichteten).

Pistolenschütze Zeymel M. musste notgedrungen zum Prozessbeginn erscheinen. Er sitzt seit der Tat am 21. Dezember 2011 in Untersuchungshaft, wurde von Justizbeamten in den Saal geführt.

Auch Selcuk E. kam zunächst in Untersuchungshaft, am 1. Februar 2012 wurde er jedoch unter strengen Sicherheitsauflagen freigelassen. Er musste sich regelmäßig bei dem für seinen Wohnsitz zuständigen Polizeirevier melden und ist dieser Auflage laut Verteidiger Uwe Maeffert bisher stets nachgekommen.

Also war der Anwalt selbst erstaunt über das Wegbleiben seines Mandanten. "Ich habe fest damit gerechnet, dass er heute kommt und habe keine Erklärung dafür, warum er nicht da ist", sagte er.

Noch im Gerichtssaal versuchte Uwe Maeffert, seinen Mandanten telefonisch zu erreichen - und hatte schließlich immerhin dessen Bruder am Apparat. Aber auch der konnte oder wollte keine Auskunft über den Verbleib von Selcuk E. geben. Kommentar eines der im Zuhörerraum versammelten Journalisten: "Vielleicht sonnt der sich jetzt an seinem Swimmingpool in der Türkei."

Der Vorsitzende Richter vertagte die Verhandlung zunächst auf den Nachmittag. In der Zwischenzeit sollte Rechtsanwalt Maeffert noch einmal versuchen, seinen Mandanten zum Weg in den Gerichtssaal zu überreden. Nach der Wiederaufnahme der Verhandlung schien der Angeklagte als Phantom durch die endlosen Flure des Gerichtsgebäudes zu geistern. Sein Mandant sei zurzeit stark gehbehindert, sagte der Anwalt, und der Beamte an der Sicherheitsschleuse habe "einen Mann mit Krücken" gesehen. Im Gerichtssaal erschien Selcuk E. aber nicht. Jetzt wird er von der Polizei gesucht.

Der Prozess wird am 18. Juni fortgesetzt. Beide Angeklagte wollen sich nach Auskunft ihrer Verteidiger nicht zu den Tatvorwürfen äußern, dem Gericht steht damit ein Indizienprozess mit zehn Verhandlungstagen bevor.

"Vielleicht sonnt der sich jetzt an seinem Swimmingpool in der Türkei."

Ein Journalist im Zuschauerraum des Landgerichts