Judenverfolgung in Bergedorf

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Ulf-Peter Busse

Das Drama der Judenverfolgung - es geschah vor 70 Jahren auch mitten in Bergedorf. Am morgigen Sonntag jährt sich der Tag, an dem sich 1938 das Schicksal der Familie Tichauer verdunkelte. Es war die Reichspogromnacht, jene Nacht, in der die Nazis in ganz Deutschland die Synagogen anzündeten und die systematische Judenverfolgung begann.

Die Reichspogromnacht jährt sich morgen zum 70. Mal. Bergedorf will der verschleppten Familie Tichauer gedenken.

Das Haus, in dem der jüdische Zahnarzt Ernst Tichauer damals zusammen mit seiner Frau Elisa und den Kindern Helga (17) und Klaus (15) eine Wohnung im zweiten Stockwerk bewohnte, steht noch heute: an der Alten Holstenstraße 61, direkt neben der Dresdner Bank. Hier will die Bezirksversammlung in den nächsten Wochen eine sogenannte Schwarze Tafel mit den Namen der Tichauers anbringen lassen, als unübersehbaren Hinweis auf diese Stätte der Verfolgung.

Die Geschichte der Tichauers hat der Leiter des Bergedorfer Museums, Stefan Petzhold, im Schlossheft 8 "Juden in Bergedorf" ausführlich beschrieben: Ernst Tichauer praktizierte seit 1920 als Zahnarzt an der Alten Holstenstraße und wohnte im heutigen Haus Nummer 61. Seit 1933 sah sich die gesamte Familie immer heftiger werdenden Anfeindungen von staatlichen Institutionen gegenüber. Vor allem die Kinder, Schüler der Hansa- und der Luisen-Schule, wurden schikaniert, durften an Ausflügen und den Theaterkursen nicht teilnehmen.

1938 verlor Ernst Tichauer seine Approbation als Zahnarzt, wie alle jüdischen Kollegen. Das bedeutete Berufsverbot. Seine Kinder wurden Anfang November wegen ihres Glaubens der Schule verwiesen. Dann ging alles ganz schnell: Am Tag nach dem Pogrom, am 10. November, wurden Vater und Sohn verhaftet. Ernst Tichauer blieb mehrere Wochen im KZ Fuhlsbüttel.

War er bis dahin noch überzeugter Deutscher, immerhin im Ersten Weltkrieg als Soldat für besondere Tapferkeit mit dem "Eisernen Kreuz Erster Klasse" ausgezeichnet, beschlossen er und seine Frau nun, zumindest die Kinder außer Landes zu bringen. Es sollte ein Abschied für immer werden, als Klaus und Helga am 2. Februar 1939 am Dammtor-Bahnhof im Zug nach Holland und von dort per Schiff weiter nach England fuhren.

Schon bald riss auch der Briefkontakt ab: Die Kinder wurden in Großbritannien so oft in neue Unterkünfte gebracht, dass sich ihre Spur verlor. Die Eltern mussten im Frühjahr 1939 in ein "Judenhaus" in Hamburg umziehen. 1941 wurden sie ins Ghetto nach Minsk deportiert, wo sie die Nazis 1943 töteten.

Die Kinder verschlug es in den 1940er-Jahren nach Kanada. Zurück nach Deutschland sind sie nie wieder gekommen.

Ob das alte Bergedorfer Wohnhaus der Familie Tichauer nun eine Schwarze Tafel mit ihren Namen erhalten wird, ist Entscheidung der Kulturbehörde. "Es wäre die 32. dieser Tafeln", sagt Sprechern Ilka von Bodungen. "Allerdings sind die eigentlich besonders markanten Stätten der Verfolgung im Dritten Reich vorbehalten, etwa KZ-Außenlagern oder Gefängnissen."

* Einen Vortrag über die Judenverfolgung in Bergedorf hält heute Bergedorfs ehemaliger Museumsleiter Alfred Dreckmann. Beginn ist um 18 Uhr im Café Flop an der Wentorfer Straße 26. Der Eintritt ist frei.

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