Reichspogromnacht

Pastor Veit Buttler, Gedenkstättenarbeit Neuengamme

Am morgigen Sonntag jährt sich zum 70. Mal die damals der vielen Glasscherben wegen spottend und sarkastisch genannte Reichskristallnacht. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in ganz Deutschland und Österreich Synagogen in Brand gesteckt und jüdische Friedhöfe verwüstet.

Tausende Geschäfte und Wohnungen jüdischer Bürger wurden zerstört und geplündert, hunderttausende Männer, Frauen und Kinder gedemütigt und erniedrigt.

Allein in diesen Tagen wurden fast 30 000 Menschen jüdischen Glaubens unter den Augen ihrer Mitbürger verhaftet und in die zahlreichen Konzentrationslager gebracht. Viele starben an den Folgen der Haft, durch Terror und Gewalt.

Es war das Startsignal für die schrecklichsten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte, der öffentlich inszenierte Auftakt zum Völkermord an den europäischen Juden - geduldet, begrüßt und getragen von Vielen.

Auch die Kirchen haben damals zu alledem weitgehend geschwiegen, obwohl sie doch laut ihres biblischen Auftrags hätten schreien müssen: "Feuer"!

Was mit der systematischen Entrechtung und Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung begann, endete in der industriell organisierten Ermordung von Millionen von Menschen.

Morgen, am 9. November 2008, wird auch die diesjährige ökumenische Friedensdekade der Kirchen eröffnet. Beides - die Erinnerung an die Reichspogromnacht und die Eröffnung der Friedensdekade geschieht im Gedenken an die zahllosen Opfer von Hass, Gewalt und Gleichgültigkeit und lenkt den Blick auf unsere Verantwortung für die Gegenwart. Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind auch heute noch Ausdruck einer menschen- und lebensverachtenden Haltung, die ein friedliches und gleichberechtigtes Zusammenleben gefährden.

Darum müssen wir uns erinnern und aufmerksam sein - denn schon im Kleinen fängt Ausgrenzung und Intoleranz an. Und dann gilt es die Stimme zu erheben. So, wie es die Bibel schon immer anmahnt: "Tue deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind" (Sprüche 31,8).

Schweigen und Gleichgültigkeit dulden Verbrechen, damals wie heute.

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