Pavillondorf

Ein Dorf voller Hoffnungen auf ein besseres Leben

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Victoria Kirjuschkin

Viele Autos, Busse und Lastwagen fahren jeden Tag den Curslacker Neuen Deich entlang. Doch was hinter dem dichten Wäldchen liegt, das die Hauptverkehrsstraße zwischen Autobahn A 25 und Curslack säumt, wissen nur Wenige.

Obdachslose, Zuwanderer und Spätaussiedler sind am Curslacker Neuen Deich 80 zu Hause.

"In unserem Pavillondorf leben 455 Menschen, zum Teil Familien, aber auch alleinstehende Männer und Frauen", sagt Gabriele Ullmann, Leiterin der seit 16 Jahren bestehenden Wohnunterkunft. Obdachlose, Zuwanderer und Spätaussiedler sind in den 20 zweigeschossigen Holzgebäuden zu Hause. Neben einer Gemeinschaftsküche, jeweils zwei Waschräumen, Duschen und WCs gibt es auf jeder Etage sechs Zweibettzimmer, alle etwa 15 Quadratmeter groß. "Vierköpfige Familien bewohnen zwei Räume, die mit einer Tür verbunden sind", sagt die 51-Jährige. Das ermöglicht wenigstens ein bisschen Privatsphäre. Alleinstehende müssen sich das Zimmer mit einem Fremden teilen.

Nicht immer passen die Mitbewohner zusammen. "Eine unsere Hauptaufgaben ist es, für den sozialen Frieden und Ordnung zu sorgen", sagt Gabriele Ullmann. Sie und ihre drei Kollegen sind wochentags zwischen acht und 16 Uhr als Ansprechpartner für alle Sorgen, Ängste und Fragen der Bewohner da, die aus 30 Nationen wie der Russischen Föderation, Syrien, Togo, Serbien, China oder dem Iran stammen. "Es leben aber auch immer mehr wohnungslose Deutsche hier", sagt Wolfgang Vogel, einer der Mitarbeiter im Pavillondorf.

Eine von ihnen ist Beate Kock. "Als meine Großeltern, bei denen ich aufgewachsen bin, starben, sackte ich völlig ab", erzählt die 41-Jährige. Das unstete Leben hatte seinen Preis: Erst wurden ihr ihre Kinder weggenommen, dann ihre Bezüge bei der Arge gestrichen, irgendwann musste sie aus der Wohnung raus. Seitdem lebt sie vom Flaschen sammeln, Essen gibt's bei der Tafel, Kleidung von der Heilsarmee. In kleinen Schritten kehrt Beate Kock nun in ihr altes Leben zurück. "Ich habe 30 Kilogramm abgenommen." Seit kurzem darf sie ihre 16- und 17-jährigen Söhne wieder sehen, wird auch mit ihnen Weihnachten feiern. "Bald bekomme ich hoffentlich eine Krankenversicherung", sagt die gelernte Hauswirtschafterin. Dann lässt sie sich ihre Zähne machen, hofft, bei der Wohnungs- und Arbeitssuche erfolgreich zu sein.

Langsam, aber sicher voran geht es auch bei Rolf Clasen. "Seit kurzem habe ich einen Roller und einen neuen Fernseher", sagt der 43-Jährige. Er lebt von Hartz IV und verkauft die Straßenzeitung "Hinz und Kunzt". "Seit sieben Wochen bin ich trocken", sagt er. Alkohol, das war der Hauptgrund, warum sich seine Frau vor eineinhalb Jahren von ihm trennte. "Ich habe dann alles schleifen lassen, bin irgendwann auf der Straße gelandet." Die einzige Bezugsperson ist sein Freund Otto. "Wir kennen uns seit 30 Jahren." Mit ihm teilt Clasen jetzt auch das Zimmer. Der sehnlichste Wunsch des Familienvaters: "Ein Job", sagt er.

"Das hier ist nicht meine Lebensform"

Kellner sowie Lkw- und Busschlosser habe er gelernt. "Arbeit finde ich aber erst, wenn ich eine Wohnung habe." Auch wenn Rolf Clasen die Betreuer des Pavillondorfes nett und die Landschaft schön findet. "Das ist nicht meine Lebensform", sagt er. Es sei nicht immer leicht, die Menschen vieler unterschiedlicher Kulturen und Religionen zu verstehen.

Wo er hingehört, das kann Ibrahim Hassanali gar nicht mehr so genau sagen. Seit 1995 Jahren lebt der gebürtige Ägypter in Deutschland. "Ich bin damals meinem Vater nachgereist, der hier am Curslacker Neuen Deich lebte", erzählt der 38-Jährige. Als er sein Geburtsland verließ, hatte "Hassan", wie ihn alle nennen, die Schule abgeschlossen, war beim Militär und sehnte sich nach mehr, als das, was ihn zu Hause erwartete. Dank eines Visums mit Arbeitslaubnis war sein Start in Deutschland auch ganz gut: "Bis 1999 arbeitete ich." Dann wurde ihm die Arbeitserlaubnis entzogen.

Ibrahim Hassanali wird in Deutschland lediglich als Flüchtling geduldet. Auch finanziell sieht es nicht gut aus. "Ich lebe von 184 Euro im Monat", sagt der 38-Jährige. Das reicht vorne und hinten nicht. Und trotzdem: Eine Suppenküche besuchen kann "Hassan" nicht. Dazu ist der 38-Jährige zu stolz. Auch in der Moschee war der gläubige Moslem lange nicht. "Es ist mir unangenehm, Gleichaltrigen zu begegnen, die Familie und einen Job haben", sagt er. Er selbst wünscht sich nichts mehr als das.

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