Straßenbenennung

War Kritiker Pfohl ein Nazi-Freund?

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Anne K. Strickstrock

Bergedorf. Die Idee, im neuen Wohngebiet Am Güterbahnhof eine Straße nach dem Musikkritiker Ferdinand Pfohl (1862-1949) zu benennen, wurde jetzt im Hauptausschuss kontrovers diskutiert.

Während Dennis Gladiator (CDU) den Vorschlag begrüßte, meldete Stephan Jersch (Die Linke) Bedenken an: "Pfohl hat sich oft in seiner Wortwahl vergriffen, schrieb etwa von 'Niggermusik' und wollte sich den Nationalsozialisten anbiedern", sagt Jersch. Der Mann, der um die Jahrhundertwende in Bergedorf lebte, sei "kein Ruhmesblatt für eine Straßenbenennung".

Tatsächlich mit Bedacht sind Pfohls Texte zu lesen, etwa als in Hamburg die Jazz-Oper "Jonny spielt auf" von Ernst Krenek aufgeführt werden sollte: "Das ist Musik für Untermenschen und die Paviane der Gosse", schrieb Pfohl. Die Nationalsozialisten aber nannten Krenek, Sohn eines Tschechen, "Kulturbolschewist" und verboten seine Werke nach 1933.

Auch andernorts fielen Pfohls Worte auf: Zum Festakt des "Reichs-Brahmsfestes" in Hamburg hielt er im Mai 1933 eine 28-seitige Festrede, in deren letzten vier Sätzen elfmal das Wort "deutsch" verwendet wurde. Doch eine Arbeitsgruppe "Exilmusik" der Uni Hamburg bescheinigte Pfohl 1997, er spreche: "keineswegs eine klar nationalsozialistische Sprache", zudem habe er die "ungarische Zigeunermusik" von Brahms gelobt. Der Schluss wirke "fast wie ein widerwillig angefügter Absatz. . . als Zugeständnis an das politische Gewollte und Gewünschte der neuen Machthaber."

Ähnlich sieht es auch der Enkel Dr. Rudolf Hayo Pfohl: "Er war in keiner Weise positiv zu den Nazis eingestellt, politische Äußerungen sind mir nicht bekannt." Der merkwürdige Absatz in der Rede sei "damals wohl so üblich" gewesen.

Mit dem Enkel ist unser ehemaliger Kollege Peter von Essen aufgewachsen: "Wir spielten zusammen. Denn Musikkritiker Pfohl, den ich als Sechsjähriger 'Onkel Lala' nannte, war Mieter bei meinen Großeltern. Wir wohnten an der Hansastraße, heute Gräpelweg 13." Oft habe Pfohl in einem Korbstuhl gesessen und sich - mit einem verknoteten Taschentuch auf dem Kopf - gesonnt. Von Essen: "Ich erinnere, dass meine Mutter mal sagte, er würde schlecht über die Bergedorfer Nazi-Oberen sprechen."

Dr. Geerd Dahms, Leiter des Kultur- und Geschichtskontors am Reetwerder, warnt vor voreiliger Verurteilung: "Der Mann war schon 71, als er die Rede hielt. Da hatte er seine Forschung und Lehre längst abgeschlossen."

Der Hauptausschuss jedenfalls stimmte der Straßenbenennung zu und wünscht, "dass das Staatsarchiv das noch mal gegencheckt", so Werner Omniczynksi (SPD).

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