Schulbus

Und täglich grüßt der Busfahrer

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Christine Stanke

Stellen Sie sich vor, auf der Rückbank Ihres Wagens sitzt eine Meute Schulkinder. Der Unterricht ist für heute zu Ende, alle haben Hunger, sind müde und aufgekratzt zugleich, reden und streiten, lachen und weinen.

Hubert Arndt fährt seit über 20 Jahren Grundschulkinder heim - und kennt alle persönlich.

Bitte verdoppeln Sie im Geiste nun die Anzahl der Kinder, verdreifachen Sie den Geräuschpegel und vervierfachen Sie Ihre Fahrstrecke. So sieht der Arbeitsalltag des Busfahrers Hubert Arndt aus.

Seit mehr als 20 Jahren bringt er die Erst- und Zweitklässler der katholischen Grundschule an der Chrysanderstraße nach dem Unterricht nach Hause und holt sie morgens wieder ab. "Und dabei habe ich wirklich Spaß. Wenn Ferien sind, fehlen mir die täglichen Fahrten mit den Kindern richtig", schwärmt er von seinem rollenden Arbeitsplatz.

Noch parkt sein knallgelber Bus mitten auf dem Schulhof, die Kindersitze sind leer, das Radio dudelt. Kurz nachdem ein lauter Gong den Unterricht beendet hat, stürmen die kleinen Fahrgäste auf Busfahrer Arndt zu. Vor seinen Füßen türmen sich Rucksäcke und Turnbeutel, Jacken und Mützen. "Ich möchte vorne sitzen, darf ich nach vorne, ach bitte", ruft Erstklässler Christoph und schlüpft auf den Vordersitz. Die Zweitklässlerinnen Marielena und Sarah sitzen schon auf den hinteren Plätzen, kichernd und quatschend.

"Ah, da kommt ja der Käpt'n", ruft Hubert Arndt und hilft dem vierjährigen Adrian in den Bus. "Er ist der Kleinste, und damit er sich neben den Großen selbstbewusster fühlt, nenne ich ihn unseren Käpt'n", erklärt Arndt, verstaut alle Schultaschen, gibt eine Runde Bonbons aus und schwingt sich hinters Steuer. Hier ist er nie allein: Papa Schlumpf sitzt mit seiner roten Mütze hinter der Windschutzscheibe. Auch an der Sonnenblende klemmen zahlreiche Stofftiere und von Kindern gesammelte Herbstblätter.

Heute ist Hubert Arndts Runde nicht groß: Von der Chrysanderstraße fährt er in die Justus-Brinkmann-Straße und setzt dort den siebenjährigen Johann ab. Die Mutter wartet schon mit dem kleinen Bruder an der Hand vor der Haustür. "Vom ersten Schultag an ist Johann mit Herrn Arndt gefahren", erzählt Ilka Lemke-Seeliger, die dank des Bus-Services nicht mit anderen Eltern eine Fahrgemeinschaft gründen muss. "Das ist super und spart viel Zeit", sagt die in Teilzeit tätige Rechtsanwältin, die Johann noch bis zum Ende der zweiten Klasse von Hubert Arndt mitnehmen lässt. Dann muss der Junge seinen Platz für Jüngere räumen und mit dem Fahrrad zur Schule fahren.

Johann winkt noch einmal seinen Freunden in dem gelben Bus, der nun Kurs auf die Kita "Bergedorfer Kids" an der August-Bebel-Straße nimmt. Hier steigen fast alle Kinder aus. "Der Käpt'n ist schon eingeschlafen", stellt Arndt schmunzelnd fest, als er am Straßenrand parkt und die Tür öffnet. Sanft weckt er Adrian und hilft ihm in seine Jacke. Um kurz nach zwei Uhr ist seine Runde beendet. "Ich habe aber schon Schüler nach Aumühle, Geesthacht und zum Zollenspieker gefahren", erinnert sich der 69-Jährige.

Wenn er durch die Straßen kurvt, winken nicht nur Grundschüler, es grüßen auch Teenager und sogar deren Eltern den Mann, der seit 1981 am Steuer des Kleinbusses sitzt. "Viele von ihnen kenne ich als kleine Passagiere", sagt Arndt. Nicht alle waren glücklich plappernde Fahrgäste, einigen kamen nach dem Schließen der Bustür auch mal die Tränen. "Ärgere dich nicht", sagt Arndt, der selbst dreifacher Vater ist, in solch brenzligen Situationen. Genauso wie er einfach nur "Das dürft ihr nicht machen, und fertig!" sagt, wenn die Kinder es zu bunt treiben und Blödsinn machen.

"Nein, so richtig aufgeregt habe ich mich eigentlich noch nie", sagt der Busfahrer, der aus Oberschlesien stammt und dort als 16-Jähriger begann, in den Minen "unter Tage" zu schuften. Die Arbeit als Bergmann ist schon lange Vergangenheit; der Job als Busfahrer hingegen soll nie in Vergessenheit geraten. "Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das wird, wenn ich aufhöre", sagt Arndt, der privat nur mit dem Fahrrad unterwegs ist. Ohne eine lärmende Kindermeute auf der Rückbank macht ihm das Bus- und Autofahren nämlich einfach keinen Spaß.

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