Wohngruppe für Demenzkranke

"Es ist nicht schlimm, dass sie alles vergessen hat"

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Christine Stanke

Boberg. Die erste Wohngemeinschaft, in der Anne Brüninghaus gelebt hat, war ein Männerhaushalt in der iranischen Hauptstadt Teheran.

Dort wohnte ihr guter Freund und späterer Ehemann Hans-Hermann mit seinen Kollegen und arbeitete für einen deutschen Telefonhersteller. Anne Brüninghaus gefiel es in Teheran, sie liebte Hans-Hermann, und einen Job fand sie dort auch. Deshalb zog sie kurzerhand in die WG ein.

Das ist 50 Jahre her. Nun zieht Anne Brüninghaus wieder in eine Wohngemeinschaft - diesmal ohne ihren Mann, aber mit acht Demenzkranken, für die am Boberger Dorfanger ein gemeinsames Zuhause entsteht. All die lustigen Begebenheiten aus ihrer ersten WG kann Anne Brüninghaus den neuen Mitbewohnern nicht mehr erzählen. Die Demenz hat ihre Erinnerung daran gelöscht. Ihr Mann hingegen hat nicht vergessen, wie sie beim Weihnachtsmenü in Teheran einen steinharten Wackelpudding serviert hat. Und wenn er diese Anekdote zum Besten gibt, dann lacht Anne Brüninghaus herzlich.

"Es ist nicht schlimm, dass sie fast alles vergessen hat. Ich weiß es schließlich noch", sagt Hans-Hermann Brüninghaus, den seine Frau schon immer "Moritz" genannt hat. Die 78-Jährige hat "Moritz" vor über 50 Jahren im heimischen Ruhrpott kennengelernt. Gemeinsam haben sie in Nahost, in Tansania, in Holland und der Schweiz gelebt. Immer mal wieder fragt "Moritz" seine Frau: "Weißt Du noch?" Und dann erzählt er von der überstürzten Hochzeit der beiden in Berlin: 1961, Anne schwanger, ohne Trauzeugen und Festlichkeit, einfach nur sie beide, mit der U-Bahn hin und zurück zum Standesamt. "Das habe ich vergessen", antwortet seine Frau dann ein bisschen traurig, Verwunderung in der Stimme.

Kurz darauf sagt sie akzentfrei "Grazie mille" und lächelt freundlich den Kellner an, der sie mit Antipasti und Weißwein bewirtet. Zum Glück weiß ihr Mann noch, dass sie gern italienisch Essen geht. Und deshalb probieren die beiden in Bergedorf, ihrer neuen Heimat, gleich ein italienisches Restaurant aus. Das alte Zuhause in der Schweiz ist aufgelöst, der 76-Jährige kann seine Frau nicht mehr alleine pflegen. Deshalb wird sie in zwei Wochen in die Awo-Wohngruppe am Boberger Anger ziehen. Ihr Mann lebt dann noch aus dem Koffer im Hotel und sagt: "Ich werde wohl hier in der Gegend eine Wohnung beziehen."

Jahrzehntelang ist Hans-Hermann Brüninghaus von Job zu Job durch die Welt gezogen. "Und ich gehe nicht mit, damit du es weißt", hatte Anne als junge Frau geschworen, als er sich für eine Stelle in Afrika bewarb. Sie folgte ihm doch, kümmerte sich um die beiden Kinder und den Alltag, hielt ihm "den Rücken frei". Das ist nun seine Aufgabe. In der Wohngemeinschaft richtet er gemeinsam mit Sohn Bastian ihr Zimmer ein. Er gibt an, was seine Frau gern essen möchte. Weiß, welche Musik und welche Bücher sie liebt, wann sie morgens aufsteht und wie sie ihren Espresso trinkt. Mit diesen Erinnerungen kann er für Anne Brüninghaus das schaffen, was sie ihm ein Leben lang überall auf der Welt geschaffen hat: ein schönes Zuhause.

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