Ruth Maria Kubitschek

"Der Tod soll kein Feind, sondern unser Freund sein"

| Lesedauer: 4 Minuten
Christine Stanke

An ausgebrannte Autowracks, den Tod und die Trauer erinnern nur noch schlichte Holzkreuze am Straßenrand. Die Blumen vor den Kreuzen stammen von Partnern und Kindern, Vätern und Müttern, allen Trauernden, die sich unerwartet verabschieden mussten.

Die Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek hat ein Buch über eine Frau geschrieben, die Tochter und Schwiegersohn durch einen Unfall verliert. Am kommenden Sonntag liest sie von 11 Uhr an im Haus im Park, Gräpelweg 8, aus ihrem Buch "Im Fluss des Lebens" (Eintritt sieben Euro). Im Anschluss spricht sie mit dem NDR-Journalisten Burkhard Plemper und mit dem Publikum. Der "bz" erzählte die Autorin, was sie zu ihrem Werk inspirierte.

Frau Kubitschek, mit Ihrem Buch greifen sie wohl eine der größten Ängste Ihrer Leser auf. Warum wagen Sie sich an das Tabu-Thema Tod?

Kubitschek: Wir alle wissen sicher, dass wir eines Tages sterben. Deshalb sollte der Tod nicht unser Feind sein, sondern vielmehr ein Freund, der unser Leben verändern wird. Denn das Leben hört nie auf, auch nicht mit dem Tod, wir leben in anderen Variationen weiter. Davon möchte ich in meinem Buch erzählen.

Das klingt nach einer eigenwilligen Auslegung der christlichen Lehre. Wie steht denn die Kirche zu Ihren Ansichten?

Tja, da steht mein Buch wohl eher auf der Liste ungeliebter Schriften. Immerhin zelebriert die Hautperson Agnes am Sterbebett ihrer Tochter ein Ritual aus den ägyptischen und tibetischen Totenbüchern und geleitet sie so in eine andere Welt. Ich glaube an die Wiedergeburt, beziehe mich dabei auf buddhistische, hinduistische, aber auch auf frühchristliche Quellen.

Sie sind katholisch erzogen, als Kind sollen Sie regelrecht für die katholische Kirche geschwärmt haben?

Ja, das stimmt, dieses ganze Brimborium, die Gewänder, der Weihrauch, das Blumenstreuen an Fronleichnam, das alles hat mich beeindruckt und meine theatralische Ader berührt. Allerdings trat die gesamte Familie nach einem Streit über die Bestattung meines Großvaters aus der Kirche aus. Und seitdem habe ich einen eigenen Glauben entwickelt. Mein Vater sagte immer: Beten kannst Du überall, hier im Wald und auf dem Feld, da ist Gottes Schöpfung.

Sie lehnen also die Mystik der Kirche und ihre gewählte Symbolik ab?

Nun ja, die Reformation musste schon sein, und inzwischen wäre es wohl an der Zeit, erneut zu reformieren. Christliche Symbole, wie zum Beispiel das Kreuz mit dem leidenden Jesus, finde ich furchtbar. Das Kreuz ist ein altes Folter- und Mordinstrument. Viel schöner wäre es, den segnenden Christus als Symbol zu wählen.

Neben dem Tod geht es in Ihrem Buch um ein weiteres Tabu-Thema, nämlich Liebe und Sex im Alter.

Ja, viele Frauen haben im Alter eine oder mehrere enttäuschte Liebesbeziehungen hinter sich...

...und finden keinen neuen Partner?

Ja, schauen Sie sich um, es gibt so viele schöne, alleinstehende Frauen, mit oder ohne Kinder. Viele haben die Schnauze voll von der Liebe. Dabei sollte es darum gehen, eine neue Liebe zu finden. Eine Liebe, in der sich beide Partner gleichwertig gegenüberstehen, und nicht als Teil eines anderen fühlen.

Das klingt, als ob Sie selbst diese Erfahrung gemacht haben.

Wer das Buch aufmerksam liest, erfährt alles, was ich als Frau erlebt habe. Sogar die Liebesszenen müssen der Realität nachempfunden sein, um authentisch zu wirken. Ich habe beim Schreiben wohl viel verarbeitet, oft war ich total verheult. Dabei sind die Kapitel im Rückblick gar nicht so dramatisch.

Sie sind geschieden, allerdings schon lange wieder in einer festen Beziehung. Haben Sie sich mit Ihrer männlichen Hauptperson Reto den idealen Mann gebacken?

(lacht) Oh ja, und zwar nur mit den besten Zutaten. Einige Frauen haben mich schon gefragt, ob es Reto auch in Wirklichkeit gibt - so wie auch eine andere Figur namens Katharina, die tatsächlich fast eins zu eins meiner Freundin gleicht. Aber nein: Reto ist nur eine Fantasiegestalt.

Manche werden Ihr Buch als Unterhaltung abtun. Stört Sie das?

Nein, eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte. Ich habe nicht den Anspruch, Literatur zu schreiben. Das Buch wird außerdem wie auch schon das vorige Buch "Der indische Ring" verfilmt.

Mit Ihnen in der Hauptrolle als Agnes?

Ja, das ist auch meine Wunschrolle. Denn ich kann beispielsweise bei der Sterbezeremonie in Gedanken mitspielen, was nicht im Drehbuch steht.

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