Mehrgenerationenhaus

"Unser Haus ist eine Feuerfalle"

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Thomas Schütt

Bergedorf. Seit dem Brand im August liegen die Nerven im Mehrgenerationenhaus an der Holtenklinker Straße blank. Jetzt inspizierte Bergedorfs Feuerwehrchef das Gebäude und stellte Erschreckendes fest. Das Gebäude entspricht derzeit nicht den Brandschutzbestimmungen.

„Wir haben Angst“, sagt Heidemarie Weber. Angst davor, dass es wieder brennt im Mehrgenerationenhaus an der Holtenklinker Straße/Ecke Brookdamm. Die 68-Jährige lebt mit ihrem schwer lungenkranken Mann seit Juni in dem Wohnkomplex, in einer „rollstuhlgerechten Wohnung“.

Die Nacht auf den 16. August werden die beiden niemals vergessen: Ein Brandstifter zündete einen Holzverschlag unter einem Balkon an. Schnell schlugen die Flammen die Fassade hoch bis in den dritten Stock. Zehn Menschen wurden verletzt. Ehemann Klaus Weber (71) erlitt eine Rauchvergiftung, musste reanimiert werden: „Seitdem kann ich kaum noch schlafen, höre auf jedes Geräusch. Unser Haus ist eine Feuerfalle.“ Schließlich stünden im ganzen Haus die Brand- und Rauchschutztüren offen.

Offenbar hatte niemand daran gedacht, für Rollstuhlfahrer geeignete Türen einzubauen, als im Sommer der Neubau für 18 seniorengerechte Wohnungen fertig wurden, zudem fünf Rollstuhlfahrer-Wohnungen. „Nur die Eingangstür öffnet selbsttätig. Wenn die Türen zu wären, könnte ich mich hier im Haus gar nicht bewegen. Wenn es aber mal im Keller brennt, gibt es eine Kaminwirkung. Da kommt hier keiner mehr raus“, sagt Rollstuhlfahrer Maik Schmidt (Name geändert).

Wie berechtigt die Sorgen der Mieter in den insgesamt 28 Wohnungen sind, stellte sich gestern heraus, als der Chef der Bergedorfer Berufsfeuerwehr, Ernst Redwanz, das Gebäude besichtigte. „Ich kann nur sagen, momentan ist der Brandschutz hier nicht gewährleistet. Das sind schon sehr gravierende Mängel“, beanstandet der Brandoberamtsrat. Einige Brandschutztüren lassen sich gar nicht schließen. Offenbar sind die Schlösser defekt. Auch seien Scharniere so eingestellt, dass Türen offen bleiben. „So geht das nicht“, sagt Redwanz. Unzufrieden ist er auch mit dem, was er in den Kellerräumen entdeckt. Türschloss? Fehlanzeige. Kartons, Holz, Matratzen, Bügelbretter stehen in den Verschlägen. „Wenn es hier mal brennt, zieht der Rauch wie in einem Schlot durch das ganze Haus“, bestätigt der Fachmann.

Im Keller ist auch die Tagespflegestätte des Betreuungsdienstleisters „pro vital“ beherbergt. Der Zugang erfolgt durch eine Brandschutztür. „Diese Tür hier muss zwingend geschlossen sein“, ermahnt Ernst Redwanz die Mitarbeiterin, die gerade die Kaffeetische deckt. „Ich habe doch aber heute Tag der offenen Tür“, erwiderte die Frau. Die Tür bleibt offen.

Das Fazit von Redwanz: „Wenn die Hausverwaltung dafür sorgt, dass die Brand- und Rauchschutztüren geschlossen sind, ist baurechtlich wieder alles in Ordnung. Dann allerdings haben die Rollstuhlfahrer ein Problem.“

Ralf-Peter Keye von der gleichnamigen Hausverwaltung reagiert schroff, will auch zu anderen Vorwürfen der Mieter keine Stellung nehmen. „Das ist alles genehmigt und abgenommen worden. Vielleicht haben ja die Mieter die Türen manipuliert.“

Mit großem Erstaunen reagiert das Bezirksamt auf die Mängel. „Wir setzen uns umgehend mit Herrn Redwanz in Verbindung und stimmen das weitere Vorgehen ab“, sagt die Chefin der Bauprüfabteilung, Christiane Heintschl, die gestern durch eine Anfrage unserer Zeitung von den Zuständen im Neubau erfuhr.

Tatsächlich sei der Brandschutz bei der Bauabnahme nicht vom Bezirksamt geprüft worden. „Der Bauherr hatte im Juli 2009 ein sogenanntes vereinfachtes Verfahren beantragt und damit die Verantwortung für den Brandschutz selbst übernommen.“ Dass ein Eingreifen des Bezirks schnell zu einer Verbesserung der Zustände im Haus Holtenklinker Straße 8 führt, ist aber keinesfalls gewiss: „Schlimmstenfalls wehrt sich der Eigentümer juristisch. Dann kann das durchaus Jahre dauern“, sagt Christiane Heintschl.

Auch bei Hamburgs Wohnungsbaukreditanstalt ist man überrascht, meinte man doch, mit Steuergeld senioren- und rollstuhlgerechte Wohnungen gefördert zu haben. „Das kann nicht angehen. Doch ist der zuständige Mitarbeiter, der den Neubau abgenommen hat, gerade im Urlaub. Wir werden dem nachgehen“, sagt Sprecherin Sabine Libuda.

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