Kabarett

Nicht wirklich auf der Höhe der Zeit

Bergedorf. Schlimme Zeiten sind gute Zeiten für politische Kabarettisten. Wenn die Menschheit weltweit scheinbar unaufhaltsam in eine der größten Weltwirtschaftskrisen wie in einen Mahlstrom hineingesogen wird, wenn auf der einen Seite Existenzen auf dem Spiel stehen und dem Mittelstand das Wasser langsam bis zum Hals steigt, auf der anderen Seite aber gierige Abzocker den Tanz auf dem Vulkan proben, muss es doch jedem Kabarettisten in den Fingern jucken, daraus etwas zu machen.

So durfte man gespannt sein, was Richard Rogler, einer der profiliertesten deutschen Kabarettisten und zudem als Honorarprofessor Lehrender in Sachen Kabarett, auf den Bergedorfer Kabarettwochen zum Thema beizutragen hatte. Die Antwort ist deprimierend kurz: Nichts. Das heißt: Fast nichts. Die Frage, warum es den Kölner Ford-Werken vergleichsweise gut ginge, beantwortete er mit der Erkenntnis: Weil wir in Köln am Rosenmontag nicht arbeiten. Na ja!

Roglers Programm "Ewiges Leben" stammt aus dem Jahre 2005 und ist sichtlich in die Jahre gekommen. Auf der Bühne verwandelt sich Rogler in die Kunstfigur Camphausen, der mit einem ziemlich heterogenen Freundeskreis bestraft ist. Da ist der linke Sozialdemokrat Günther, der als Ergebnis einer Hinterzimmerkungelei in den Bundestag eingezogen ist, und dort seine alte SPD nicht wieder findet. Und da ist Manfred, wohlhabender Steuerberater in der Midlife-Krise, der den Sinn des Lebens als Koch und Weinkenner am Kochfeld in einer umgebauten Wassermühle aus dem Jahre 1612 finden will. Da verwirklichen sich gelangweilte Frauen in den Medien und hört der Nachwuchs auf den Namen Egbert-Abraham. Das ist schön, aber nicht neu. Zu größerer Form läuft Rogler dann auch auf, wenn er sich die deutschen Politgrößen um Angela Merkel und "Münte" vor die Brust nimmt. Auch wenn er aktuelle Entwicklungen meidet, ist seine Diagnose doch deprimierend genug.

Der Erfolg der deutschen Kabarettisten in den Medien scheint ihr Fluch zu sein. Standen Kabarettisten früher allenfalls vor dem Problem, wie sie angesichts eines mit ihnen übereinstimmenden Publikums Schneisen in eine asphaltierte Autobahn schlagen sollten, müssen sie sich heute auch noch in einem Dschungel an Mitbewerbern ein Alleinstellungsmerkmal erarbeiten. Rogler gelingt das in routinierter Professionalität, aber nicht immer mit sprühender Originalität. Dennoch wurde er mit stürmischem Beifall verabschiedet.