Serie: Lichtwark-Heft

Als Frauen lernen durften

| Lesedauer: 3 Minuten
Ulf-Peter Busse

Foto: BGZ / Christina Rückert / Christina Rückert

Bergedorf. Frauen haben in Bergedorf erst seit 121 Jahren die gleiche Chance auf Bildung wie Männer. Zuvor blieben die Schulen fast allen Mädchen verschlossen.

Selbst fortschrittliche Schulreformatoren wie der Hamburger Johann Bugenhagen sahen höchstens zwei Stunden Unterricht pro Tag für Frauen als ausreichend an - bei einer Schulzeit von zwei Jahren. Auch sie beriefen sich auf das klare Rollenbild der Bibel, wo es unter anderem vom Apostel Paulus heißt: "Die Weiber seien untertan ihren Männern als dem Herrn. Denn der Mann ist des Weibes Haupt."

Wie es in Bergedorf gelang, diese mittelalterliche Diskriminierung in den Bildungschancen endlich zu überwinden, beschreibt Harald Richert (87) im jüngsten Lichtwark-Heft (5,20 Euro in allen Bergedorfer, Reinbeker und Wentorfer Buchhandlungen). Er gibt einen detaillierten Einblick in die " Mädchen- und Frauenbildung früher in Bergedorf und Hamburg". Dabei spielen die drei großen Mädchenschulen an der Bille die entscheidende Rolle: die im Jahr 1888 gleichzeitig gegründeten Bildungsstätten Luisenschule und Schule zur Brauerstraße (heute Teil der Handelsschule an der Chrysanderstraße) sowie die Schule am Birkenhain (heute Schule Ernst-Henning-Straße) von 1915.

Das Jahr 1888 markiert in Bergedorf also den Beginn der Bildungsgerechtigkeit für Frauen. Erst seit 121 Jahren gibt es hier echte Chancen für breite Schichten, dem weiblichen Nachwuchs eine umfangreicher schulische Ausbildung zukommen zu lassen. Nach vereinzelten privaten Vorläufern und dem Versuch, an der Stadtschule Am Brink (heute Rudolf-Steiner-Schule) Mädchenklassen einzurichten, bezogen 1888 gleich zwei Mädchenschulen eigene Gebäude.

Die Stadtschule lagerte ihre immerhin schon fünf Mädchenklassen mit mehr als 200 Schülerinnen in den Neubau neben der heutigen Feuerwache an der Chrysanderstraße aus. Für Mädchen (und Eltern) "mit gehobenen Ansprüchen" startete kaum 200 Meter entfernt an der Ecke Am Baum/Gräpelweg die privat gegründete Luisenschule mit 46 Schülerinnen in ebenfalls fünf Klassen. Sie zog 1911 in die spätere Behördenvilla am Duwockskamp 1 und 1931 schließlich in ihr heutiges Domizil am Reinbeker Weg 76. Im Jahr 1933 bestanden an der Luisenschule die ersten zwölf Bergedorferinnen ihr Abitur.

Die Schule Ernst-Henning-Straße zeigt heute erst auf den zweiten Blick ihre einst strikte Teilung in Mädchen- und Knabenschule: Diese zu den schönsten Bergedorfer Schulen zählende Einrichtung besteht aus zwei fast identischen Gebäuden. Grund dafür ist die 1915 erfolgte "Nachrüstung" der Mädchenschule als Neubau hinter der bereits bestehenden Knabenschule an der heutigen Spieringstraße. Die 1915 hier eingeschulten 458 Mädchen in elf Klassen erreichten ihre Schule über einen eigenen Eingang von der heutigen Ernst-Henning-Straße her.

Der riesige Andrang zeigt, dass die Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Bildung zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch in den Köpfen der Bergedorfer Familien endlich überwunden war. Was aus heutiger Sicht unvorstellbar spät klingt, mag eine andere Jahreszahl relativieren: Erst 1919 wurde in Deutschland das allgemeine Wahlrecht für Frauen eingeführt.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Bergedorf